Müßte ich in diesem Moment ein Glaubensbekenntnis ablegen, dann würde ich sagen: ich glaube an die Stille. Ich versuche, vor allen anderen aufzustehen. Nicht, um zu arbeiten, sondern um diese wenigen Stunden der Einsamkeit auszukosten, die ich dem Schlaf stehle.

Aber sogar tagsüber sind wir weit weg von Auschwitz. Jeder hat seine Decke, seinen Strohsack, sein Eßgeschirr; wir sind immer noch in Quarantäne, auf "Urlaub". Dank dem Heft habe ich keinen Vorwand mehr zu faulenzen. Es ist höchste Zeit für meinen Bericht – seit man uns aus der Baracke von Auschwitz vertrieben hat, um uns nach endlosen Appellen quer durch das dunkle Lager zu schicken, zwischen einer doppelten Stacheldrahtreihe, flankiert von Schäferhunden, hämmernden Stiefeln, blau vor Kälte und zusammengekrümmt wie ein Zug auferstandener Mumien.

Im Desinfektionsraum, dem Waschraum, stehe ich vor einem Rasierapparat, der mir kein Vertrauen einflößt – die Hand der Polin, die damit hantiert, zittert beängstigend. Deshalb verletzt sie mich auch an einer besonders empfindlichen Stelle. Ich schreie auf, als einzige unter den mehr als tausend Verletzten. Verdattert sieht sie mich an, als wäre ich eine Katze, die zu sprechen anfängt. Aber sie achtet nun besser auf ihre Arbeit. Ironie des Schicksals: Sie ist behaart wie ein Affe und bringt ihre Zeit damit zu, die andern zu rasieren!

Unser Waggon hat Verspätung. Die Ankunft eines belgischen oder holländischen Transports sorgt für etwas Belebung.

Eine unbeschreibliche Begegnung: "zivile" Haare, "zivile" Kleider, "ziviles" Entsetzen beim Anblick unserer nackten, kahlen Herde. "Was ist das, ein Spital?" Ich höre noch die Unseren, die die gleichen Fragen stellten, genauso große Augen machten…

Die gleiche nackte Menge drängte sich vor drei Wochen um uns zusammen, als wir im Bahnhof von Auschwitz ausstiegen. Die gleichen ungläubigen, gierigen Blicke starrten auf unsere Haare, unsere Kleider, unser Gepäck…

Auf der einen Seite die Ungläubigen mit ihrem Gepäck, auf der andern die nackte, kahlgeschorene Menge, die mehr an eine Herde von Kühen als an Frauen erinnert. Die Begegnung ist sicher immer die gleiche. Nur daß diesmal wir die Herde sind und daß wir kichern statt zu muhen, scheint die Behaarten zu überraschen. Mit ihrer rührenden Logik von Zivilisten erkundigen sie sich wie Touristen: "Sind das Irre?"