Öffentlicher Dienst Staatsdiener zweiter Klasse

Die Beschäftigten der Länder wollen dasselbe verdienen wie ihre Kollegen bei den Kommunen. Ein Streik träfe Schüler, Kranke und Autofahrer

Der Dienstag vergangener Woche war ein schöner Tag für Arne. Kein Mathe, kein Englisch, keine Klausur: Der 17-jährige Gymnasiast hatte unverhofft schulfrei. Seine Lehrer in Taucha bei Leipzig streikten. Weil Sachsens Pädagogen Angestellte sind und nicht Beamte, konnten sie ihren Gehaltsforderungen so Nachdruck verleihen. Allerdings hatten sie die Eltern vorgewarnt. Und für Kinder, die nicht zu Hause bleiben konnten, gab es eine Betreuung in der Schule. »Das hat gut funktioniert«, sagt Arnes Mutter Gisela Grüneisen, Vorsitzende des sächsischen Landeselternrats. Sie hat Verständnis für die Warnstreiks der Lehrer.

Am kommenden Wochenende verhandeln Arbeitgeber und Arbeitnehmer zum dritten Mal über die Bezahlung der Angestellten bei den Bundesländern. Falls die Parteien sich nicht einigen, könnten aus den Warnstreiks dauerhafte Streiks werden – und Arne hätte häufiger frei, als ihm mit Blick aufs Abitur lieb ist.

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Die Gewerkschaften fordern acht Prozent mehr Lohn binnen zwei Jahren. Genau das haben der Bund und die Kommunen ihren Angestellten schon vergangenes Jahr zugestanden. Die Mitarbeiter der Bundesländer, für die getrennt verhandelt wird, wollen nun ihren kommunalen Kollegen gleichgestellt werden. Das würde für dieses Jahr gut fünf Prozent mehr bedeuten. »Unser primäres Ziel ist, dass wir bei der Bezahlung wieder Anschluss an die Kommunen bekommen«, sagt der ver.di-Verhandlungsführer Achim Meerkamp. Eine Krankenschwester leiste ja dieselbe Arbeit, egal, ob sie in einem städtischen Krankenhaus oder einer Uni-Klinik des Landes beschäftigt sei.

Die Vertreter der Länder finden die Forderung indiskutabel. Aus ihrer Sicht war der kommunale Abschluss viel zu hoch. Bislang hatten sie den Gewerkschaften noch kein Angebot vorgelegt. Doch das wird sich jetzt ändern. »Ich setze im Vorfeld keine Zahl in die Welt. Das tue ich erst am Wochenende, wenn ich mit den Gewerkschaften an einem Tisch sitze«, sagt der niedersächsische Finanzminister Hartmut Möllring, der die Arbeitgeber vertritt. Und: »Wenn wir uns auf eine Summe einigen, die in diesen Zeiten machbar ist, werden wir die Verhandlungen am Wochenende abschließen. Andernfalls müssen wir uns noch ein viertes Mal treffen.« Die Gewerkschaften hingegen drohen mit Streik, wenn es nicht endlich zu einem Abschluss kommt. Und erinnern an die letzten Verhandlungen mit den Ländern, die 2006 von einem 14-wöchigen Ausstand begleitet waren.

Für Andreas Tecklenburg wäre es ein Albtraum, wenn sich das wiederholen würde. Als Vizepräsident der Medizinischen Hochschule Hannover ist er dort für die Krankenversorgung zuständig. Den Warnstreik in der vergangenen Woche fand er »wenig aufregend«, die ausgefallenen Operationen waren schnell nachgeholt. Einen wochenlangen Streik wie 2006 hingegen, als täglich verzweifelte Briefe von vertrösteten Kranken eingingen, möchte er nicht noch mal erleben. »Das war richtig schlimm«, sagt er. »Und auch innerhalb der Klinik ist viel Porzellan zerbrochen. Es hat lange gedauert, das zu kitten.«

