MAIL AUS Istanbul
Von: michael.thumann@zeit.de Betreff: Die Frau auf dem Geldschein
Das konnte ja nicht ohne Ärger abgehen. Die türkische Zentralbank hat neue Scheine herausgegeben. Eine gute Sache an und für sich, die Banknoten sind kleiner, schöner, und auf dem 50-Lira-Schein ist zum ersten Mal eine Frau abgebildet. Es handelt sich um Fatma Aliye Hanim, eine Schriftstellerin und Frauenrechtlerin des späten Osmanischen Reiches. Die Heldinnen ihrer Romane waren selbstbewusste, wirtschaftlich unabhängige Frauen. Hanim kritisierte die Mannesdiktatur und riet allen Frauen, sich den Ehepartner vor der Heirat gut anzusehen.
Doch nun rufen sogenannte Kräfte der Zivilgesellschaft per E-Mail und über Facebook dazu auf, die 50-Lira-Banknote zu boykottieren. Warum? Die Verbreitung von Fatmas Antlitz sei der erste Schritt, »die Türkei in einen islamischen Staat zu verwandeln«. Abgeordnete der oppositionellen säkularen CHP halten die Frau für eine Feindin des geheiligten Republikgründers Atatürk. Sie hätte schon mit 17 Jahren geheiratet und Kopftuch getragen. Das allerdings haben zu jener Zeit fast alle Türkinnen getan. Und überhaupt, auf der Banknote trägt sie kurze offene Haare.
Was also tun mit dem Schein? Meine Hausbank gab mir einen Tipp. Würde jemand ihn nicht akzeptieren, sollte ich ihn wortlos umdrehen. Auf der Rückseite von Frau Fatma lächelt wie eh und je Kemal Atatürk. Und den müsse einfach jeder Türke nehmen.
- Datum 12.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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