MAIL AUS Paris

Von gero.von.randow@zeit.d Betreff Krise, Lenin und die Liebe

Attacke! Ein schwarzgekleideter Japaner springt auf die noch schwärzere Bühne, hinter ihm flackern schwarzweiße Streifen über eine Leinwand, und ein Höllenlärm beginnt. Geräusche, wie sie entstehen, wenn jemand eine E-Gitarre ungeschickt mit einer massiven Lautsprecheranlage verbindet, dann ein Geknatter wie von Schützenpanzerkanonen, gefolgt von Explosionen: Musik. Wer denkt da nicht an Gaza? Der Raum ein umgewidmetes Lager der Feuerwehr, es gibt Bier, Wodka, keinen Wein. Das ist alles natürlich irrsinnig interessant, aber nicht so fesselnd, dass sich der Kunstgenuss über mehr als eine halbe Stunde erstrecken muss.

Wenige Tage später in der Gegenwelt, ein Abend bei Freunden. Zwei Dutzend sind gekommen, jeder hat etwas zu essen und zu trinken mitgebracht, Köstlichkeiten, und man spielt handgemachten Jazz. Die Lautstärke ist kein Problem, die Nachbarn musizieren mit. »Die Krise? Die macht mir Angst. Gar nicht mal wegen meiner Arbeit, das wird schon irgendwie gehen. Aber die Gesellschaft wird gemeiner, die Konflikte werden brutaler«, sagt jemand, und: »Heute Abend jedenfalls haben wir die Krise ausgesperrt.«

Und zwar aus dem kleinen Pariser Hinterhofhaus, in dem sich früher einmal die illegale Druckerei der Bolschewiki befand. Lenin war auch hier; damals hatte er, der verheiratete Mann, sich in Inès Armand verliebt. Dann kam die Revolution.

 
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