Ein altes Mietshaus im Nordosten von Paris, unweit des Canal Saint-Martin und der großen Bahnhöfe. Die Frau, die seit Jahrzehnten in dem kleinen Appartement im vierten Stock wohnt, hat fünf Namen und viele Leben. Winzig und scheinbar unsterblich sitzt Ana Novac auf dem Sofa. Auf dem Kaminsims stehen ein paar bunte Teller, daneben ein Schaukelstuhl, in der Ecke eine neunarmige Chanukka-Leuchte. Ana Novac hat ein kindliches Gesicht und lockige, kurze Haare. Sie staunt noch immer über das, was ihr geschah. "Der Körper hat kein Gedächtnis", sagt sie, aber dieses Gefühl hat sie nie verlassen: die Verblüffung darüber, in einem Vernichtungslager zu sein.

Als sie ein Kind war und Zimra Harsanyi hieß, träumte sie in drei Sprachen, und in jeder mit einem Akzent. Geboren wurde sie in den zwanziger Jahren im rumänischen Dej als Tochter eines ungarischen Vaters und einer deutschen Mutter. Später stand in ihrem Pass "Jüdin" auf Ungarisch, bis das Mädchen Zimra eines Tages gar keinen Ausweis mehr hatte, sondern nur noch eine Zahl, die man auf seinen linken Unterarm tätowiert hatte: A-17587.

Da war Zimra bereits in Auschwitz. "Unheimlich und unglaublich" sei ihr alles vorgekommen, sagt Ana Novac heute, wenn sie vom Leben und Sterben im KZ spricht. Was sie dort und in sieben weiteren Konzentrationslagern erlitt und erlebte, hat sie aufgeschrieben. Sie führte Tagebuch hinter Stacheldraht, in Auschwitz und Plaszow, und beschrieb darin die Gräuel der Lager und den Alltag in den Baracken der Häftlinge. Unter dem Titel Die schönen Tage meiner Jugend erscheint das Tagebuch jetzt im Schöffling Verlag.

In Frankreich gilt sie als "rumänische Anne Frank", doch anders als im Fall ihrer deutschen Leidensgenossin enden die Aufzeichnungen nicht mit dem Abtransport ins Konzentrationslager, sondern sie beginnen dort, mitten im Lager. Soweit sich ihr Weg heute rekonstruieren lässt – das Tagebuch ist undatiert –, wurde sie zusammen mit anderen Juden aus Dej im Mai oder Juni 1944 nach Auschwitz deportiert und nach wenigen Wochen ins KZ Plaszow verlegt, wo sie anfängt zu schreiben.

Ein Tagebuch in Plaszow, dem Lager, in dem der sadistische Kommandant Amon Göth wütete, in Auschwitz, einem der fürchterlichsten Vernichtungslager – ist das möglich? Wie konnte ein Mädchen dort schreiben, seine Notizen verstecken, sie nach draußen schmuggeln? "Es war ganz einfach", sagt Ana Novac, "Hitler hat sich nie für unsere Gedanken interessiert, er wollte nur unsere Haut." Sie erzählt, wie sie in Plaszow einen winzigen Bleistift fand. Seit ihrem elften Lebensjahr hatte sie Tagebuch geführt. "Der Bleistift kam mir wie ein Zeichen des Schicksals vor" – sie konnte wieder schreiben. Sie geht zu einer Holzkiste in der Ecke ihres Wohnzimmers und zieht ein halb verkohltes, zerfleddertes Manuskript hervor. Die Seiten sind eng mit Bleistift, manchmal auch mit Tinte beschrieben. "Da, nehmen Sie."

Was sie da in der Hand hält, ist der letzte Überrest des Tagebuchs. Es ist alles, was ihr noch geblieben ist von den über 700 Blättern, Zetteln, Papierschnipseln, die sie dem Lager abtrotzte, um ihre Beobachtungen und Gefühle darauf festzuhalten. Der Einfallsreichtum der schreibenden Todeskandidatin ist so beeindruckend wie ihr unbedingter Überlebenswille: Sie zerschneidet das Verdunkelungspapier in der Baracke und versteckt es in ihrer Pritsche, reißt Fetzen von den Plakaten in der Latrine (Aufschrift "Sauberkeit ist Gesundheit"). Alles dient ihr als Material für Notizen – selbst Toilettenpapier. An einer Stelle des Tagebuchs heißt es: "Und heimlich schreibe ich das alles auf Klopapier, was ein komisches Geschmiere ergibt. Ich hoffe, bald normales Papier aufzutreiben und die Kraft zu haben, alles abzuschreiben."

Die Aufzeichnungen versteckt sie in ihren Schuhen – dem einzigen Kleidungsstück, das die Häftlinge nach der Desinfektion wiederbekommen. Die KZ-Insassin wird sogar Besitzerin eines Schreibhefts. Als sie im KZ Plaszow einen Lagerkapo, einen Häftling in Aufseherfunktion, mit einem Notizbuch sieht, geht sie zu ihm: "Ich brauche ein Heft. Ich bin Schriftstellerin." Der Mut des Wahnsinns. "Als er mich sah, staubig, rasiert und voller Läuse, sah ich wohl sehr komisch aus, aber er hat nicht gelacht."