Was mache ich hier? Nr. 75 Weltreiche tanzen

Schwofen für die Karitas: Auf dem Wiener Opernball in New York

Amerika, sagen mir viele kluge Menschen, liege als Weltreich in den letzten Zügen. Millionen verlieren ihre Jobs, die Superreichen verlieren ihr letztes Hemd an einen Schwindler namens Madoff, die Regierung steht kurz davor, Schulden in Billionenhöhe aufzuhäufen, und kein Ende ist in Sicht. Haben sie recht? Und wenn ja, wie geht man damit um, wenn man seinen Status als Weltreich verliert?

Um das herauszufinden, sollte man sich vielleicht ansehen, was mit anderen Weltreichen seligen Angedenkens passiert ist. Österreich zum Beispiel. Man könnte behaupten, Österreich sei derzeit vor allem wegen Red Bull berühmt, eines netten Getränks, das aber weit davon entfernt ist, einen Ruf als Weltreich zu begründen. Wie gehen die Österreicher damit um? Ein Glück, dass ich dieser Frage heute Abend nachgehen kann. Eine der stolzesten Erfindungen Österreichs ist, wie Sie sicherlich wissen, der jährliche Opernball. Die Sitze im prächtigen Opernhaus in Wien werden entfernt, man gibt haufenweise Geld für Eintrittskarten aus, um das neu geschaffene Tanzparkett zu betreten, präsentiert die jungen Männer und Frauen der Oberschicht den anderen Mitgliedern der Oberschicht und nimmt verächtlich zur Kenntnis, wie die Angehörigen der Unterschicht draußen, von Neid zerfressen, demonstrieren. Und dieses wunderbare Ereignis spielt sich nun auch direkt in New York ab, in einer der berühmtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt: dem Waldorf-Astoria.

Eine Pressemeldung landet auf meinem Schreibtisch: »Der gemeinnützige Wiener Opernball (Viennese Opera Ball, VOB) in New York ist für verpflanzte Österreicher eine ideale Möglichkeit geworden, ihre Kultur zu feiern.« Weltreich oder nicht, den Österreichern geht es gut. Weiter heißt es in der Meldung: »Der Ball hat seinen karitativen Radius erweitert, die Begünstigten im Jahr 2009 werden auf dem Ball verkündet.« Die Reichen von New York tun nichts lieber, als Bedürftigen zu helfen. Ich bin schon gespannt, wer in diesem Jahr Nutznießer ist! Aids-Kranke? Krebspatienten? Waisenkinder aus Nahost? Die Hungernden von Darfur? Republikaner?

Ich eile zu Christian Kesberg, dem österreichischen Handelsbeauftragten für die USA, und bitte ihn flehentlich um einen Schnellkurs in Sachen Opernball. Er erklärt mir, der Ball sei die »Essenz der österreichischen Feierfreude«. Toll! Dieses Volk schert sich keinen Deut um den Verlust seines Weltreichs! Die Einladung verlangt, dass Männer in weißen Krawatten erscheinen, aber da Österreich kein Weltreich mehr ist, nehme ich an, dass meine rote Krawatte es auch tut. Außerdem lautet das Motto der Veranstaltung »Maskenball in der Oper«, zu Ehren von Johann Strauß’ Die Fledermaus, und die Teilnehmer sollen in Masken erscheinen. Meine Maske ist eben eine rote Krawatte.

Ab ins Waldorf. Auf der Tanzfläche erscheinen, kurz bevor Miss USA zusammen mit den Debütantinnen eintritt, zwei Pferde samt Kutsche. Digitalkameras tauchen auf wie Regen im April. Das Ganze geht vermutlich schwer ins Geld, und ich überlege, wie die Angehörigen eines ehemaligen Weltreichs überhaupt die Mittel dafür aufbringen. Also frage ich Ms. Marcie Rudell, Geschäftsführerin des VOB, wie viel der Abend kostet. Doch trotz der Tatsache, dass der VOB eine gemeinnützige Organisation ist und seine Transaktionen offenlegen muss, erklärt mir Marcie: »Über solche Dinge spreche ich nicht.« Die Musik wechselt von Operette zu Pop, aber ich bin noch bei Marcie. »Wie viele Gäste sind dieses Jahr gekommen, im Vergleich zum letzten?«, frage ich sie. »Ungefähr genauso viele«, sagt sie. »Rund 700.« Nicht schlecht. Während die meisten Amerikaner den Gürtel enger schnallen, feiern die Österreicher. Langsam beschleicht mich der Verdacht, dass es vielleicht gar nicht so schlecht ist, ein Weltreich zu verlieren. »Und wie viel Geld geht nach dem Abend an den wohltätigen Zweck?«, frage ich. Das war dumm von mir. Wirklich. »Woher soll ich wissen, wie viel Wein die Leute heute Nacht trinken?«, gibt sie geistreich zurück und entschuldigt sich.

Die Musik ist wunderschön. Das Essen vorzüglich. Die Reichen von New York und Wien sind überglücklich. Bald wird die Tanzbar öffnen, und noch mehr Essen und noch mehr Getränke werden serviert. Ich gehe nach draußen, um eine zu rauchen, und frage mich insgeheim, ob meine Sorgen über die Zukunft dieses Landes schlicht übertrieben sind. Eine blonde Dame nähert sich mir, als mein Feuerzeug aufblitzt. Ihr gefalle, sagt sie, meine »schöne rote Krawatte«. Ich danke ihr vielmals. Sie fragt, ob ich eine Massage möchte. Es ist Freitagabend in New York, und ich unterhalte mich mit einer jungen Straßenprostituierten vor dem noblen Waldorf. Mich drängt es, nach oben zu gehen und den VOB-Leuten zu erzählen, dass ich eine Empfängerin für den Erlös ihres karitativen Balls gefunden habe, doch dann fällt mir ein, dass die tanzenden Paare erst austrinken müssen, bevor feststeht, wie viel Geld übrig ist.

Ich betrachte die Dame und frage mich, ob ich möglicherweise die Zukunft Amerikas vor mir sehe. tuvia tenenbom

Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit

 
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