Kabarettist "Ich bin gar nicht so links"
Mike Müller ist neben Viktor Giacobbo der erfolgreichste Satiriker der Schweiz. Hier sagt er ganz ernsthaft, wie er politisch denkt
DIE ZEIT: Herr Müller, haben Sie sich mal geschämt für einen Witz, den Sie gemacht haben?
Mike Müller: Ja, für Gesinnungswitze. Zum Beispiel über Blocher, das ist einfach, aber billig. Ich war da nicht genau, das ärgert mich. Ich mache auch Fehler, Stotterer, Versprecher. Man kann das alles bei Sigmund Freud nachlesen, in Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten, eine immer noch sehr genaue Beschreibung meiner Unzulänglichkeiten.
ZEIT: Der Gesinnungswitz ist sehr verbreitet.
Müller: Michael Mittermeier, den ich eigentlich für einen tollen Komiker halte, sagte zum Beispiel, Christoph Mörgeli sei eine Amöbe – und die Leute tobten. Das ist weder eine satirische Aussage, noch hat sie irgendetwas mit Mörgeli zu tun. Der ist ein eiskalter Typ und ein langweiliger Ideologe, aber ein hervorragender Kolumnist. Leider hängt er einem alten, verbitterten Mann nach – dafür wird die SVP einen hohen Preis zahlen. Der Preis für Ideologie ist immer hoch.
ZEIT: Am besten sind Sie als Knecht.
Müller: In unserer Satiresendung Giacobbo/Müller verstehe ich mich nicht als Knecht.
ZEIT: Sie sprechen selbst von einer »Hierarchie« zwischen Viktor Giacobbo und Ihnen. Das könnte man auch als Verhältnis zwischen Herr und Knecht beschreiben.
Müller: Der Konjunktiv ist das einzig Gute an Ihrer Frage. Wenn wir unser Verhältnis von Anfang an als das von Herr und Knecht definiert hätten, wären wir schon bei der dritten Sendung eingeschlafen vor Langeweile. Es muss etwas passieren zwischen den Moderatoren.
ZEIT: Also müssen Sie der Knecht sein.
Müller: Ich bin der, der aus dem Hintergrund schießt. Ich bin aber nicht weniger wichtig.
ZEIT: Ich habe schon recht. Sie mögen es nicht, allein auf der Bühne zu stehen.
Müller: Ich trete gern allein auf, habe aber noch nie ein Soloprogramm gemacht. Giacobbo übrigens auch nicht. Ich wollte das lange, dann habe ich entschieden: Du bist ein Teamplayer.
ZEIT: Sie beziehen sich gern auf andere.
Müller: Ich beziehe mich gern auf ein System und suche dort meinen Platz. Nebenrollen spielen muss man können. Die schlimmste Lebenshaltung ist, wenn man die Nebenrollen nicht richtig gut spielt und immer auf die Hauptrolle wartet. Menschen, die stets denken, ihre Zeit komme noch, bringen es zu nichts.
ZEIT: Kommt Ihre Zeit noch?
Müller: Ich bin sehr zufrieden, wie es läuft. Ich muss nicht eine eigene Fernsehshow haben.
ZEIT: Da wären Sie allein für den Erfolg verantwortlich. Jetzt können Sie sich verstecken.
Müller: Ich setze mich schon genug aus. Ich kann jeden Sonntag auf die Schnauze fallen – was auch passiert ist. Das waren zwei Produktionen, die ich Ihnen aber nicht nennen werde.
ZEIT: Schade.
Müller: Über Misserfolge redet doch ein vernünftiger Mensch nicht in der Öffentlichkeit.
ZEIT: Haben Sie schon mal bereut, so auszusehen, wie Sie aussehen?
Müller: Ja.
ZEIT: Sie sind 100 Kilogramm schwer und 1,80 Meter groß.
Müller: Da könnte man nur noch operativ was machen, und das steht außer Diskussion.
ZEIT: Sie sind doch auch wegen Ihrer Körperfülle ein Liebling der Nation.
Müller: Keine Ahnung. Ich bin halt ein Jo-Jo, mal dick, mal dünner. Leider meistens dick.
ZEIT: Ist es hart, wenn die Leute in der Sendung zehnmal über Ihren Körper lachen?
Müller: Das ist Business. Ich finde meinen Bauch nicht schön, aber er ist auch keine Katastrophe.
ZEIT: Haben Sie je bereut, ein Linker zu sein?
Müller: Gute Frage. Die Rechten haben uns immer damit Angst gemacht, man werde niemand, wenn man nicht zur Armee gehe. Ich ließ mich trotzdem für untauglich erklären. Ich habe der Kommission gesagt, ich sei schwul und müsse ganz schnell hier weg. Ich bin nicht schwul.
ZEIT: Das musste doch noch gesagt sein.
Müller: Hahaha. Jedenfalls ist es in der Schweiz fürs berufliche Weiterkommen nicht wichtig, ob man rechts oder links ist. Außerdem bin ich gar nicht so links.
ZEIT: Wen wählen Sie denn?
Müller: Würde die FDP im Kanton Zürich nicht mit dieser rechtsnationalen Partei zusammenspannen, wählte ich einzelne FDPler.
ZEIT: Warum?
