Willibert Pauels macht etwas, was bei Kindern als schlechtes Benehmen getadelt würde. Er lauscht an der Tür. Bloß nicht den Einsatz verpassen. Die Kapelle stimmt Tochter Zion an. Pauels verlässt seinen Horchposten, strebt im Kölner Gürzenich der Bühne entgegen, hebt die Arme und singt lautstark mit. Ein Weihnachtslied im Karneval? Für Willibert Pauels ist das keine komische Kombination. Der 54-Jährige ist im Hauptberuf Büttenredner und nebenbei noch Diakon.

Bis vor drei Jahren war das noch umgekehrt. Willibert Pauels, der in der Bütt zu den Topstars zählt, musste sich entscheiden. Hauptberuflich Spaßmacher oder hauptberuflich Diakon. Er fand für sich einen dritten Weg. »Büttenredner und Kabarettist ist jetzt der Beruf, mit dem ich mein Geld verdiene. Ich trete das ganze Jahr über auf, deutschlandweit. Diakon bin ich natürlich auch noch, aber ohne Dienstverpflichtungen und ohne Bezüge.« Sein Arbeitgeber, das Erzbistum Köln, hat ihm die Entscheidung leicht gemacht: Pauels hat eine Rückkehrgarantie. Er nennt das »eine goldene Brücke«.

»Wer lacht, bekommt eine Ahnung vom Paradies«

Eine schwarze, etwas zu kurze Hose, ein rotes T-Shirt und eine schwarze Hornbrille, so steht er vor dem närrischen Volk. Die rote Pappnase und das verbeulte Hütchen lassen ihn aussehen wie ein komischer August. Es spricht aber aus jedem Satz der Diakon zu den Menschen. Selbst dann, wenn er sich über die Institution Kirche und deren »Bodenpersonal« lustig macht. »Beim evangelischen Pfarrer hängt die Kinderwäsche ums Haus, beim katholischen im ganzen Dorf.« Der Saal tobt.

Für Willibert Pauels schließen sich Kirche und Karneval keinesfalls aus: »Lachen hat eine unglaublich befreiende Kraft. Das hat die Kirche schon früh erkannt.« Wer lache, vertreibe die Angst vor dem Tod, und der Mensch bekomme eine Ahnung vom Paradies, sagt Pauels.

Religion müsse nur richtig vermittelt werden, dann werde sie heiter und leicht. »Die Moral und der große Verbotskatalog stehen nicht im Mittelpunkt des Glaubens. Gott ist kein großer Polizist.« Bis er Karnevalsstar wurde, hat Pauels viele Umwege eingelegt. Nach dem Abitur schien die Sache erst einmal klar: Er wollte Priester werden. Er stammt aus einem streng katholischen Elternhaus, studierte Theologie in Bonn und Münster. »Irgendwann wurde mir aber klar, dass ich nicht im Zölibat leben wollte.« Das Studium setzte er fort und machte sein Diplom. Danach wechselte er aufs Collegium Marianum. Das ist eine Ausbildungsstätte für geistliche Berufe, Träger ist das Erzbistum Köln. Willibert Pauels bereitete sich auf den Beruf des Diakons vor. 1993 wurde er im Kölner Dom geweiht. Da war er bereits verheiratet und Vater. Seine Tochter Franziska ist jetzt 16 Jahre alt.

Zu seinen Aufgaben als Diakon in St. Nikolaus im nordrhein-westfälischen Wipperfürth gehörten Trauungen, Taufen, Predigten, Gottesdienste und Beerdigungen. Die heilige Messe lesen und die Beichte abnehmen durfte er nicht. »Die richtig spannenden Sachen sind für einen Diakon tabu, aber als Ausgleich dürfen wir spannende Sachen machen, die für einen Priester nicht erlaubt sind.« Jetzt ist er nur noch auf Anfrage als Diakon im Einsatz und auch nur für Menschen aus seiner Gemeinde. Für Kollegen macht er manchmal eine Ausnahme. Als ihn ein Mitglied der Kölschrock-Gruppe Brings fragte, ob er dessen Tochter taufen würde, sagte er zu. Der 82-Jährigen, die ihn auf der Bühne erlebte und später per SMS anfragte, ob er sie beerdigen würde, wird er wohl absagen. Gründlich missverstanden fühlt er sich, wenn Menschen glauben, er wäre bereit, bei Klamauknummern mitzumachen. »Ich sollte mal bei einer nachgespielten Hochzeit mitwirken. So als Spaß bei einer Feier zur Silberhochzeit. Da ist bei mir Schluss mit lustig.«