Die Klassik-Platte Das Licht hören
Phänomenal: Mendelssohns Sakralmusik mit dem Stuttgarter Kammerchor
»Das kleine dunkle Ding«, so nannte Felix Mendelssohn Bartholdy selbst dieses Werk, eines seiner eigentümlichsten Stücke, ein Reiseprodukt, angeregt durch ein Passionsbild aus dem 17. Jahrhundert. Der Komponist hatte es mit 21 Jahren auf dem Weg nach Italien in München gesehen und daraufhin Oh Haupt voll Blut und Wunden geschrieben, in tiefer intimer Instrumentierung. Zwei Fagotte, zwei Bratschen, zwei Celli formen milde Wellen, Hügel, Horizonte – höhere Instrumente begleiten nur den Chorsopran im Choral. Manches erinnert an den frühen Bach, nicht als stilistische Befangenheit, sondern als bewusster liebender Blick zurück, wie er nur Mendelssohn möglich war. Zugleich ist da ein Schwelgen, Ausgreifen im Dämmerklang, ein Umgang mit den Farben, wie man das vor 1830 noch nicht erlebt hat. Wunderbar.
Und praktisch unbekannt, wie weite Teile von Mendelssohns geistlicher Musik. Auf vielen der 14 CDs der wohl bahnbrechendsten Veröffentlichung zum Mendelssohn-Jahr 2009 findet man solche Schätze. Auch das vermeintlich Bekannte klingt neu. Wann war die Cavatina Sei getreu bis in den Tod aus dem Paulus je so unoratorisch zu hören, so dringlich emotional, unprätentiös herzzerreißend wie mit dem Tenor Werner Güra? Wer, um Himmels Willen, vermisst da noch den Opernkomponisten Mendelssohn? Güra ist einer der vielen vorzüglichen Partner, mit denen Frieder Bernius und sein Stuttgarter Kammerchor uns eine Wunderwelt wiederschenken, die noch vor hundert Jahren durchaus nicht nur Oratorienchören bekannt war – jenen Mendelssohn, der 67 Sakralwerke jeglicher Gattung schrieb.
Unablässig experimentierte und fusionierte er, schuf moderne Archaik für den Berliner Dom (Herr Gott, dich loben wir), komponierte den 100. Psalm als A-cappella-Himmelreich für die jüdische Gemeinde des Neuen Tempelvereins in Hamburg und den 95. Psalm für das Leipziger Gewandhaus als grandios orchestrierte, genial entschlackte Weiterentwicklung barocker Wort-Ton-Verbindungen. Derart unverkrampft nahm er mit seinem Lobgesang das Modell von Beethovens Neunter auf, dass selbst ein kluger Mann wie Hans Mayer noch 1985 fand, das gehe »zu glatt auf«… Schade, dass Mayer nicht mehr die transparente Glut der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen erlebte, den Starkstrom, den Bernius wohldosiert in die Botschaft schießen lässt, und den Chor, der alle sangesbürgerliche Bräsigkeit abgeworfen hat.
Kein Superlativ ist verschwendet, um diesen Chor zu rühmen. Vom Barock bis zu den Klangkapillaren Ligetis hat er sich eine Sensibilität, eine Sprache der Farben erarbeitet, in der nun Mendelssohns Musik aufleuchtet. Nicht nur das Bild des Komponisten wird durch diese Gesamtaufnahme nachhaltig verändert werden. Freigelegt wird auch der Geist einer offenen, intensiven Religiosität – Felix als Fortsetzer seines Großvaters Moses. »Hüter, ist die Nacht bald hin?«, so lautet die melodisch zum Zerreißen gespannte Frage im Lobgesang. Die Geschichte nach Mendelssohn hat sie mit einem dumpfen und dröhnenden Nein beantwortet. Jetzt hört man endlich das Licht.
Felix Mendelssohn Bartholdy: Kirchenwerke Vol I–XII, Carus/Note 1, 14 CDs
- Datum 19.02.2009 - 16:58 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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