BÜCHER MACHEN POLITIK Die späten Leiden des jungen W.
Guido Westerwelle gibt es jetzt als Biografie. Sie macht ihn älter, als er wirkt. Das kann dem Mann nur recht sein
Wie alt ist eigentlich Guido Westerwelle? Fünf Jahre und 51 Wochen jünger als Frank-Walter Steinmeier zum Beispiel. Der Vergleich drängt sich auf. Zum einen weil der amtierende Außenminister und SPD-Vizekanzler vergangene Woche in Berlin eine Westerwelle-Biografie vorstellte. Zum zweiten weil auch Westerwelle selbst zu dem Anlass erschienen war. Und zum dritten weil beide Herren Scherze über die Frage rissen, wann denn der Jüngere den Älteren als Außenminister beerbe (Steinmeier konnte sich das nur in einer Konstellation vorstellen – unter seiner Kanzlerschaft nach einem SPD-Wahlsieg samt Ampelkoalition). Doch politisch ist Westerwelle (Jahrgang 61) älter als Steinmeier (Jahrgang 56) oder auch Merkel (Jahrgang 54).
Das politische Alter misst sich nicht an der Zahl der Geburtstage, die einer erlebt hat, sondern an der Zahl der politischen Kabalen, die er überlebt hat, oder – vielleicht einfacher zu zählen – an der Zahl der Bundestagswahlen. 2009 wird Westerwelles achte Bundestagswahl als Politiker sein, Merkels sechste und Steinmeiers (großzügig gerechnet) dritte. Wie alt der Politiker Westerwelle tatsächlich ist, führt das faszinierend genau geführte Karriereprotokoll des FAZ- Redakteurs Majid Sattar vor Augen: älter als Helmut Kohls Kanzlerschaft. Sein erstes bundespolitisches Parteiamt jedenfalls eroberte sich der Jungliberale, noch ehe Kohl zum ersten Mal Kanzler wurde. Man muss sich Guido Westerwelle als alten Mann vorstellen.
Das klingt nicht schmeichelhaft, dem FDP-Partei- und Fraktionsvorsitzenden kommt dieser Eindruck trotzdem gelegen – und also auch Sattars Biografie. An nichts nämlich leidet der Außenministeranwärter und Vizekanzlerkandidat mehr als an seinem Ruf der Unreife: Es sind die späten Leiden des jungen W. »Es gibt Menschen, bei denen schon die bloße Erwähnung ihres Namens die immergleichen Reflexe auslöst«, schreibt Sattar, »im Falle Guido Westerwelles ist es entweder ein vielsagendes Augenrollen oder ein wissendes Grinsen.« Mag Frank-Walter Steinmeier um Frische bemüht sein und daher auf seinen »Walter« im Namen verzichten, Westerwelle ist damit seit geschätzten 21 Jahren durch. »Frische«, das war Westerwelles Anspruch bei seiner Kandidatur als JuLi-Bundesvorsitzender 1983. Jetzt, sieben Monate vor der Wahl 2009, möchte er sich nichts dringender zulegen als Ernsthaftigkeit. Ist das Buch also ein Gefälligkeitswerk?
Als Sattar sich an die Arbeit machte, ahnte er, dass »sich das Motiv des Augenrollens und Grinsens sehr bald auch auf den Autor beziehen würde«. Und, ja, eine Biografie, »die von demjenigen unterstützt wird, von dem sie handelt, unterliegt einem Deal«, räumt Sattar ein – erleichterten Zugang für den Porträtisten gegen erhöhten Einfluss des Porträtierten. So finden sich Fotos vom Strandurlaub aus Kindertagen ebenso wie detaillierte Schilderungen von Hinterzimmerabsprachen, für die der FDP-Chef erkennbar eine zentrale Quelle war. Doch der Biograf schont seinen Protagonisten deshalb nicht. Er entwirft das Bild eines Politikers, der sich Verwandlungen verordnet wie Helmut Kohl Fastenkuren: Projekt Frische, Projekt 18, Projekt Großer Ernst.
Wie oft aber geht das gut? Der Vorsitzende gibt mal den Polarisierer, danach den Staatsnotar, die Partei spielt mal Volkspartei, dann Elitenavantgarde. Immer wieder in seiner Laufbahn kämpft Westerwelle gegen das Gefängnis eines Images an – nur um das eine Gefängnis durch ein anderes zu ersetzen.
Auf seine Weise gibt damit das Buch auch eine Antwort auf die Frage: Wann ist ein Politiker zu alt? Wenn die Zahl seiner Imagewechsel die Vorstellungskraft der Wähler übersteigt.
- Datum 19.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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