Arbeitslosigkeit Die große Jobschmelze
Die Krise zeigt: Auch bei den Arbeitslosen gibt es eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Die einen fallen sofort in Hartz IV, die anderen sind auf Jahre abgesichert
Am Anfang räumten New Yorker Investmentbanker mit Pappkartons auf dem Arm ihre Büros. Da war die Krise noch weit weg und traf Menschen, die sie irgendwie auch mit verursacht hatten. Inzwischen hat sie die Leute von nebenan erfasst. Menschen wie Benjamin Berger, einen jungen Speditionskaufmann in Hamburg, der nicht das Geringste zur Entstehung der globalen Wirtschaftskatastrophe beigetragen hat. Nicht einmal Lehman-Papiere kaufte er.
Vor drei Wochen erst schloss der 22-Jährige seine Lehre ab – um direkt nach der mündlichen Prüfung zum Amt zu fahren und sich arbeitslos zu melden. Seine Aussichten auf einen Job haben sich innerhalb kurzer Zeit drastisch verschlechtert. Vergangenen Sommer hingen noch jede Woche neue Stellenangebote am Schwarzen Brett der Berufsschule. Der Welthandel boomte, Speditionen suchten händeringend Verstärkung. Dann brach die Krise los. Und am Aushang baumelten nur noch alte Zettel.
Obwohl sich die Regierungen in aller Welt gegen die Wirtschaftskatastrophe stemmen und auch Berlin milliardenschwere Konjunkturhilfen beschließt, ist die Finanzkrise da angekommen, wo die Menschen sie unmittelbar spüren und wo es jeden treffen kann: am Arbeitsmarkt.

Für eine größere Ansicht der Grafik klicken Sie bitte auf das Bild
In einigen Ländern zeigt sich das schon mit unglaublicher Brutalität. Die USA erlebten im Januar die größte Entlassungswelle seit 35 Jahren. Großbritannien nähert sich erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt der Schwelle von zwei Millionen Erwerbslosen. Und in Spanien ist die Arbeitslosenquote noch nie so schlagartig nach oben geschnellt – auf den Rekordwert von 14 Prozent. Weltweit, so schätzt die Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO), dürfte die Krise bis zu 50 Millionen Menschen ihren Job kosten.
Schon zählt Baden-Württemberg mehr Arbeitslose als vor einem Jahr
Wie eine Epidemie breitet sich die Arbeitslosigkeit auf dem Globus aus. In Deutschland sind bisher nur die ersten Symptome der Ansteckung zu erkennen. Rund eine Million Menschen sind für Kurzarbeit angemeldet, eine halbe Million verloren seit November ihren Job. Im Winter steigen die Arbeitslosenzahlen zwar immer, aber nicht so stark. In einigen Regionen hat die Rezession bereits die Arbeitsmarkterfolge eines ganzen Jahres weggefegt – so stehen in Baden-Württemberg heute mehr Menschen ohne Broterwerb da als vor zwölf Monaten. Stellenabbau bei SAP, ThyssenKrupp, Metro oder Epcos. Pleiten gleich reihenweise: Hertie, Märklin, Qimonda, Schiesser und diverse Autozulieferer. All das dürfte erst der Anfang sein, ein Schnupfen. Bald folgen Schüttelfrost und Fieber.
Nächste Woche veröffentlicht die Bundesagentur für Arbeit neue Arbeitslosenzahlen. Die dürften wiederum höher liegen. Und dann wieder. Daran wird auch das in der vergangenen Woche beschlossene größte Konjunkturprogramm in der Geschichte der Bundesrepublik nichts ändern. Allen Prognosen zufolge kann es den Abschwung zwar dämpfen – vielleicht so, dass die Wirtschaft um zwei statt drei Prozent schrumpft. Aber das wäre immer noch der schwerste Einbruch der Nachkriegszeit.
- Datum 30.07.2009 - 09:41 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
- Kommentare 28
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




k.T.
sollte man heute einfach den wirklich guten Artikel noch einmal lesen.