So hofft er auf eine schnelle Einigung, zumal ihm die bessere Bezahlung bei den kommunalen Häusern zu schaffen macht. Er erhält inzwischen »deutlich weniger« Bewerbungen – ein Problem besonders im hoch qualifizierten Bereich der Intensivpflege. Und vereinzelt sind schon Schwestern aus finanziellen Gründen an Hannovers städtische Kliniken gewechselt. »Wir haben da einen Wettbewerbsnachteil«, sagt Tecklenburg. »Es ist langfristig ganz wichtig, wieder gleich zu bezahlen.«

Leser-Kommentare
  1. u.a. dazu führte, dass inmitten der Finanzkrise aus Steuergeldern mitfinanzierte Millionen-Boni an "Not leidende" Bankmanager ausgeschüttet werden sollen.
    Da verzichtet unsereiner mit einem 7,9 %igen Reallohnverlust seit 2004 doch gerne noch etwas länger auf eine Anhebung seines Verdienstes.
    "Staatsdiener zweiter Klasse" trifft es, wie ich finde, leider sehr gut Frau Meyer-Timpe.

    • tzeuch
    • 14.02.2009 um 22:42 Uhr

    Das gemeinsame Vorgehen von Verdi und Beamtenbund hat etwas skurriles an sich. 2006 haben Schwestern und Pfleger dafür gestreikt, dass sie keine Familienzulagen wie Beamte mehr erhalten, sprich das der TV-L eingeführt wird. Grund war wohl die Verdi-Binnensolidarität mit den Bankern etc., die im Nicht-öffentlichen Dienst keine Familienzulagen bekommen. Festangestellten Früheinsteigern bietet der TV-L Vorteile, da sie nun viel früher ihr Entgehalt erreichen. Dann hört es schon auf. Nun sollen die Lohnerhöhungen 1-1 von den Tarifbeschäftigten auf Beamte übertragen werden. Dummerweise werden Akademiker mit langer Ausbildungszeit durch den TV-L abgestraft, da ihr Entgehalt gekürzt und sie somit keinen Vorteil durch das schnellere Erreichen der Endstufe haben. Für Beamte gilt das (noch) nicht.
    Folge: Der sächsische Lehrer, 30 Jahre alt, mit zwei Kindern (ohne Zulage) streikt dafür, dass der thüringische verbeamtete Lehrer auch 30 mit zwei Kindern 100 € mehr bekommt, obwohl er nicht streiken kann, während der Sachse nur 66 € mehr bekommt. Unsinn?? Weit gefehlt. Mit dem TV-L hat sich der Netto-Lohnabstand zwischen angestellten und verbeamteten Lehrern von im Schnitt 400 € auf bis zu 1000€ nach Krankenversicherung im Nettolohn vergrößert. Bei 1-1 Übertragung bekommt somit der Beamte gleiches Alter, gleicher Familienstand, gleiche Uniausbildung, gleiche Note, gleiche etc. bis zu 50% netto mehr und somit absolut bei der vom Angestellten !!! erstreikten Lohnerhöhung auch 50% mehr oben drauf.
    In einem Uni-Institut gibt es dank VERDI für den Werkstattgesellen für seine 4 Kinder keine müden Euro mehr extra, während der C4-Professer (Gehalt eines Dezernenten, mehr als B3) für seine 4 Kinder 700€ oben drauf kriegt. Das ist die neue VERDI-TV-L-Welt. In Hessen bei Herrn Koch bekommen wenigstens die Angestellten noch Familienzuschläge und müssen nicht für die Frankfurter Verdi-Banker darauf verzichten. Die ÖTV in VERDI einbringen, obwohl der Öffentkiche Dienst nicht hineinpasst, hat den Marburger Bund hervorgebracht und so langsam spricht sich diese Spaltung im öffentlichen Dienst in Angestellte und Beamte herum und es gibt Organisationen wie die Schutzgemeinschaft angestellter Lehrer - http://www.schall-nrw.de/ -, die dies scharf und offensiv kritisieren.
    Vermuitlich streiken die Lehrer in Sachsen in der nächsten Runde, nachdem ihnen ihr starker Arm bewusst geworden ist, entweder für das Ende ihres Streikrechts, also die Verbeamtung oder für 20% mehr Lohn, um den Nettonachteil zu kompensieren. Nur zu!! Der Marburger Bund hat den Weg gewiesen.

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