Die Platte meines Lebens (41) Durchs Telefon gesungen

Herzschlag, Geheimnis, Stolz, Verachtung und Luftgitarrenpotenzial: Dave Edmunds spielte drei Minuten, und unser Autor war ihm verfallen

Das Taschenradio Twen Tone 6 von Neckermann sah aus, als hätte es jemand aus dem Kommandostand der Orion ausgebaut und anschließend in ein perforiertes Kunstlederetui gezwängt. Mittels der Wählscheibe, unter der die geheimnisvoll anmutenden Zahlen 5.4, 6, 7, 8, 10 und 16 zu sehen waren, konnte der Besitzer wenn nicht auf Galaxis-, dann doch immerhin auf Weltreise gehen – oder eben gerade so weit, wie die Mittelwelle reichte.

Meine Eltern hatten mir so ein Gerät zum elften Geburtstag geschenkt, ohne zu ahnen, dass es nicht nur mein Leben grundlegend ändern würde, sondern auch ihr Hören. Es dauerte nämlich keine Woche, bis ich das Schlagerderby mit »Karlo am Mikro« auf Deutschlandfunk gefunden hatte. Unter der Bettdecke, versteht sich, den mitgelieferten Tonstöpsel in einem Ohr. Als Einstieg kam aber zunächst nur France Galls Dann schon eher der Pianoplayer, das ich bereits aus dem Tagesprogramm des Familien-Stammsenders WDR 2 kannte. Aber dann schlug der Blitz ein.

Zu hören waren ein stampfender Rhythmus, mindestens drei Gitarren und eine Stimme, die so knarzend und metallisch klang, als käme sie durch das Telefon. Was ich damals nicht wissen konnte: Dave Edmunds hatte den Text tatsächlich durch das Telefon eingesungen. Er war auch für sämtliche Gitarrenparts verantwortlich, hatte alles arrangiert und produziert, ein echter Studioeinsiedler und Tausendsassa, der bereits Jahre zuvor mit seiner damaligen Band Love Sculpture eine Teufelsrittversion von Chatschaturjans Säbeltanz zum Hit gemacht hatte. Überhaupt klang I Hear You Knocking so ALT. Dieser Song ist der Keim für die Rechercheobsession in Sachen Musik, die mich bis heute beherrscht.

Ich musste alles wissen: Worum ging’s eigentlich? Wer waren Smiley Lewis und Chuck Berry, die mitten im Song erwähnt wurden? Was bedeutete das »MAM1« auf der Hülle der Single, die den Künstler, finster dreinblickend und in kargem Schwarz-Weiß, zeigte? Denn es verstand sich von selbst, dass ich tags darauf in das Rundfunkfachgeschäft Hüffer lief, um dieses Stück Musik käuflich zu erwerben, um es so oft hören zu können, wie ich wollte. Um fünf Deutsche Mark ärmer, legte ich damit den Grundstein meiner Plattensammlung – drei Minuten Musik, die alles hatte, was den frisch angefixten Soundsüchtigen glücklich macht: Herzschlag, Geheimnis, Stolz und Verachtung. Und jede Menge Luftgitarrenpotenzial. Nicht einmal das leichte Leiern störte, das entsteht, wenn man eine Sieben-Zoll-Single ohne Puck auf der Spindel nach Augenmaß zentriert hatte und abspielte. Zum Lieferumfang der Telefunken-Stereoanlage meines Vaters gehörte dieses kleine, aber wesentliche Zubehörteil nämlich nicht. Selbst daran schien Dave Edmunds gedacht zu haben! Und überdies hatte er einen Hit geschaffen, der auf Mittelwelle und UKW gleich gut klang.

Das Taschenradio wich dann ziemlich bald einem Kofferradio und einem Kassettenrekorder mit Überspielkabel. Deutschlandfunk wurde vom englischen Programm von Radio Luxemburg und vom BFBS verdrängt. Dave Edmunds hatte mir den Weg nach vorn zu Marc Bolan, Mick Ronson und Jimmy Page, aber auch zurück zu Duane Eddy, Bo Diddley und Link Wray gewiesen. Englischlernen war eine Sache von zwei Jahren, dann kam ich locker mit Virginia Plain klar. Das Tor zur Welt der Dreiminutenmusik stand ganz weit offen.

Dave Edmunds: I Hear You Knocking, (MAM, jetzt zum Beispiel erhältlich bei Zounds Best)

 
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