All diese Fragen dürften dann tatsächlich zu einem Knackpunkt für die Große Koalition werden. Nebenbei: Warum sollten Kurzarbeiter- und Arbeitslosengeld eigentlich nur befristet verlängert werden? Atmende Sozialpolitik, das hört sich gut an. Aber auch in den Aufschwungjahren gab es genug Menschen, die unverschuldet und trotz großer Bemühungen keine Beschäftigung gefunden haben. Klar, die Zahl dieser Menschen wird bald viel höher sein, aber es gab sie auch in der Vergangenheit. Von Vollbeschäftigung waren und sind wir auf absehbare Zeit weit entfernt.
Allerdings müsste man dann die Repressionsinstrumente des SGB II auf das SGB III ausweiten. Das hörte sich nach sozialem Kahlschlag an, aber man müsste es wohl für eine Akzeptanz der Arbeitslosengeld-Verlängerung in Kauf nehmen.
2 kleine anmerkungen:
bei der ausrichtung der sozialpolitik sollte man fuer die zukunft zur kenntnis nehmen, das eine vollbeschaeftigung zwar anstrebenswert, aber in der realitaet allenfalls regional moeglich ist.
weiterhin wuerde mich mal interessieren wie groß die gruppe deren ist, welche sich strukturell bedingt fuer die "selbstaendigkeit" entschieden haben/ mussten.
der klassischen rolle eines selbstaendigen entspricht es ja nicht, wenn man "auf gewerbeschein" und stundenlohnbasis arbeitet.
dieses vor allem auf dem bau uebliche arbeitsverhaeltnis ist alles andere als abgesichert.
daher ist eine grundsicherung/ buergergeld etc. eine sache die mindestens mal angesprochen werden muss.
Keine Vollbeschäftigung möglich - was dann?
Man geht auf's Arbeitsamt und holt sich Hartz. Das reicht angeblich zum Überleben. Wer Glück hat wohnt in einer WG und teilt sich die Miete mit anderen. Das hilft. Ein vollbeschäftigter Partner auch. Der Arbeitslose hat dann jede Menge Freizeit und bringt seinen Tag mit Arbeiten herum, die er schon immer machen wollte.
Fehlende Vollbeschäftigung ist Marktversagen. Die Nachfrage nach Arbeit ist zu gering. Die Zahl der Erklärungen ist Legion - fehlende Qualifikation, geringe Motivation zur Arbeitssuche, zu hohe Ansprüche an die Arbeit, zu niedrige oder zu hohe Qualifikation, unpassendes Outfit, zu dick - zu dünn.
Es ist ein Jammer. Wer vorher einen stressigen Job hatte ist froh ein Sabbatjahr einlegen zu können. Der Arbeitsgesellschaft geht die Arbeit aus - und was kommt dann? Die Freizeitgesellschaft? Das wäre nicht das Schlechteste.
Keine Vollbeschäftigung möglich - was dann?
Man geht auf's Arbeitsamt und holt sich Hartz. Das reicht angeblich zum Überleben. Wer Glück hat wohnt in einer WG und teilt sich die Miete mit anderen. Das hilft. Ein vollbeschäftigter Partner auch. Der Arbeitslose hat dann jede Menge Freizeit und bringt seinen Tag mit Arbeiten herum, die er schon immer machen wollte.
Fehlende Vollbeschäftigung ist Marktversagen. Die Nachfrage nach Arbeit ist zu gering. Die Zahl der Erklärungen ist Legion - fehlende Qualifikation, geringe Motivation zur Arbeitssuche, zu hohe Ansprüche an die Arbeit, zu niedrige oder zu hohe Qualifikation, unpassendes Outfit, zu dick - zu dünn.
Es ist ein Jammer. Wer vorher einen stressigen Job hatte ist froh ein Sabbatjahr einlegen zu können. Der Arbeitsgesellschaft geht die Arbeit aus - und was kommt dann? Die Freizeitgesellschaft? Das wäre nicht das Schlechteste.
Aus der Perspektive der aktuellen Zahlmeister und Empfänger dieser ganzen Miesere ein balancierter Artikel. Das Elend ohne Arbeit und mit wenige Geld da zu stehen bringen auch die aufklärenden Worte nicht rüber...
