Berlinale Tilda im Abo
Warum die Berlinale einen kleinen Altar für ihre diesjährige Jurypräsidentin errichten sollte
Was hat es zu bedeuten, dass der Gewinner eines der wichtigsten Filmfestivals der Welt von einer jungen Peruanerin erzählt, die über Wochen hinweg eine Kartoffel in ihrer Vagina trägt? Zum einen bedeutet es wohl, dass das Kino in der Lage ist, unseren – auch ethno-gynäkologischen – Horizont immer wieder zu erweitern. Und zum anderen, dass die junge Regisseurin Claudia Llosa nicht nur einen Großteil des Publikums, sondern auch die internationale Jury unter Vorsitz von Tilda Swinton von einer Geschichte überzeugte, in der die Naturmystik der Quechua-Indianer, eine spirituelle Mutter-Tocher-Beziehung und Perus jüngste Bürgerkriegsvergangenheit eine rätselhafte Synthese eingehen.
Llosas Film La Teta Asustada ( Die verwunschene Brust ) handelt von der generationenübergreifenden Verarbeitung eines Traumas: Eine Frau, die als Schwangere während des peruanischen Bürgerkriegs vergewaltigt wurde, hat ihre Trauer und ihren Schmerz nach einem alten Aberglauben durch die Muttermilch an die Tochter weitergegeben. Nach dem Tod der Mutter ist ihre erwachsene Tochter allein mit der Gefühlsverwüstung. Die Kartoffel, die sich Fausta zwischen die Beine steckt, wird zum symbolischen Bollwerk gegen die Angst – vor der Sexualität, vor dem Erwachsenwerden, vor dem Leben. In La Teta Asustada verbindet sich diese merkwürdige Gemüsetherapie mit ästhetisierten Bildern und den Quechua-Gesängen der Heldin zu einem manchmal ins Kunstgewerbliche kippenden, aber immer eigenwilligen Selbstfindungsfilm. Auf jeden Fall aber weisen der Goldene Bär für La Teta Asustada wie auch der ex aequo vergebene Große Preis der Jury – für den uruguayischen Film Gigante und Maren Ades deutschen Wettbewerbsbeitrag Alle anderen – über den Film hinaus. Es sind Entscheidungen für ein junges Kino, das im Kleinen die großen Fragen verhandelt. Für genau beobachtende Filme, die ihren verschlossenen Figuren Zeit lassen, um sich auf der Leinwand ein- und auszurichten. Im Korsett der Traditionen, Lebenszwänge und Geschlechtermuster erkämpfen sich diese Helden einen Freiraum, den man auch Individualität und Würde nennen kann. Oder sie geben ihn auf.
Der amerikanische Film The Messenger von Oren Moverman (Silberner Bär für das beste Drehbuch) ist ein einziges Plädoyer für den Regelverstoß. Hier nimmt sich ein junger amerikanischer Soldat die Freiheit, den Angehörigen im Irak gefallener Soldaten die Todesbotschaft auf andere Weise zu überbringen, als die Armee es vorschreibt. In dem uruguayischen Film Gigante interpretiert der einsame Wachmann eines Supermarktes den Job auf ganz eigene, liebevolle Weise: Er wird zum Beschützer der Überwachten. In seinem iranischen Wettbewerbsbeitrag About Elly (Silberner Bär für die beste Regie) hingegen folgt Ashgar Farhadi einer Feriengesellschaft der iranischen Mittelschicht und zeigt, dass der Rückfall in finstere Rollenmuster und Moralvorstellungen nicht nur mit strengen Sittengesetzen, sondern immer auch mit der Entscheidungsfreiheit des Einzelnen zu tun hat. Und in Alle anderen , einer Gefühlsachterbahn der jungen deutschen Regisseurin Maren Ade, kämpft ein Paar in einem Ferienhaus gegen die unsichtbaren Fesseln, gegen all die Rollen- und Geschlechtermuster, die der Liebe im Weg stehen. Auch der Darstellerpreis für Birgit Minichmayr reiht sich in die Galerie dieser jungen, sperrigen, um sich selbst und ihren Platz ringenden Helden. In Alle anderen ist sie wunderschön und wunderhässlich, zärtlich und trampelig, charmant und ordinär und schreckt auch nicht vor jener entblößenden Peinlichkeit zurück, die jeder aus Beziehungsstreitigkeiten kennt, aber immer wieder gerne vergisst.
Überhaupt sollte die Berlinale am Potsdamer Platz einen kleinen Altar für Tilda Swinton errichten. Für die Leichtigkeit und unprätentiöse Eleganz, mit der sie über die 59. Internationalen Filmfestspiele präsidierte: eine aus dem Kino-Olymp herabgestiegene Fantasy-Gestalt, die den roten Teppich zehn Tage lang wie einen Laufsteg der reinen Cinephilie aussehen ließ.
Aber auch die hellsichtigste Jury kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Berlinale gar nichts anderes übrig bleibt, als jenes junge, unbekannte Kino zu entdecken und zu feiern, das ihr zwei übermächtige Bilderstaubsauger gnädigerweise übrig lassen: die Oscars am 22. Februar und das im Mai stattfindende Festival von Cannes. Auch diesmal zogen es die Hollywood-Studios vor, ihre großen Autorenfilme der Saison ( Milk von Gus Van Sant, Revolutionary Road von Sam Mendes‚ Gran Torino von Clint Eastwood, Benjamin Button von David Fincher) noch vor der Berlinale in die Kinos dieser Welt und ins Gesichtsfeld der geneigten Oscar-Öffentlichkeit zu katapultieren. Und auch in diesem Jahr wirkt der Wettbewerb von Cannes (mit neuen Filmen von Almodóvar, Tarantino, Jarmusch, Haneke) wie ein filmisches Rollkommando, das den Pennälern vom Potsdamer Platz die Ohren lang zieht. Mit immer mehr Kinos, Sub- und Nebenreihen, Events, Premieren und vor allem immer mehr Zuschauern sind die Berliner Filmfestspiele zu einem Mega-Kulturereignis geworden, einer Mischung aus Woodstock und Gala-Aufmarsch. Nur leider fühlen sich die großen und die großkopferten Bilder und Bildermacher anderswo zu Hause.
Das kann sich nur ändern, wenn entweder die Filmfestspiele nach vorn oder die Oscarverleihung nach hinten verlegt wird. Oder wenn das dekadente Cannes doch noch von der Russenmafia der Côte d’Azur ruiniert werden sollte. Bis dahin wird der Berlinale, genau wie ihren diesjährigen Helden, nichts anderes übrig bleiben, als sich im Korsett der Verhältnisse hie und da ein bisschen zu recken und zu strecken – und darauf zu hoffen, dass dies auch künftige Jurys zu würdigen wissen. Vielleicht sollte man Tilda Swinton einfach für die nächsten zehn Jahre als Jurypräsidentin abonnieren.
- Datum 28.09.2009 - 14:02 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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