Kim Gordon "Ich bin eher schüchtern"
Und doch ist Kim Gordon die Sängerin der Rockband Sonic Youth. Sie trifft oft Entscheidungen, die ihrem Naturell nicht entsprechen
Einer meiner Träume wiederholt sich ständig: Ich stehe mit Sonic Youth auf der Bühne eines Clubs, wohl des New Yorker CBGB’s, eines der ersten Orte, an denen wir aufgetreten sind. Wir waren vor unseren Auftritten immer sehr nervös. In dem Traum geht dauernd etwas schief, Gitarrensaiten reißen, Verstärker geben den Geist auf. Wir schaffen es einfach nicht, einen Song zu Ende zu spielen, wir müssen immer wieder von vorn anfangen. Nach all den Jahren ist die Angst, es nicht zu schaffen, immer noch da.
In meinem Leben ist vieles ein Kampf. Ich bin eher schüchtern, keine gute Voraussetzung für die Sängerin einer Rockband. Überhaupt treffe ich häufig Entscheidungen, die meinem Naturell nicht entsprechen. Oder solche, die gesellschaftlich nicht so recht akzeptiert sind. Vielleicht ist das aber auch gut so. Das macht das Leben zwar mühseliger, aber auf jeden Fall interessanter.
Mit Tagträumen halte ich mich zurück, denn die Trennlinie zwischen diesen Träumen und Plänen ist dünn. Manches, was zunächst wie ein unrealistischer Traum anmutet, erweist sich bei näherer Betrachtung als gute Idee, für deren Verwirklichung ich nur zu träge bin oder zu ängstlich. Und so empfinde oft die Verpflichtung, Tagträume umzusetzen. Das heißt für mich: Je mehr ich träume, desto mehr habe ich zu tun.
Ich habe als Kind nie gehofft, Musikerin oder Rockstar zu werden. Mein Lebenstraum, der dann später mit Verzögerung wahr wurde, war es, Künstlerin zu sein. Kunst war früh etwas ganz Natürliches für mich. In meiner Grundschule wurde Kreativität sehr gefördert. Einmal haben wir im Unterricht afrikanische Hütten und Speere gebaut und so getan, als wären wir ein Stamm in Afrika. Es war alles sehr inspirierend. Nach meinem Kunststudium bin ich dann in die Musik geflohen. Die Kunstwelt in New York war kommerzialisiert, das hat mich sehr frustriert. Die Musikszene damals war anders – frisch, aufregend, unangepasst. Leider wird die Musikindustrie, werden die Kunstwelt und alle anderen Industrien immer noch von Alphamännern dominiert. Viele glauben, Musik und Kunst wirkten befreiend. Wenn das mal so wäre! Leider trifft das zumindest auf die geschäftliche Seite nicht zu.
Ich bevorzuge Träume, die ich verwirklichen kann. Wer weiß, vielleicht helfen mir dabei ja Barack Obama und Hillary Clinton. Obama ist ein moralisch integrer Mensch, den ich sehr schätze. Mit seiner Wahl ist tatsächlich ein Traum wahr geworden, und zwar zur richtigen Zeit. Manchmal erscheint es mir alles zu schön, um wahr zu sein. Wenn so viele Menschen sich von einem Traum anstecken lassen, ist das auch ein wenig erschreckend.
Aufgezeichnet von Jörg Böckem
Kim Gordon, 55, ist Bassistin und Sängerin der amerikanischen Rockband Sonic Youth. Außerdem ist sie als bildende Künstlerin, Designerin und Filmemacherin erfolgreich. Die Kunsthalle Düsseldorf zeigt derzeit die Ausstellung »Sonic Youth etc: Sensational Fix« – Werke aus dem Umfeld der Band. Gordon hat die Ausstellung mit kuratiert
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- Datum 18.02.2009 - 10:13 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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