BERLINER BÜHNE Der Nützling
Thilo Sarrazin hat die Berliner gequält. Aber einem wird er fehlen
Jetzt geht er also. Endlich. Der Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin verlässt die Hauptstadt. Er wird Banker in Frankfurt. Endlich? Klar. Er war schlimm. Hat die Beamten »übelriechend« genannt und »faul«, wenn sie sich über zu viel Arbeit und schlechte Bezahlung beschwerten. Rechnete Sozialhilfeempfängern vor, wie man sich trotz wenigen Geldes gut ernähren kann: Sauerkraut und Bratwurst von Aldi. Und empfahl Arbeitslosen, nachdem das Kohlengeld gekürzt worden war, zu Hause einen dicken Pullover mehr anzuziehen.
Menschenverachtend? Zynisch? Ja! Aber für den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit ist Sarrazin ein politischer Nützling. Einer, der zuverlässig das Unmutspotenzial der Berliner und das Erregungskontingent der Journalisten ausschöpft. Wowereit blieb all die Jahre weitgehend unbehelligt. Und mal ehrlich: dass in Berlin das rot-rote Tabu gebrochen wurde und die Sozialisten und Kommunisten regieren – haben Sie das gemerkt?
Wowereit und Sarrazin, good guy – bad guy. Das klappt im Krimi, im Western, in der Vorabend-Soap. In Koalitionsverträgen fehlt üblicherweise Dramaturgie und Psychologie. Man streitet über Strukturen, über Ministerien, über die Zahl der Staatssekretäre, über Gesetze und Prüfaufträge. Nur wenige Politiker beherrschen die absichtsvolle Intrige. Noch weniger das kalkulierte Zusammenspiel. Meist erscheint der Provokateur als Einzelkämpfer auf der Bühne. Schily, Lafontaine, Merz: Leute, die immer noch eins draufsetzten, wenn man glaubte, schlimmer geht’s nimmer. Sie stören, scheinbar. Aber wehe, wenn sie gehen.
- Datum 19.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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