STAMMTISCH STÄRNE Fasnacht in Singapur
Franz spielte mit dem Taschenmesser. Chäschpi hätte es ihm am liebsten weggenommen wie einem Schüler. Aber es war eine Heimwehattacke nach der Arbeit, die den rekonvaleszenten Schreiner plagte, da konnte man nur warten. Um sich abzulenken, sagte Chäschpi: »Habt ihr mitbekommen, dass man in Luzern jetzt 40 Franken Buße zahlt, wenn man einen Zigarettenstummel auf den Boden schmeißt?«
»So weit sind wir schon«, wäffelte Charlotte, »dass man die Jungen büßen muss, weil sie es sonst nicht lernen.« – »Das hat doch mit den Jungen nichts zu tun«, sagte Peti gelassen, »dieses Gesetz ist für den Tourismus. Es könnte ja ein Japaner weniger kommen, weil ein Stummel am Boden lag.« – »Dann halt deswegen«, schalt Charlotte, »bei der aktuellen Wirtschaftslage muss man eben schauen.« Chäschpi lächelte süffisant, bevor er stichelte: »Wer solche Eigeninteressen hat, braucht Fremdbestimmung nicht zu fürchten.« Das F-Wort produzierte eine Kaskade pawlowscher Reflexe auf Charlottes Gesicht: Ausverkauf, Ausländer, Kriminalität, EU, wo anfangen?
Franz schwieg eisern. Von der Wirtschaftslage wollte er nichts hören. Er fürchtete, in einem Monat wieder ein gesunder, aber arbeitsloser Mann zu sein. Hätte man ihm angeboten, bis an sein Lebensende Holzpellets zu schnitzen, er hätte angenommen.
»Die andere Variante«, sagte Franz, »ist natürlich, dass in Luzern die Singapurisierung der Schweiz aufgegleist wird.« – »Solange die Fasnacht nicht verboten wird«, antwortete Chäschpi, »sind die noch dafür zu haben. Sonst hat die Diktatur keine Chance.«
»Die Diktatur der EU ist bereits Tatsache«, spotzte Charlotte, »wir übernehmen dauernd ihre Gesetze.« Peti wollte sich die Laune nicht verderben lassen: »Mach dir keine Sorgen, dein Blocher will das Völkerrecht ja abschaffen. Er brütet schon eine Initiative aus.« Da raunte Chäschpi: »Wenn wir das Völkerrecht abschaffen, steht der Einführung der Scharia nichts mehr im Weg. Blocher ist doch ein Agent der Taliban!« Charlotte verschlug es die Sprache. »Das wird die IV aber nicht verkraften, wenn wir jedem Ladendieb die Hand abhacken«, spann Peti den Faden weiter. Jetzt hatte es Franz endlich geschafft, sich mit dem Messer in den Finger zu schneiden. Er steckte ihn in den Mund. Silvano Cerutti
- Datum 19.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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