Nach wie vor fehlt mir aber wirklich, das Oeffentlich darüber Diskutiert wird was denn die Arbeitgeber und die Kapitalgeber dazu beitragen möchten (noch höflich angefragt). Falls höfliche Anfragen nicht entsprechende Reaktionen nach sich ziehen müsste die Diskussion erweitert werden und man sollte sich fragen wieviel die vergangenen Profiteure mit ihren oszönen Renditen und Profiten in schlechten Zeiten beitragen können...
Der kleine Beitrag von Nokia, gedacht als Unterestützenden Massnahme zur Arbeitssuche ist für mich nur gerade die Basis in guten Zeiten. Bei Entlassungen sollte ein Sozialplan für die Entlassenen Pflicht sein. In schlechten Zeiten muss da einfach mehr kommen. Dies kann ohne weiteres aus den vergangenen Profiten finanziert werden... Einfach mal die Kapitalgeber und Aktionäre anfragen wieviel Profit sich denn aus spezifischen Investitionen kummuliert hat...
Wird das alles weiterhin aus Steuereinnahmen finanziert ohne die Steuergesetze anzupassen welche die sehr hohen und höchsten Einkommen mit in die Verantwortung einbeziehen... Bezahlen wieder "die anderen" dafür...
;-)
“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara
@Allen Prognosen zufolge kann es den Abschwung zwar dämpfen – vielleicht so, dass die Wirtschaft um zwei statt drei Prozent schrumpft.
Buahahahaha. Selten so gelacht. Allein der Rückgang des Bruttosozialproduktes im 4. Quartal 2008 betrug 2,1 %, nachzulesen beim Statistischen Bundesamt. Das war zu einer Zeit, als die Krise noch im Ansatz steckte, wenn auch für jeden erkennbar, der sehen wollte. Mittlerweile hat sich die Arbeitslosenzahl dramatisch erhöht, ebenso wie die Zahl der Kurzarbeiter. Im April kommen dann die Zahl für das 1. Quartal 2009, und das dürfte dann ein Erdbeben auslösen. Hat jemand Lust, den Rückgang des 4. Quartals 2008 auf das ganze Jahr 2009 hochzurechnen?
Der erste Weg zur Lösung eines Problems ist, anzuerkennen, daß man eines hat. Und das Problem hier trägt einen Namen, und der lautet Wirtschaftsdepression.
ist gewollt. Und geht bis auf Bismark zurück. Nur wer beschäftigt war, dessen Familie hatte auch Anspruch auf Krankenversicherung.
So wurde ein Keil zwischen die Interessen der Arbeitenden und der Arbeitslosen geschoben.
Bis heute wurde die falsche Finanzierung des Sozialsystems nicht korrigiert.
Die Beitragsbemessungsgrenze muss fallen. Und alle Einkommen müssen sozialversicherungspflichtig werden. Hüftgelenke für 85 jährige sind finanzierbar.
Es reicht für alle. Nie war eine Gesellschaft reicher.
Der Sozialismus ist sicherlich nicht der richtige Weg. Hüftgelenke für 85 Jährige, ja das hatten wir doch schon einmal. Jedes Jahr hat die arbeitende Bevölkerung weniger im Portmonaie, das weil die Umverteiler immer mehr verlangen. Ich frage mich wirklich was die Krankenkassen mit den Tausenden von Euros alles so anstellen, die sie von Arbeitern und Angestellten so bekommen. Da ist alle drei Jahre eine Klappen-OP drin. Wo bleibt das Geld? Da eben immer weniger Menschen vernünftig einzahlen und andererseits imm mehr Rentner Geld herausnehmen, insbesondere die, die an ihre Gesundheit nicht gedacht haben, muss das System kollabieren. Wir brauchen dringend mehr Pflicht zur Eigeninitiative!
In Zeiten der Globalisierung scheint es in den Industrieländern eben nicht mehr genügend Arbeit für alle zu geben. Aber denen noch mehr weg zu nehmen, die jeden Tag zu Arbeit fahren, ist einfach nur noch eine bodenlose Gemeinheit. Damit man sich dann wieder einen faulen Lenz machen kann...
Der Sozialstaat muss dringend reformiert werden. Jegliche Sozialleistungen exklusive der Bildung gehören gestrichen. Die Lohnnebenkosten könnte dadurch massiv gesenkt werden, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Bevölkerung würde massiv steigen. Der Binnenkonsum würde steigen.
