Wasseraufbereitung Auf die Pore kommt es an
Moderne Filteranlagen können viele Menschen mit sauberem Trinkwasser versorgen. Die Technik funktioniert im großen Maßstab wie im Privathaushalt

© Ramzi Haidar/AFP/Getty Images
Wasserknappheit und verschmutztes Trinkwasser beherrschen große Teile unserer Erde
Jedes Jahr sterben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation 1,6 Millionen Menschen durch verseuchtes Trinkwasser – das sind mehr Opfer, als bewaffnete Konflikte oder Aids fordern. 900 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, die meisten in ländlichen Gebieten, viele aber auch in den Armenvierteln der Megastädte Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Und selbst dort, wo Leitungswasser verfügbar ist, wird es fast immer mit uralter Technik aufbereitet.
»Dabei könnten wir heute die veraltete Sandfiltration in vielen Fällen durch Ultrafiltration ersetzen oder sinnvoll ergänzen«, sagt Peter Berg. Der Wassertechniker hat vor sechs Jahren den Forschungsbetrieb verlassen und die Inge AG gegründet, den größten deutschen Hersteller für Membranen zur Trinkwasseraufbereitung. Deren Poren sind so winzig, dass sie Wassermoleküle gerade noch durchlassen. Schmutz und Schwebstoffe werden – wie bei den klassischen Sandfiltern – zurückgehalten, zusätzlich aber auch Bakterien und Viren. Das Ergebnis ist Trinkwasser mit gleichbleibend hoher Qualität, nahezu unabhängig davon, wie verschmutzt das Wasser vor der Filtration war. Die bisher übliche Nachbehandlung mit Ozon und Aktivkohle wird damit ebenso überflüssig wie eine aufwendige Überwachung. So sprudelt sauberes Trinkwasser auch dort, wo es an Fachkräften mangelt.
Durch die Filter laufen täglich 17.000 Kubikmeter Wasser aus dem Zürichsee
Hergestellt werden die Membranen für die Filtration in der ehemaligen Molkerei von Greifenberg am oberbayerischen Ammersee. »Steuerung der Käsestraße« steht noch über einer Informationstafel an der Wand. Heute gleicht die Fabrikationsstätte allerdings eher einer Nudelfabrik. Es dampft und zischt. Biegsame weiße Kunststofffasern mit je sieben extrem feinporigen Kapillaren quellen wie dicke Spaghetti aus einer gewaltigen Maschine, dem Extruder. Nach einem Glyzerinbad werden sie mit einem Brotmesser in 1,50 Meter lange Stücke zerteilt, getrocknet, gebündelt und in ein festes Hüllrohr gestopft. Noch leisten die 90 Mitarbeiter viel Handarbeit. »Mit weiter wachsender Produktion können wir die Herstellung aber auch automatisieren«, sagt Bergs Vorstandskollege Bruno Steis.
Bisher wird das Verfahren vor allem in großtechnischen Anlagen genutzt, zum Beispiel zur Aufbereitung von Kühlwasser für chinesische Kraftwerke, in der ukrainischen Chemieindustrie oder als Vorstufe zu Meerwasserentsalzungsanlagen. Unter den öffentlichen Wasserversorgern hat erst eine Handvoll auf Ultrafiltration umgestellt, darunter ein großes Wasserwerk in der Schweiz, das täglich 17.000 Kubikmeter Zürichsee-Wasser aufbereitet. Dieses Vorzeigeprojekt arbeitet seit drei Jahren weitgehend störungsfrei – eine wichtige Voraussetzung für den weltweiten Export der Technologie.
»Im Trinkwasserbereich ist man sehr konservativ«, sagt Rolf Gimbel, Professor für Wassertechnik an der Universität Duisburg-Essen und Doktorvater von Peter Berg. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten sei die Membrantechnik aber inzwischen konkurrenzfähig. »Die Praxiserfahrungen sind überwiegend positiv, und auch die Wirtschaftlichkeit wird zunehmend besser.«
Wasserknappheit und verschmutztes Trinkwasser beherrschen große Teile unserer Erde
Die Greifenberger Membranen sind in Europa, den USA und in China zur Trinkwasseraufbereitung zugelassen. In der bisher größten Anlage in Männdorf am Zürichsee arbeiten Hunderte kanalrohrdicke Filtereinheiten parallel nebeneinander. Die dünnen Membranfasern werden aber auch zu handlichen Modulen verarbeitet, die unter jeder Spüle Platz finden. Eine Pumpe ist nicht nötig, der normale Wasserdruck reicht zum Betrieb aus. So können die Module überall dort schnell und wartungsfrei für sauberes Trinkwasser sorgen, wo es an der Qualität des Leitungswassers hapert.