Müller: Weil die Liberalen klare Vorstellungen davon haben, was der Staat leistet und was nicht. Und wo Selbstverantwortung anfängt und wo sie aufhört. Die FDP sagt: Gebt dem Staat nicht zu viel Geld, er wirft es sowieso zum Fenster raus. Das finde ich eine interessante Haltung.
ZEIT: Die FDP sagte: Mehr Freiheit, weniger Staat. Heute leben wir in einer Verbotskultur.
Müller: Es ist eine Zeit der ungeheuren Professionalisierung. Man versucht für alles eine Lösung zu finden. Mir wurde mal vor meinem Haus das Velo geklaut – vom Staat. Ich hatte es zu lange stehen lassen. Zwei Typen von der Abteilung, die Velos sammelt in der Stadt, haben mir dann wie Soziologiestudenten erklärt, warum sie so handeln müssen, wie sie handeln: Wenn es sie nicht gäbe, wäre laut einer Studie die Stadt innerhalb von acht Jahren mit Velos übersät. Ist ja einzusehen und trotzdem dumm.
ZEIT: Das ist das Problem: Man sieht die Verbote immer auch ein bisschen ein.
Müller: Solange ich darf, paffe ich weiter wie ein Idiot. Das Einzige, was mich am Rauchverbot freut, ist, dass alle Discos stärkere Klimaanlagen einbauen müssen. Jetzt riecht man nämlich, wie die Leute stinken. Das ist die süße Rache des Rauchers. Aber all diese Verbote brauchte es gar nicht, das könnte die Gesellschaft selbst lösen.
ZEIT: Warum vertraut man nicht mehr auf die Selbstheilungskräfte der Gesellschaft?
Müller: Die Gesellschaft hat Angst, den Anschluss zu verpassen, etwa an einen Gesundheitstrend. Ich würde die meisten Aktionen des Bundesamts für Gesundheit verbieten. Das schadet der Schweiz. In einer Beiz kann man kein Eigelb mehr benutzen, nur noch Pulver. Dabei gibt es nichts Luxuriöseres, als frische Teigwaren im Eigelb zu drehen, damit die Sauce haften bleibt.
ZEIT: Was würden Sie machen, wenn Sie der König der Schweiz wären?
Müller: Ich habe auch nicht auf alle Fragen Antworten, ich habe nur Haltungen. Aber ich merke, dass ich mich immer mehr aufrege. Heute geschieht ein Rückgriff auf den Kalten Krieg. Die rechtsnationale Bewegung, die man nicht negieren kann, redet von »fremden Vögten«. Diese Angststarre nervt mich. Zum Beispiel die Bildungsreform Harmos – was soll daran schlecht sein? Dass die Kantone Souveränität abgeben? So ein Blödsinn. Dieses Prinzip der Souveränität hat uns im Bildungswesen vor allem viel Geld gekostet und nichts gebracht. Die Berufslehre ist etwas Wunderbares, die müssen am Schluss doch alle das Gleiche können. Also müssen auch die Lehrpläne in der ganzen Schweiz gleich sein. Noch ein Beispiel? Eine Genfer Matur ist heute nur halb so viel wert wie eine ostschweizerische. Ist das gut? Ich finde nicht.
ZEIT: Sollte man alle Kultursubventionen streichen, damit sich durchsetzt, was gewollt ist?
Müller: Man würde eine 2000-jährige Tradition über den Haufen werfen. Hochkultur war schon immer stark subventioniert; mal war die öffentliche Hand ein Fürst, heute ist sie eine Abteilung. Wäre ich jetzt ein SVPler, der die eigenen Maßstäbe auf alle anwendet, müsste ich sagen: Alle haben so zu arbeiten wie das Casino-Theater Winterthur. Wir kommen ohne öffentliche Gelder durch. Das kann man aber nicht als Prinzip durchsetzen, die Nischen würden wegfallen.
ZEIT: Wollten Sie Viktor Giacobbo schon mal umbringen?
Müller: Ich wollte noch nie jemand umbringen. Selbst in meinen kühnsten Fantasien nicht.
ZEIT: Fantasien machen stark.
Müller: Oder sie erschrecken einen.
ZEIT: Erzählen Sie mal.
Müller: Sind Sie noch ganz bei Trost? Das ist ein Grenzbereich, der mir allein gehört.
ZEIT: Gibt es Fantasien, die Sie immer wieder ereilen?
Müller: Die Töffprüfung, die verfolgt mich, da hätte ich dem Prüfer eine langen sollen, der hat mich so gequält. Aber sonst bin ich gut darin, meine Aggressionen gegen außen zu wenden. Die fiese Variante: Man bleibt anständig, wird aber immer schärfer. Letzten Sommer wollte ein Taxifahrer meinen Hund und mich nicht mitnehmen. Ich hatte schon ein bisschen Weißen intus. Ich sagte: »Wenn Sie mich nicht mitnehmen wollen, dann fahren Sie ab! Sofort!« Er teilte mir »Arschloch« aus. Ich wurde nicht wütend, ganz bewusst. Ich sagte nur: »Sie sollten mir nicht ›Arschloch‹ sagen, das wissen Sie. Sie haben eine Beförderungspflicht.« Ich habe den Mann bis aufs Blut geärgert, war aber immer höflich. Am Schluss ist er abgefahren, ein kleiner Triumph.
Das Gespräch führte Peer Teuwsen
- Datum 19.02.2009 - 17:34 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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