Wir befinden uns in einem knallharten Wettbewerb mit Osteuropa und Asien. Da ist die Klassengesellschaft nachrangig. Außerdem ist die Klassengesellschaft nicht von Bismarck eingeführt worden, sondern ist von ihm eher die Sozialgesetzgebung eingeführt worden. Vorbildlich für die damalige Zeit. Viele Länder haben heute keine sozialen Absicherung im Umfang der Gesetzgebung des deutschen Kaiserreichs!
Wer innovativ ist, der kann sich ja auch selbständig machen und Arbeitsplätze schaffen. Da muss man dann aber auch eine konkrete Idee haben und Verantwortung tragen. Zumindestens Eigenverantowrtung, ein Wort das viele hier im Forum geradezu als Affront auffassen.
--
"that book is dead sexy" -- Xach on #lisp about "Practical Common Lisp"
Der Sozialismus ist sicherlich nicht der richtige Weg. Hüftgelenke für 85 Jährige, ja das hatten wir doch schon einmal. Jedes Jahr hat die arbeitende Bevölkerung weniger im Portmonaie, das weil die Umverteiler immer mehr verlangen. Ich frage mich wirklich was die Krankenkassen mit den Tausenden von Euros alles so anstellen, die sie von Arbeitern und Angestellten so bekommen. Da ist alle drei Jahre eine Klappen-OP drin. Wo bleibt das Geld? Da eben immer weniger Menschen vernünftig einzahlen und andererseits imm mehr Rentner Geld herausnehmen, insbesondere die, die an ihre Gesundheit nicht gedacht haben, muss das System kollabieren. Wir brauchen dringend mehr Pflicht zur Eigeninitiative!
In Zeiten der Globalisierung scheint es in den Industrieländern eben nicht mehr genügend Arbeit für alle zu geben. Aber denen noch mehr weg zu nehmen, die jeden Tag zu Arbeit fahren, ist einfach nur noch eine bodenlose Gemeinheit. Damit man sich dann wieder einen faulen Lenz machen kann...
Der Sozialstaat muss dringend reformiert werden. Jegliche Sozialleistungen exklusive der Bildung gehören gestrichen. Die Lohnnebenkosten könnte dadurch massiv gesenkt werden, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Bevölkerung würde massiv steigen. Der Binnenkonsum würde steigen.
Wir befinden uns in einem knallharten Wettbewerb mit Osteuropa und Asien. Da ist die Klassengesellschaft nachrangig. Außerdem ist die Klassengesellschaft nicht von Bismarck eingeführt worden, sondern ist von ihm eher die Sozialgesetzgebung eingeführt worden. Vorbildlich für die damalige Zeit. Viele Länder haben heute keine sozialen Absicherung im Umfang der Gesetzgebung des deutschen Kaiserreichs!
Wer innovativ ist, der kann sich ja auch selbständig machen und Arbeitsplätze schaffen. Da muss man dann aber auch eine konkrete Idee haben und Verantwortung tragen. Zumindestens Eigenverantowrtung, ein Wort das viele hier im Forum geradezu als Affront auffassen.
--
"that book is dead sexy" -- Xach on #lisp about "Practical Common Lisp"
Das geht in Deustchland nicht. Denn Dank des Staatsanteils bei den Grundbedürfnissen sowie sogar bei der Geringbeschäftigung, kann man davon nicht leben. So beißt sich die Katze in den Schwanz. Die Versorgung muss bezahlt werden und lässt denen, die erst mal nicht versorgt werden wollen nur wenig Chancen. Die Argen sind zu wenig individuell ausgerichtet und das ganze System ist mittlerweile auf Mißtrauen gegen die Leistungsbezieher aufgebaut. Die Zwei Klassen Gesellschaft ist entstanden, weil die Beteiligten, Arbeitgeber und Nehmer und Versorgte gegeneinander ausgespielt werden. Und zwar deswegen, weil die Politik vor Unsicherheit besonders bei den Finanzen keine klaren Regeln findet. Das gleiche Symptom findet sich bei Arzt und Patient im Gesundheitssystem wieder.
Unser Versorgungssystem ist weniger auf Entwicklung als auf Bewahrung und Stillstand angelegt. Wer fürchtet sich?
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren