Vom evolutionären Nutzen der Religion Nach den Kriterien der evolutionären Selektion sollten sich jene Eigenschaften durchsetzen, die der jeweiligen Art auf irgendeine Weise von Nutzen sind. Was aber ist für den Menschen der evolutionäre Nutzen von Religion? Diese Frage beschäftigt seit einigen Jahren Anthropologen und Evolutionsbiologen (siehe auch ZEIT Nr. 1/09), und einer der markantesten Vertreter dieser neuen Forschungsrichtung ist Richard Sosis,◗ Anthropologe an der University of Connecticut.◗ ◖Er hat unter anderem das Schicksal von 200 alternativen Kommunen untersucht, die im 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten entstanden – anarchistische Gruppen, sozialreformerische Kommunen und religiöse Gemeinden. Dabei stellte Sosis fest: Die religiösen Gruppen wiesen im Schnitt eine vierfach höhere »Überlebenswahrscheinlichkeit« auf als die weltlichen. Während die säkularen Kommunen maximal vierzig Jahre hielten, hatten auch nach achtzig Jahren noch 20 Prozent der religiösen Kommunen Bestand. Dabei reüssierten vor allem jene religiösen Gemeinden, die den Lebensstil ihrer Mitglieder besonders stark reglementierten. Vom Verbot von Alkohol über Kleidungsvorschriften bis hin zu Geboten wie Fastenzeiten oder Zölibat – je mehr ◖Einschränkungen◗ eine religiöse Gemeinschaft praktizierte, umso länger überdauerte sie.◗ ◖Zu einem ähnlichen Resultat gelangte Sosis, der zeitweilig an der Hebrew University in Jerusalem lehrte, auch bei einer Untersuchung von 270 israelischen Kibbuzen. Seiner Analyse zufolge wirtschafteten dabei jene Gemeinschaften am erfolgreichsten, die dezidiert religiös ausgerichtet waren, obwohl sie eine ganze Reihe von Geboten befolgen, die aus ökonomischer Sicht kontraproduktiv erscheinen (etwa das Verbot, am Sabbat Kühe zu melken). Doch während in den weltlich orientierten Kibbuzen die Mitglieder mehr miteinander konkurrierten, fühlten sich die religiösen Kibbuzniks durch ihren Glauben zusammengehalten und arbeiteten solidarischer und besser zusammen, wie Sosis nachwies.◗ ◖Aus Sicht des jüdischen Religionsanthropologen weisen solche Ergebnisse auf eine verhaltensbiologisch wichtige Funktion des religiösen Glaubens hin. Schließlich sieht sich jede Gemeinschaft mit zwei widerstreitenden Tendenzen konfrontiert: Einerseits profitiert jedes Mitglied vom Gruppenzusammenhalt; andererseits besteht für jeden Einzelnen die Versuchung, sich auf Kosten der Gruppe Vorteile zu verschaffen. Dem lässt sich mit Verweis auf ◖gemeinsame religiöse Gebote◗ offenbar wirkungsvoll begegnen. Denn anders als politischen Gesetzen kommt religiösen Dogmen eine höhere Autorität zu, der man sich mit größerer Bereitschaft unterwirft. Außerdem demonstrieren die Gemeindemitglieder mit der Anerkennung der jeweiligen religiösen Vorschriften und Einschränkungen, dass sie gewillt sind, der Gemeinschaft auch etwas zu opfern, und stellen so ihre ◖Verbindlichkeit◗ wirkungsvoll unter Beweis.◗ ◖Evolutionsbiologen sprechen in diesem Zusammenhang auch von einem ◖costly-to-fake-principle◗ ◖,◗ von einem »schwer zu fälschenden Signal«: Je mehr man einer Gemeinde opfern muss, umso geringer ist die Neigung, sein Engagement für die Gruppe nur vorzutäuschen. Und religiöse Vorschriften und Gebote eignen sich – wie Sosis Arbeiten zeigen – hervorragend als kostspielige Signale. bel◗

 
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