- Datum 13.02.2009 - 17:51 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Serie Audio
- Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
- Kommentare 6
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Im Trinkwasser Deutschlands sind oft Fäkalien. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit warnt: „Grenzwertüberschreitungen bei Fäkalkeimen der Trinkwasserverordnung sind in 25%, im Sommer sogar in 33% der Trinkwasserproben. Im Grund- und Trinkwasser Bayerns werden regelmäßig Legionellen nachgewiesen.“ Anderswo in Deutschland wird das kaum anders sein. Das Umweltbundesamt UBA publizierte schon im März 2007, dass seit Inkrafttreten der neuen Trinkwasserverordnung über häufigere Grenzwertüberschreitungen bei coliformen Bakterien geklagt wird. Das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung hat 2007 über eine stabile und aktive Bakterienpopulation im Trinkwasser der Harzwasserwerke in Braunschweig berichtet. Professor Dr. med. Martin Exner, Hygiene-Institut der Universität Bonn und Vorsitzender der Trinkwasserkommission von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, hat mehrfach Enterobacter cloacae im aufbereiteten Trinkwasser aus Talsperren gefunden. Das UBA hat bei Berliner Trinkwasseraufbereitungsanlagen nachgewiesen, dass deren Virusfiltration im Mittel 10.000-fach geringer ist als dies die Trinkwasserrichtlinie der Weltgesundheitsorganisation WHO bei Oberflächenwasser seit 2004 fordert. Das Staatliche Veterinäruntersuchungsamt Krefeld hat in fertig aufbereiteten Trinkwässern aus der Region Aachen humane Rotaviren mit einer Positivenrate von 20% gefunden.
Dipl.-Ing. Wilfried Soddemann, Vorstand im Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz BBU e.V.: „Das Liefern von Trinkwasser mit Krankheitserregern ist ein Straftatbestand! Wasserwerke mit der üblichen veralteten Technik können Krankheitserreger nicht umfassend filtern oder abtöten. Trinkwasser enthält oft Bakterien, Parasiten und Viren. Deshalb muss das Trinkwasser mit der Ultrafiltration für rund einen halben Euro pro Person und Monat aufbereitet werden. Machen Sie Ihrem Wasserversorger Dampf!“
soddemann-aachen@t-online.de
http://sites.google.com/s...
... und das geht am besten, in dem man mit den ängsten der menschen spielt!
die auswahl und zuasmmenstellung der verfahren zu trinkwasseraufbereitung gestalten sich nicht nach modern oder unmodern, sondern werden dem wasser sinnvoll angepaßt, das aufgrund seines geologischen umfeldes von ort zu ort verschieden ist.
so manche abgelegenes grundwässerchen werden nur kontrolliert und sonst nichts.
bei oberflächenwässern muß hingegen mitunter erst mal grobes entfernt werden, bevor das reinigungsprogramm beginnt.
ultrafiltration bedeutet, unter hohem energieaufwand einfach ALLES aus dem wasser zu entfernen, obwohl es nicht immer nötig ist und damit kosten zu verursachen, die ebensowenig nötig sind.
insbesondere in der dritten welt ist es verantwortungslos, die menschen mit einer technik auszustatten, die anfällig ist und viel energie verbraucht, wenn dort ein system genauso effektiv ist, das die menschen dann aber auch unterhalten können.
Fragt sich bloß, ob die Verbraucher den Preis zahlen wollen.
Zum Preis von Trinkwasser in Deutschland:
TW ist das am besten und strengsten überwachte Nahrungsmittel in Deutschland.
Die Kosten für die Abwasserbeseitigung werden über dem Preis für Trinkwasser finanziert.
Trotzdem wenn die Qualität nicht stimmt, muss was getan werden, aber ob die U-Filtration der richtige Weg ist?
Das Verfahren wurde schon in den 80ern z.B. von Purolator (heute Mahle) angewandt und vertrieben. Im Grunde wird hier lediglich im Cross flow Verfahren der Schmutz im Wasser aufkonzentriert und zyklisch ausgespühlt.
Ein Beispiel für solch eine Anwendung ist das Aufkonzentrieren von goldhaltigem Wasser, um nicht erst das ganze Wasser zu verdampfen um den Goldanteil zu erhalten.
Früher nannte man es Crossflow-Microfiltration. Heute verwendet man halt pfiffigere Namen. Die Anfälligkeit und die Kosten für Ersatzfilter bleiben die selben.
Ganz allgemein setzen sich Filter leicht zu, und auf ihren Oberflächen wachsen Biofilme - sie verkeimen. Kein Wort von den weitbekannten technischen Problemen in diesem Artikel. Muss ich's eben im Leserkommentar dazuschreiben.
aj
Obwohl der Artikel, wie von mcharlie erwähnt sehr UF und RO betont ist, solle man ergänzen, dass mit einer nach der UF geschalteten Remineralisierung der Übergang vom gereinigten, aber "toten" Wasser zum "Lebensmittel" Wasser durchaus wieder hergestellt werden kann.
Weiterhin ist UF ein einfaches Prinzip, welches sich auch gut zur Kopplung mit Solarenergie eignet.
Außer RO sollten auch die weiteren gängigen Entsalzungsverfahren Tribut gezollt werden z.Bsp. MSF, MED und auf MD (Membrandestillation). Dieses realtiv junge Verfahren, arbeitet mit niedrigen Temperaturen um die 80°C und eignet sich ebenfalls zur Kopplung mit Solarenergie oder Abwärme (z.Bsp. Dieselkraftwerke). Einsatz findet diese Technologie bis jetzt in kleineren Anlagen mit Kapazitäten bis zu 10.000 l/Tag für die dezentrale Platzierung in Gebieten mit hohen Einstrahlungen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren