Großgemeinden Feldis heißt jetzt Tomils
So viele Dörfer wie noch nie schließen sich zu Großgemeinden zusammen. Was bedeutet das für das Zusammenleben? Eine Reportage aus dem bündnerischen Feldis
Feldis ist nicht mehr Feldis! Können Sie sich das vorstellen?« Plasch Barandun ist 83 und hat sein ganzes Leben in diesem Bergdorf im bündnerischen Domleschg verbracht. Und nun wurde seine Heimat mit den drei Nachbargemeinden zu Tomils »fusioniert«. Mit seinen rund 130 Einwohnern zu kostspielig, zu ineffizient, um als eigene Gemeinde aufrechterhalten zu werden, heißt es heute, wo nicht nur die Frau, sondern auch der Staat schlank zu sein hat.
Und so wurde Feldis zur »Fraktion« degradiert und bildet seit dem 1. Januar zusammen mit Trans (60 Einwohner), Scheid und Tomils die neue Gemeinde Tomils, mit etwa 700 Seelen. Ausgerechnet mit Scheid! Gegenüber Scheid pflegt Feldis nämlich seit Urzeiten eine leidenschaftliche Feindschaft. Barandun erinnert sich noch, wie die Bewohner nach Sonnenuntergang jeweils das eigene Vieh heimlich auf die andere Seite der Dorfgrenze trieben, zum Fressen. Am nächsten Tag kam es zu gewaltigen Schlägereien.
Plasch Barandun war sein Leben lang Posthalter in Feldis. Er führt ein kleines Museum und hat diverse Bücher zur Geschichte seines Dorfes publiziert. Er weiß alles. Aber nun ist er empört. Von einer Zweck-, ja einer Zwangsehe spricht er: »Wir haben unsere Freiheit und Identität eingetauscht gegen ein paar materielle Vorteile.«
»Ein Dorf ohne Schule ist wie ein Dorf ohne Brunnen«
Bis vor zwei Jahren besaß das Dorf zusammen mit Scheid eine eigene Schule, in der zwei Lehrer sechs Klassen unterrichteten. Dann gab es endgültig zu wenig Kinder, und nun fahren sie jeden Morgen mit dem Schwebebähnchen nach Rhäzüns. »Ein Dorf ohne Schule«, sagt Barandun, »ist wie ein Dorf ohne Brunnen.« Auch die Post ist verschwunden. Briefe und Pakete gibt man dem Pöstler aus Tomils mit, der jeden Tag die Runde macht, Briefmarken verkauft, Geld wechselt. Die Kanzlei neben dem Volg ist geschlossen. »Sollen die Alten nun jedes Mal nach Tomils hinunter, wenn sie eine kleine Anfrage haben?«, fragt Barandun bitter.
Am Dorfplatz gibt es zwar noch einen Brunnen und ein öffentliches Telefon, aber einen Bankomat sucht der Fremde vergebens. Die Raiffeisen-Bank ist nur am Dienstag und am Freitag von neun bis zwölf geöffnet. Auch das Zivilstandsamt ist weg. »Wollen sich ein Feldiser und eine Feldiserin das Jawort geben, müssen sie das nun auswärts tun«, sagt Barandun.
Wenigstens die Kirche steht noch im Dorf. Aber sogar der Gottesdienst wurde rationiert; er findet nur mehr jeden zweiten Sonntag statt. Die Pfarrerin stammt aus Cazis und ist für mehrere Gemeinden zuständig. Feldis ist reformiert, wie alle Bergdörfer im Domleschg; nur die Täler sind katholisch. In der neu gebildeten Vierergemeinde ist lediglich Tomils katholisch; vor zehn Jahren hätte das eine Fusion verunmöglicht, wie übereinstimmend festgestellt wird. Aber auch diese Differenz wurde nun angesichts der finanziellen Zwangslage pulverisiert. Jetzt wird Feldis weniger Ausgaben haben, weniger Steuerbelastung, und als Hochzeitsgeschenk erhält das neue Tomils 2,8 Millionen Franken vom Kanton.
Feldis kämpfte schon länger ums Überleben. Aber nicht immer. Barandun beschreibt in seinem Buch Feldis, deine Vergangenheit den verheerenden Brand von 1774, von dem sich das Dorf nie mehr erholte. Bis damals zählte Feldis über 400 Einwohner. Dann zerstörte das Feuer an einem einzigen Tag sämtliche Ställe und Häuser, bis auf eines. Die meisten Bewohner wanderten daraufhin aus; nur 22 Familien entschlossen sich, das Dorf neu aufzubauen. Seither stieg die Zahl der Bewohner nie mehr über 175.
Barandun spricht von Gleichschaltung, Zentralisierung, von einem Gewaltakt des Staates. Aber er selber weiß am besten, dass auch dieser Zusammenschluss eine Vorgeschichte hat. Die vier Gemeinden waren nämlich im 18. Jahrhundert schon einmal vereinigt, in der Gerichtsgemeinde Ortenstein. Die Fusion kann auch als Wiederherstellung gesehen werden.
Die letzte Gemeindepräsidentin war Ursula Tscharner. Sie ist keine gebürtige Feldiserin, sondern hat »hinaufgeheiratet«, wie sie es nennt. »Ganz freiwillig war die Fusion nicht«, sagt sie. Es sei zunehmend schwierig geworden, alle Posten zu besetzen. Praktisch jeder hatte ein Amt inne. Vor allem die Aufgabe des Gemeindepräsidiums sei immer komplexer und zeitaufwendiger geworden – für ein Jahresgehalt von 5000 Franken.
Sie erzählt von den etwa fünf Clans, die Feldis von alters her beherrschen, den Familien Tscharner, Battaglia, Barandun, Raguth Tscharner, Banzer… Sie berichtet von Querelen, Neid und vom Sich-gegenseitig-Blockieren. Man kann sich vorstellen, wie Politik unter solchen Umständen zum Eiertanz wurde. Obwohl in Feldis alle per Du sind, gibt es Leute, die seit Jahren nicht mehr miteinander reden. Wenn man sich schon nicht aus dem Weg gehen kann, schafft man halt durch Schweigen Distanz. Und oft geht der Grund der Zwistigkeiten bis in die letzte Generation zurück: »Dein Vater hat damals meinem Vater…«
Der »Vorstand«, also der Gemeinderat, umfasste in Feldis fünf Leute. Angesichts der Regel, dass keiner des Gremiums mit einem andern verwandt sein sollte, war die Auswahl an wählbaren Kandidaten trotz Amtszwang so klein, dass Qualifikation sekundär wurde. Anonymität gab es de facto nicht, da jeder jeden kennt, und gerade unpopuläre Entscheide, etwa die Ablehnung eines Baugesuchs, wurden von den Betroffenen persönlich genommen. Viele Bewohner formulieren die Hoffnung, dass der Vorstand des neuen Tomils effizienter arbeiten kann, mit weniger Vetternwirtschaft, weniger Neid und mehr Sachbezogenheit. Aber selbst dieser neue Vorstand war nicht leicht zu besetzen, sogar in der fusionierten Großgemeinde sind die wirklich valablen Kandidaten rar.
Angesichts dieser Schwierigkeiten ist es kaum Zufall, dass es in den letzten Jahren gleich zweimal auswärtige Frauen waren, die Feldis vorstanden. Als Außenstehende hatten sie wohl mehr Handlungsspielraum als die alteingesessenen Clanvertreter. 1987 war Feldis in einem derart desolaten Zustand, dass dem Dorf die Bevormundung durch den Kanton drohte. Kurzerhand wurde der ganze Vorstand ausgewechselt; neu gewählt wurde unter anderem die »eingeheiratete« Gisula Tscharner. 1992 bis 1997 und dann nochmals von 2003 bis 2006 war die schillernde Küsnachterin Gemeindepräsidentin. Feldis kam in den Ruf, ein »Dorf der Frauen« zu sein. Nicht genug damit, dass in sämtlichen Ämtern eine Frauenmehrheit herrschte, im Gefolge des nationalen Frauenstreiktags 1991 ein »Frauenladen« im Dorf eröffnet und das Feuerwehrobligatorium für Frauen eingeführt wurde, im Hotel Sternahaus plötzlich Workshops für Fußreflexzonenmassage und Tai-Chi stattfanden und Feldis zweimal den Schweizer Solarpreis überreicht bekam; Gisula Tscharner selbst war geradezu die Inkarnation der spirituell-rot-grün-alternativen Feministin. Sie schenkte Kräuterschnäpse in ihrer fahrenden »WildeWeiberBar« aus, publizierte Rezepte unter dem Titel »Hexentrank und Wiesenschmaus« und reiste als freischaffende, kirchlich ungebundene Pfarrerin durchs Land. Tscharners unkonventionelle Initiativen brachten Feldis in die Schlagzeilen und holten ein ganz neues Segment von Touristen ins Dorf. Aber nicht alle Einwohner waren darob froh.
In den Jahren 2003 und 2004 erschütterte eine rätselhafte Brandserie das ohnehin schon fragile Gleichgewicht im Dorf. Im Mai 2004 fing ein Stall Feuer, das dann auf das ehemalige Pfarrhaus übergriff. Seltsam war vor allem, dass die Brände immer an Vollmond ausbrachen. Es war ziemlich klar, dass jemand aus dem Dorf dahintersteckte. Die Gerüchte jagten sich. Eine Polizeisondereinheit aus Chur vernahm mehrere Personen – vergeblich. »Es war schrecklich, jeder verdächtigte jeden«, sagt Ursula Tscharner. »Ich wäre froh, das Ganze wäre aufgeklärt worden.«
Feldis sei ein verschrobenes Dorf, sagt Rolf Schenkel vom Sternahaus. Obwohl die Fusion von einer klaren Mehrheit der Bewohner befürwortet wurde, sieht er einen Riss durch die Bevölkerung gehen: »Etwa die Hälfte der Bevölkerung bilden die Eingesessenen, die zwar aufgrund der Sachzwänge Ja sagten, aber eigentlich lieber hätten, wenn alles bliebe, wie es ist. Die andere Hälfte, die Neuzuzüger und die Rückkehrer, verbinden mit der Fusion die Hoffnung auf Öffnung, Dynamik und frischen Wind.« Schenkel bemerkt, dass diejenigen, die sich nun am vehementesten über die Zusammenlegung empören, am wenigsten unternommen haben, um sie zu verhindern. »Vor einigen Jahren wollte eine fünfköpfige Familie nach Feldis ziehen. Aber keiner der Landbesitzer war bereit, den Auswärtigen Bauland zu verkaufen – genau diejenigen, die nun lauthals den Verlust der Schule beklagen.« Umtriebige Einwohner mit neuen Ideen wie Roman Bernard vom Hotel Mira Tödi lässt man auch nach 40 Jahren noch spüren, dass sie eigentlich nicht dazugehören. So wollte er sich beispielsweise vor einigen Jahren mit den andern drei Gastwirten im Dorf wegen der Ruhetage absprechen. Es schien ihm nicht sinnvoll, dass alle am Dienstag geschlossen hatten. Doch eine Einigung war nicht möglich. Vor Kurzem hätte er beinahe aufgegeben und wollte das Mira Tödi verkaufen. Bloß fand er keinen Käufer.
Zwischen Traditionalisten und Modernisten stehen schließlich noch die Touristen, die zwar Geld und weite Welt nach Feldis bringen, aber zugleich wollen, dass alles auf ewig unverändert bleibt. Sie stellten sich etwa gegen die nächtliche Beleuchtung, während die Bewohner gerade angesichts des ominösen Feuerteufels froh waren um die Straßenlaternen. Der Tourismus trägt indirekt auch zur Entvölkerung bei. Dringend benötigter Wohnraum wird an Feriengäste vermietet. Ein Teufelskreis: Je weniger Bewohner, umso höher die Steuerbelastung, was eventuelle Neuzuzüger zusätzlich abschreckt.
Symptomatisch für den Widerstreit zwischen Alt und Neu ist auch der Umgang mit dem Romanischen. Der Jüngste, der es noch flüssig spricht, ist 25. »Es ist Matthäus am Letzten«, sagt Plasch Barandun, »wir müssen alles tun, um das Romanische in die nächste Generation hinüberzuretten.« Aber er ist entschieden gegen das Rumantsch Grischun, das geschaffen wurde, um die verschiedenen Dialekte zu vereinheitlichen und die Überlebenschancen der aussterbenden Sprache zu steigern. Es sei tot und künstlich wie Esperanto, sagt er und lobt das Feldiser Rumantsch, das dank der langen Isolation so schön wie kein anderes sei.
»Das Herz sagt Nein zur Fusion, der Kopf aber sagt Ja«
Die meisten Feldiser aber gehen davon aus, dass der Dorfgeist nur in der Veränderung lebendig bleiben kann. »Jetzt, wo sich dank der Fusion nicht mehr jeder in Ämtern verausgaben muss, gibt es wieder Kapazitäten für anderes«, sagt Rolf Schenkel. Ähnlich äußert sich Gisula Tscharner: »Gerade als Auswärtige genoss ich die intensive Dorfgemeinschaft, die direkten, persönlichen Auseinandersetzungen, das, was man auch Filz nennen könnte. Ich bin schon etwas wehmütig über den Verlust der Autonomie; aber was 1848 berechtigt war, ist heute überlebt. Das Herz sagt Nein zur Fusion, der Kopf sagt Ja. Nun werden endlich wieder Energien frei für Kultur, Vergnügen, Sozialleben.«
Und trotz allem: Es gibt eine neue Luftseilbahn, einen neuen Sessellift, und bald wird das letzte Teilstück der Straße geteert. Und dann – da sind sich alle einig – wird der Tourismus nochmals einen großen Sprung vorwärts machen. Und sowieso birgt die Fusion auch eine Chance für einen Neuanfang. Gisula Tscharner sagt: »Die Fronten zwischen Männern und Frauen, Eingesessenen und Zugezogenen weichen auf. In der neuen Generation sind alles Mischlinge.«
- Datum 19.02.2009 - 04:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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