Literatur "Wie ein Zug auferstandener Mumien"

Auszug aus Ana Novacs Tagebuch aus Auschwitz

Müßte ich in diesem Moment ein Glaubensbekenntnis ablegen, dann würde ich sagen: ich glaube an die Stille. Ich versuche, vor allen anderen aufzustehen. Nicht, um zu arbeiten, sondern um diese wenigen Stunden der Einsamkeit auszukosten, die ich dem Schlaf stehle.

Aber sogar tagsüber sind wir weit weg von Auschwitz. Jeder hat seine Decke, seinen Strohsack, sein Eßgeschirr; wir sind immer noch in Quarantäne, auf "Urlaub". Dank dem Heft habe ich keinen Vorwand mehr zu faulenzen. Es ist höchste Zeit für meinen Bericht – seit man uns aus der Baracke von Auschwitz vertrieben hat, um uns nach endlosen Appellen quer durch das dunkle Lager zu schicken, zwischen einer doppelten Stacheldrahtreihe, flankiert von Schäferhunden, hämmernden Stiefeln, blau vor Kälte und zusammengekrümmt wie ein Zug auferstandener Mumien.

Im Desinfektionsraum, dem Waschraum, stehe ich vor einem Rasierapparat, der mir kein Vertrauen einflößt – die Hand der Polin, die damit hantiert, zittert beängstigend. Deshalb verletzt sie mich auch an einer besonders empfindlichen Stelle. Ich schreie auf, als einzige unter den mehr als tausend Verletzten. Verdattert sieht sie mich an, als wäre ich eine Katze, die zu sprechen anfängt. Aber sie achtet nun besser auf ihre Arbeit. Ironie des Schicksals: Sie ist behaart wie ein Affe und bringt ihre Zeit damit zu, die andern zu rasieren!

Unser Waggon hat Verspätung. Die Ankunft eines belgischen oder holländischen Transports sorgt für etwas Belebung.

Eine unbeschreibliche Begegnung: "zivile" Haare, "zivile" Kleider, "ziviles" Entsetzen beim Anblick unserer nackten, kahlen Herde. "Was ist das, ein Spital?" Ich höre noch die Unseren, die die gleichen Fragen stellten, genauso große Augen machten…

Die gleiche nackte Menge drängte sich vor drei Wochen um uns zusammen, als wir im Bahnhof von Auschwitz ausstiegen. Die gleichen ungläubigen, gierigen Blicke starrten auf unsere Haare, unsere Kleider, unser Gepäck…

Auf der einen Seite die Ungläubigen mit ihrem Gepäck, auf der andern die nackte, kahlgeschorene Menge, die mehr an eine Herde von Kühen als an Frauen erinnert. Die Begegnung ist sicher immer die gleiche. Nur daß diesmal wir die Herde sind und daß wir kichern statt zu muhen, scheint die Behaarten zu überraschen. Mit ihrer rührenden Logik von Zivilisten erkundigen sie sich wie Touristen: "Sind das Irre?"

Die Deutschen biegen sich vor Lachen, die Polen feixen, sogar wir glucksen. Alles spielt sich für sie genauso ab wie für uns (das Unvorstellbare hat seine Grenzen). Nach ein paar Minuten tauchen sie allmählich, eine hinter der andern, wieder auf, genauso nackt und kahl wie wir, ganz blöde vom Dampf und von der Panik.

Ich erinnere mich an den Augenblick, als ich das erste Mal aus der Desinfektion kam und die Menge der nackten, abstoßend weißen Schädel sah: ein Feld von Kohlköpfen.

Ein unglaublicher Anblick: ich war wohl einen Moment lang völlig daneben, denn ich sah keinen Zusammenhang zwischen mir und diesem Meer leuchtender Schädel. "Es sind Irre", hatte ich mir gesagt, und ich wartete. Aber die offene Tür spuckte ständig weitere Kohlköpfe aus. Erstaunlich! Diese Krankheit ruft immer dieselben Symptome hervor. Die gleichen abstehenden Ohren, das gleiche wächserne Gesicht, das gleiche idiotische, gequälte Grinsen.

Eine von ihnen deutet mit dem Finger auf mich: "Großer Gott, wie sehen Sie denn aus!" Doch auf ihrem nackten Schädel schwillt eine blaue Ader. Diese Stimme habe ich schon einmal gehört; dieses Ungeheuer erinnert mich an jemand…Illus aus Miskolc! Die schöne blonde Illus. (Sogar der Wachtposten hatte sich angeboten, sie aus der Ziegelei entkommen zu lassen.)

Ich greife an meinen Kopf, obwohl plötzlich alles klar ist. Sie macht eine beruhigende Handbewegung – wie um mir den scheußlichen Moment zu erleichtern, den sie selbst gerade durchgemacht hat. Sie, die den herrlichsten Schmuck der Welt eingebüßt hat, bemüht sich mit rührendem Eifer, mich zu trösten, mich, die ich nur zwei armselige Zöpfe verloren habe.

"Was bedeuten schon die Haare", sagt sie, "wo wir doch alles verloren haben, sogar die Tränen, um zu weinen. Es wächst wieder nach, Sie werden sehen, es wächst schnell nach." Stumm schaue ich sie an. Wenn sie sich sähe! Ihre riesigen Ohren! Und welch unmögliche Form ihr Schädel hat! Mir scheint, als wären alle Qualen, alle Verluste nichts im Vergleich zu dieser hier! Als hätte der Rasierapparat mich von mir selbst abgeschnitten.

Vielleicht sind wir eine neue Spezies, die die Geschichte noch nicht verzeichnet hat; eine typisch deutsche Entdeckung: etwas zwischen Mensch und Ding. Von den menschlichen Eigenschaften bleibt ihm nur die Fähigkeit zu leiden, genauer: ein leidendes Ding. Wenn uns etwas zustieße, meinem Heft oder mir, ginge der Ausdruck verloren, und das wäre schade. Er hätte einem Historiker nützen können – es sei denn, unsere Geschichte bleibt ohne Zeugen wie ein Loch in der Zeit – oder so unglaubwürdig, daß kein Zeugnis etwas nützen würde.

Ana Novacs Tagebuch ist unter dem Titel "Die schönen Tage meiner Jugend" im Schöffling-Verlag erschienen

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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    • Schlagworte Literatur | Polen | Auschwitz
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