Flüchtlingsheim Almabtrieb
Die "Sonderanstalt" auf der Saualm ist vorerst gescheitert
Schweinefleisch«, zischen die vier Männer einander zu und grinsen. Es ist eines der wenigen deutschen Wörter, die sie kennen. Wie übermütige Jugendliche sitzen sie am Esstisch im Wohnzimmer von Tove Grolitsch. Nachsichtig beobachtet die Lehrerin ihre Schützlinge. Den 43-jährigen Tschetschenen, der sich mit seinen mickrigen Deutschkenntnissen brüstet, den Kasachen Vladimir, der den Schnee aus der Einfahrt schaufelt, den jungen Moldawier Pedro, der ihr beim Kochen hilft, und den Marokkaner Reda, einen frommen Muslim, den die anderen verunsichern, indem sie vorgeben, ihm Schweinefleisch ins Essen geschmuggelt zu haben. Seit zwei Monaten leben die vier Männer in der Villa der Familie Grolitsch in Pörtschach am Wörthersee. »Wir sind ein internationales Haus. Ich finde das sehr schön«, sagt die gebürtige Norwegerin, die seit den sechziger Jahren in Kärnten lebt. Sie hat die vier Asylwerber längst in ihr Herz geschlossen.
Dabei sollen die Kerle gefährlich und kriminell sein. So hat sie Kärntens verstorbener Landesvater Jörg Haider gebrandmarkt, als er sie im vergangenen Herbst in eine »Sonderanstalt« auf der Saualm verbannte (ZEIT Nr. 47/08) . Dort, inmitten von Wäldern, sollten »straffällige Asylwerber« auf 1200 Meter Seehöhe Anstand lernen; jene, die sich in anderen Heimen geprügelt hatten, und jene, die gestohlen oder mit Drogen gehandelt hatten. Zeitweise schmorten 20 Männer in diesem Sonderlager, sechs von ihnen waren nie straffällig geworden. Lange hielten es die Männer aber in der Isolation nicht aus. Kurz vor Weihnachten flüchteten sie aus ihrer Waldherberge.
Die Quarantäne in der Einschicht benutzt nun der Kärntner Landeshauptmann Gerhard Dörfler dankbar als Wahlkampfschlager. Einmal mehr kann der BZÖ-Mann über Verbrecher mit ansteckenden Krankheiten herziehen. Doch bislang sammelte sich noch keine Bürgerwehr, um die Flüchtigen zurück auf die Alm zu treiben. Stattdessen fanden sich Leute wie Tove Grolitsch. Während große Hilfsorganisationen vorgaben, keinen Platz für die obdachlosen Flüchtlinge zu haben, gewährten ihnen Lehrerinnen, Familienväter und Pfarrer Unterkunft. Feinkostläden unterstützen sie mit Essensgutscheinen, Freiwillige erteilen Deutschunterricht, Therapeuten bieten ihre Hilfe an. Sie alle vermitteln das Bild eines anderen Kärntens fern der Haider-Verehrung und Asylantenhetze.
»Ich habe nicht mit so viel Unterstützung gerechnet«, sagt Angelika Hödl, Geschäftsführerin des slowenisch-deutschen Alternativsenders Radio Agora. Gemeinsam mit Rolf Holub, dem Spitzenkandidaten der Kärntner Grünen, kümmert sich die 47-Jährige um die Unterbringung der Asylbewerber. »Es gibt eine Zivilgesellschaft in Kärnten, auch wenn es das BZÖ nicht wahrhaben möchte«, meint Hödl.
Zu dieser Zivilgesellschaft zählt neuerdings auch Thomas Kulterer. »Ich wollte schon früher Flüchtlinge aufnehmen, doch meine Frau war immer dagegen«, sagt der Koch aus Tainach. Heute lebt er in Scheidung und beherbergt einen Asylbewerber. Die Tainacher zeigten wenig Verständnis dafür. Bereits ein paar Tage nach Ankunft des neuen Mitbewohners fand Kulterer in seinem Briefkasten einen Zettel. »Bald tot« stand darauf. Freunde beschimpften ihn, und Arbeitskollegen wandten sich ab. Einmal tauchten sogar plötzlich Polizisten auf – »Ausweiskontrolle«, hieß es. »Die wollten mir Angst einjagen«, meint Kulterer. Helfen will er trotzdem.
Andere tun es ihm gleich, jedoch nur heimlich. Keiner will die Gunst der Granden in der Landesregierung verlieren oder den Zorn des BZÖ-Volks auf sich ziehen. »Die jahrelange Propaganda zeigt nun ihre Wirkung«, bedauert Ruth Lerchster. Seit Dezember wohnen in ihrem Einfamilienhaus in Lipizach nahe Klagenfurt der Mongole Enkhbat und der Afghane Ghorban. Bäuerinnen bringen jetzt regelmäßig Essenskörbe vorbei und stellen sie heimlich vor die Tür der Universitätsassistentin. Die Ehemänner dieser guten Samariterinnen sollen nichts von den milden Gaben erfahren.
»In diesem Land werden Tiere besser behandelt als Menschen«, empört sich Lerchster. Ghorban und Enkhbat, beide Mitte 20, sind vom Flüchtlingslager Traiskirchen direkt auf die Saualm befördert worden. Seit ihrer Flucht aus der Einöde sind sie weder sozialversichert, noch beziehen sie finanzielle Unterstützung. »Erst wenn sie auf die Saualm zurückkehren, kommen sie wieder in die Grundversorgung«, sagt Gernot Steiner, Flüchtlingsbeauftragter des Landes. Da die Männer ohne Bescheid aus dem System gekippt wurden, erstattete ein Menschenrechtsanwalt wegen Verdachtes des Amtsmissbrauchs Anzeige. Im rechten Lager der Landesregierung schüttelt man darüber nur den Kopf. Nun verklagte Landeshauptmann Dörfler seinerseits das Aktionskomitee wegen »grober Fahrlässigkeit«. Immerhin hätten es Hödl und ihre Mitstreiter zu verantworten, dass »kriminelle Asylwerber« in der Bevölkerung untergetaucht seien.
Für Angelika Hödl steht indes fest: Sollten sich ihre Landsleute am 1. März mehrheitlich für das BZÖ entscheiden, so hieße das für die Flüchtlinge: Zurück auf die Saualm.
- Datum 23.02.2009 - 18:17 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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