ARGUMENT China muss bezahlen

Die Weltwirtschaft ist nur zu retten, wenn die Pekinger Regierung das Schuldenabenteuer der Amerikaner weiter finanziert

Sie finden einen lallenden Mann. Er kann kaum noch laufen. Neben ihm liegt eine halb leere Flasche Schnaps. Was machen Sie mit ihm? Sie geben ihm erst einmal wieder Schnaps, damit er sich berappelt. Sie lindern seine Entzugserscheinungen.

Genauso sollte man mit der Weltwirtschaft umgehen. Vor allem die Volkswirtschaften Chinas und der USA haben Gleichgewichtsstörungen. Ihre gegenseitige Abhängigkeit besteht darin, dass die Amerikaner zum Überleben unbedingt Kredite von den Chinesen brauchen. Die Chinesen wiederum müssen ihre Produkte in die USA verkaufen, um ein hohes Wachstum zu erzielen. Seit einem guten halben Jahr bekommen beide nicht mehr, was sie brauchen. Die Folge ist Panik, bei den Amerikanern mehr als bei den Chinesen, weil der Grad der internationalen Abhängigkeit der USA höher und der finanzielle Verfall weiter fortgeschritten ist. Und die Welt leidet mit.

Es ist ernüchternd: Kaum hat man ein Konjunkturprogramm verabschiedet, braucht man schon das nächste. Vor allem die Amerikaner reiten sich ins Desaster. Sie drucken Geld, damit die Menschen wieder konsumieren. Je mehr Geld sie jedoch drucken, weil niemand ihnen mehr Geld leiht, desto weniger ist auf lange Sicht der Dollar wert. Desto weniger werden sich die Amerikaner also international dafür kaufen können – wenn andere Währungen wie etwa die chinesische einigermaßen stabil bleiben. Und in dem Fall werden wiederum die Chinesen weniger in die USA verkaufen und haben dann weniger Geld, das sie verleihen könnten.

Wie kommt man aus diesem Strudel heraus? Die Süchtigen müssen wieder kriegen, was sie brauchen, erst mal zumindest. Die Amerikaner müssen wieder Geld geliehen bekommen und die Chinesen ihre Produkte in die USA verkaufen können. Deshalb brauchen wir statt der G-20- oder G-7-Gipfel einen G-2-Gipfel. Der größte Gläubiger, China, muss sich mit dem größten Schuldner, den USA, zusammensetzen. Jeder Amerikaner schuldet China inzwischen 4000 Dollar.

Die Gespräche sollten nur ein Ziel haben: den alten Kreislauf wiederzubeleben und zu stabilisieren. Die Chinesen sollten auf einen Schlag so viele amerikanische Staatsanleihen kaufen wie möglich. Die Amerikaner müssten sich im Gegenzug bereit erklären, auf protektionistische Maßnahmen gegen China zu verzichten. Das wäre das Signal, das die Welt braucht.

Japaner und Europäer sollten so einen Versuch nach Kräften unterstützen, indem sie ähnliche Vereinbarungen mit den USA treffen: Wir leihen euch Geld, ihr lasst unsere Produkte weiterhin ins Land. Doch ist das realistisch? Die gegenwärtige und die kommende Weltmacht haben sich in den vergangenen Monaten in ihre nationalen Schneckenhäuser zurückgezogen. Die Chinesen haben den Amerikanern im Sommer 2008 deutlich mitgeteilt, dass sie kaum noch Kredite vergeben werden. Im November haben sie der Welt signalisiert, dass sie zunächst an sich denken: mit einem Riesenkonjunkturprogramm fürs eigene Land. Auch die Amerikaner dachten zunächst zu Recht an sich: Wir drucken Geld, lassen sie die Welt wissen, und fördern damit unsere Wirtschaft. Es gibt sogar eine – inzwischen abgeschwächte – »Buy America«-Klausel für die Empfänger von Staatshilfe.

Doch inzwischen zeigt sich, dass es so nicht weitergeht. Wer muss nun den ersten Schritt machen? Der Gesündere von beiden, die solventen Chinesen.

Während die solventen Chinesen praktisch keine Schulden haben, kommen die Amerikaner auf zehn Billionen US-Dollar. Amerikas Wirtschaft ist zudem viermal größer als die chinesische und damit schwieriger zu reanimieren. Wenn die Amerikaner ein Konjunkturprogramm von 800 Milliarden Dollar auflegen, sind das knapp sechs Prozent der eigenen Wirtschaftsleistung. Wenn die Chinesen, wie geschehen, die gleiche Summe investieren, sind es gut 23 Prozent. Den Chinesen ist es zudem viel schneller gelungen, ihr Programm umzusetzen. Sie haben einen Vorsprung von mehreren Monaten. Und ihre Banken sind nicht krisengeschüttelt und bereits unter staatlicher Kontrolle. Hinzu kommt, dass die US-Bürger angesichts der gigantischen Erwartungen an die Obama-Regierung schneller ungeduldig werden. Die Chinesen sind es dagegen gewohnt, in schlechten Zeiten auf sich selbst gestellt zu sein.

Kein Wunder also, dass China bisher erstaunlich glimpflich davongekommen ist. Und das ist keine Momentaufnahme. Während die USA im vergangenen Jahr im internationalen Handel 677 Milliarden Dollar mehr ausgegeben als eingenommen haben, konnten die Chinesen einen Gewinn von 290 Milliarden Dollar erwirtschaften. Das sind 15 Prozent Exportwachstum. Und das in einem Jahrhundertkrisenjahr.

An diesem globalen Trend wird sich auch in diesem Jahr nichts ändern. Die USA, Europa und Japan werden sich tiefer verschulden. China hingegen hat so viel Spielraum, dass es seine Devisenreserven weiter aufstocken kann, auch wenn die Exporte weiter einbrechen (17 Prozent im Januar). Und schon die bisherigen Reserven, die sich auf knapp zwei Billionen US-Dollar belaufen, reichen locker aus, um die soziale Stabilität des Riesenreiches aufrechtzuerhalten, mit nun 20 Millionen zusätzlich arbeitslosen Wanderarbeitern, rund 2,5 Prozent aller chinesischen Arbeitskräfte.

China will, sagt Ministerpräsident Wen Jiabao, das erste Land sein, das die Finanz- und Wirtschaftskrise überwindet. Das bedeutet jedoch auch: China ist stark genug, um Verantwortung für die Welt zu übernehmen, ohne die eigene soziale Stabilität zu riskieren. Doch warum sollte die Staatsführung den Dollar, die Währung des ärgsten Konkurrenten, wieder stärken? Um Schlimmeres zu verhindern. »China kann nicht weiterhin einen Freifahrtschein bekommen, die Prinzipien des fairen und freien Handels zu unterminieren«, hat der US-Finanzminister Timothy Geithner gesagt. Absteiger können sehr unangenehm werden, wenn sie keinen Ausweg mehr sehen. Noch hat China die Möglichkeit, gemeinsam mit den Amerikanern den weltwirtschaftlichen Kreislauf wieder in Gang zu bringen. »Nur mit enger Kooperation und gegenseitiger Hilfe können wir die Krise managen«, sagt Wen Jiabao. Die Welt sollte ihn beim Wort nehmen.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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    • Schlagworte China | Finanzen | USA | Timothy Geithner | Japan | Europa
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