Donnerstalk Sein oder Nichtsein
Alfred Dorfer schlägt nach bei den Klassikern und muss erkennen, wie aktuell ihre Werke noch sind
Der Kärntner Wahlkampf soll eine Provinzposse sein? Lächerlich! Er ist Weltliteratur, man muss nur die richtigen Maßstäbe anlegen. Jene von Shakespeare zum Beispiel. Der geliebte König ist dahingeschieden und wird von Jung und Alt zutiefst betrauert. Doch er darf nicht in Frieden ruhen, sein Geist erscheint den Seinen, und das sind fast alle, die in diesem Land leben. Sie spüren einen kalten Hauch, der aus dem Reich der Unerlösten kommt. Viele der Untertanen wären bereit, ihrem toten Herzenskönig auch weiterhin als Herrscher über die Mark, in der man mit Blut die Grenze schrieb, zu huldigen. Der vorläufige Nachfolger, ein etwas schlichter, wenn auch durchaus gut gelaunter Geselle, versucht, seinen Thronanspruch durch eine Zweckehe mit der Witwe des Königs zu legitimieren. Doch die Hohe Frau ziert sich, sucht Trost bei den Geistererscheinungen. Jetzt wird die Geschichte etwas verworren, wie bei Königsdramen üblich. Der Prinz, soeben von einem Studium der Solariumskunst heimgekehrt, will das Erbe des Verstorbenen, mit dem er einst unzertrennlich war, antreten. Er gerät aber in einen schizophrenen Konflikt, da er plötzlich nicht mehr weiß, ob er Prinz oder ein Kämmerer namens Polonius ist. Heiße Tränen fließen über seine Wangen, er redet sich um Kopf und Kragen. Nun entsteht Tumult. Gift wird gemischt, Messer werden gezückt und alte Rechnungen beglichen. Die Premiere dieses Traumstückes auf der Wörtherseebühne ist ein voller Erfolg. Kritiker aus dem Ausland missverstehen jedes Wort. Wie heißt es im Original? » Something is rotten in the state of… «
- Datum 19.02.2009 - 09:28 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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