Autotest Deutschland wrackt ab
In Zeiten der Abwrackprämie sind günstige Kleinwagen gefragt wie nie. Peter Dausend, Politik-Redakteur im ZEIT-Hauptstadtbüro, beginnt die Testserie mit dem Honda Jazz
So, jetzt steigen wir erst mal ein – und dann stellen wir die Sache mit der Abwrackprämie richtig. Sieht übrigens schnuckelig aus, dieser neue Honda Jazz. So schnuckelig etwa wie der alte, der ja auch schon so dahergefahren kam wie ein Van, der sich bei seiner Jungferntour durch den Winterregen auf Kleinwagenformat zurechtgeschrumpft hat. Und der neue, wir sitzen jetzt, fühlt sich beim ersten Rundumblick so an, als sei er innen, oh Raumwunder, ganz Van geblieben. Sieht klein aus und fühlt sich groß – so ist er halt, der Japaner.
Mit der Abwrackprämie ist es ähnlich widersprüchlich. Nur dass sie sich neu anfühlt und alt aussieht. Sie gibt es nämlich schon seit 1989 – für Binnenschiffe. Die EU führte sie ein, um Überkapazitäten in der europäischen Binnenschifffahrt abzubauen. Jetzt zahlt der deutsche Staat die Abwrackprämie, um Unterkapazitäten im bundesweiten Autokauf auszugleichen. Verstehe einer die Welt! Über heißt jetzt unter, aus Binnenschiffen werden Altautos, Honda jazzt, und VW hat den Blues. Ist das noch die Krise – oder sind wir alle schon ein bisschen google?
Aber zurück zum Asphalt. Den Jazz haben wir mittlerweile aus seinem Verlies in der Tiefgarage befreit und lassen ihn über die Straßen von Berlin rollen. Nun könnte man etwas erzählen über niedrigeren Spritverbrauch und gesunkenen Schadstoffausstoß im Vergleich zum alten Modell, über die größere Leistungsstärke, über die neu abgestimmte Hinterachse oder über das variable Innenleben mit all seinen Klapp-, Aufstell- und Umlegemechanismen, die Japans Jazz den Sex-Appeal eines Schweizer Messers verleihen.
Wir kommen aber nicht dazu. Weil wir irritiert sind. An jeder Ampel, bei jedem Abbiegen starren uns die Leute an. Uns und unseren brandneuen Honda Jazz. Vorwurfsvoll, wütend, verächtlich starren sie, die Leute. Deutschland hat Krise – und ihr fahrt Japaner! In Deutschland Abwrackprämie kassieren – und in Japan Arbeitsplätze sichern! Verräter! Vaterlandslose Gesellen! Macht doch rüber, fahrt doch nach Tokyo!
Japan ist eine Insel, da fährt man nicht so einfach hin. Und ansonsten sind wir Exportweltmeister. Damit es uns gut geht, darf es den anderen nicht schlecht gehen, sonst kaufen sie uns nichts ab. Und deshalb macht es Sinn, deutsche Prämien in Japans Jazz zu investieren.
Think local – buy global.
Vielleicht sollte die Bundesregierung eine Abwrackprämie der anderen Art ausloben. Nicht für das Abwracken alter Autos. Sondern für die Verschrottung alten Denkens.
Technische Daten:
Motorbauart: 4-Zylinder-Benzinmotor
Leistung: 66 kW (90 PS)
Beschleunigung (0–100 km/h): 12,6 s
Höchstgeschwindigkeit: 177 km/h
CO²-Emission: 125 g/km
Durchschnittsverbrauch: 5,3 Liter
Verhandlungsbasis: 12.550 Euro
- Datum 19.08.2009 - 07:24 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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grund nicht nachvollziehen, weshalb der autor gegen die aw-prämie ätzt.
der nutzen für einzelne menschen duerfte höher sein, als bei 90% des geldes, das der staat für mehr oder weniger überteuerte, unnütze dinge auszuloben geruht. um im verkehrs-bereich zu bleiben. man nehme nur die gelder, die für völlig nutzlose um- und rückbauten, sinnfreie beschilderungsorgien, pseudoverkehrssicherheitsmaßnahmen etc.. ausgegeben werden. während die städte viele
fahrwerkmordende schlaglochpisten, mit vorliebe in wohlhabenden stadtvierteln (die leute können sich ja ´nen geländewagen kaufen), jahrzehntelang nicht reparieren.
allerdings käme ich auch nicht auf die idee, leuten die wahl eines japanischen autos zu verübeln. die leute wollen ja schließlich auch nach hunderttausenden kilometern durch teutonische kraterpistenensembles, noch keine, vor baguettehafter erweichung knarzende karosserie vernehmen.
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