Hoch die Tassen

Die Jugendherberge wird 100. Längst hat sie mehr zu bieten als Hagebuttentee. Eine freiwillige soziale Woche im Colynshof in Aachen

Der Abend hatte kaum begonnen, als ich zum ersten Mal dachte: Hilfe! Ich stand an der Rezeption der Aachener Jugendherberge, die ich mir für meine freiwillige soziale Woche ausgesucht hatte. Vor dem Tresen herrschte Chaos, ein zweisprachiges Durcheinander, Französisch und Deutsch, hervorgebracht von einer Hundertschaft Schüler aus Luxemburg, Lüttich und Saarlouis, die verspätet eingetroffen war. Es gab Unklarheiten bei der Betreuerzahl, Änderungen im Geschlechterverhältnis. Die Küche rief an: Wo bleiben die? Ein schüchterner Mann erkundigte sich mit erhobenem Mitgliedsausweis nach einer Schlafgelegenheit. Aber Ruth Offergeld, die Rezeptionistin, blieb cool. Selbst als die beiden Busfahrer der Gruppe das gemeinsame Zimmer verweigerten. »Pardon«, sagte sie, »Sie sind hier eben in einer Jugendherberge.« – »Aber wir kennen uns doch gar nicht!«

Belegungspläne mussten revidiert, Schlüssel gesucht und Wege gewiesen werden. Wieder klingelte das Telefon. Ein sehr hartnäckiger junger Mann musste davon überzeugt werden, dass er nicht im Mädchentrakt einziehen konnte. Noch einmal tauchte einer der Busfahrer am Tresen auf. Er wollte ein Zimmer mit Dusche. »Die ist mir vertraglich zugesichert!« Vergeblich. Trotzig lieh er zwei Handtücher zu je 1,60 Euro und räumte das Feld. An diesem Abend zweifelte ich kurz daran, ob das mit dem Praktikum eine gute Idee gewesen war.

Die drei Gebäude des Colynshofs stehen wie eine kleine Trutzburg auf einem Hügel mitten in Aachens Villenvorort. Ringsum liegt ein Wäldchen aus Eichen und mächtigen Buchen. Das ist um einiges vornehmer, als man es von einer Jugendherberge erwartet. Hier werde ich sieben Tage lang den laufenden Betrieb begleiten. Ich will wissen, was aus den grauen Ferienheimen meiner Schülertage geworden ist. Gibt es sie noch, die knarzenden Etagenbetten, die Massenabfütterungen im Speisesaal, die strengen Herbergsväter, die kurz nach Einbruch der Dunkelheit im Schlafanzug die Nachtruhe einfordern? Oder ist das alles lang passé, wie das Deutsche Jugendherbergswerk behauptet? Ende des Monats feiert es sein hundertjähriges Bestehen. Die Angestellten im Colynshof sollen mir zeigen, wie sie hier kochen, putzen, leben. Sie tragen feuerrote Buttons mit der Aufschrift: »100 Jahre sind ein guter Anfang.« Na dann.

Gut vier Millionen Gäste übernachten jedes Jahr in den rund 550 Jugendherbergen der Republik. In Aachen sind die 180 Betten in 55 Zimmern mit 59 Prozent weit überdurchschnittlich ausgelastet. Eine Übernachtung inklusive Frühstück und Bettwäsche kostet 23,20 Euro – kaum billiger als ein Pensionszimmer. Dafür wird allerdings inzwischen auch einiges geboten. Das heißt: Ich muss es bieten.

Mein erster Arbeitstag beginnt um 6.30 Uhr mit dem Küchendienst. Arbeitskleidung: schwarze Jacke mit murmelgroßen roten Knöpfen, schicke rote Wickelschürze. Kurze Einweisung durch Küchenchefin Steffi Boffin, 34, Hände desinfizieren, und los geht’s. Ein Berg Gemüsezwiebeln tut sich vor mir auf, flankiert von einem Massiv aus Knoblauchzehen. Fast 50 Liter Bolognese-Sauce sollen entstehen für 150 hungrige Mäuler. »Der Knoblauch muss viel feiner«, sagt die Chefin grinsend. Ich wiege und schabe, schneide und säge, bis alle zehn Finger stinken. Dann zwölf Kilo Rinderhack anbraten. Vier Handvoll Kräuter kommen in die Sauce. Abschmecken. Und noch drei Hände voll Oregano und Basilikum hinterher. Ralle, 21, der kleine, hibbelige Praktikant aus der Aachener Behindertenwerkstatt, stapelt emsig Kaffeetassen auf ein Tablett und trägt sie in die Seminarräume – da tagen gleich Gäste aus Düsseldorf.

Längst bieten viele Jugendherbergen weit mehr als eine lauwarme Tasse Muckefuck im Anschluss an eine Nacht im gemangelten Baumwollschlafsack. Die Herberge Aachen wurde 1998 aufwendig renoviert und erweitert. Jetzt tagen auch Anwälte und Wissenschaftler in den zehn Konferenzräumen des neuen Turms. Schon dieser neuen Klientel wegen müssen sich die Küchenmannschaften ins Zeug legen – bei strengem Kostenmanagement.

Die Tage der »Frikadelle Meisterklasse« im Kühlraum der Großküche sind gezählt. »Wir steigen um auf Geflügel«, sagt Küchenchefin Boffin, während sie die letzten Pakete sortiert. »Ist preiswerter, sieht besser aus, schmeckt besser und ist auch für muslimische Gäste geeignet.« Ein kurzer Anruf beim Lieferanten: »Wo bleiben die Fladenbrote?« Ich werde zum Nudelnholen in den Keller geschickt. In Fünfkilosäcke verpackt, lagern sie neben den Teereserven, die sich im Vergleich sehr bescheiden ausnehmen, kaum 10000 Beutel. Nirgends sehe ich den legendären Hagebuttentee. Den braut sich die Küchenchefin nur noch für den Eigenbedarf. »Zwei Liter davon trinke ich jeden Tag, im Sommer auch mal fünf«, sagt sie. »Ich liebe das Zeug.«

Die Aachener Jugendherberge leitet seit 14 Jahren das Ehepaar Jansen. Rainer Jansen, 47, ist ein freundlicher, gern unrasierter Mann mit einem kleinen Ring im Ohr, der als ehemaliger Unteroffizier zwölf Jahre Kasernenerfahrung besitzt. Sollte er den dazugehörigen Ton je am Leib gehabt haben, hat er ihn mittlerweile abgelegt. Jansen, das spürt man schnell, liebt seinen Beruf, auch wenn er dabei Dinge erlebt, die ihm mächtig auf die Nerven gehen. Der Futterneid im Speisesaal zum Beispiel: »Erst die Teller randvoll laden und dann die Hälfte liegen lassen.« Die Türen seiner Herberge schließt Jansen nachts um eins. Wer später kommt und Schüler ist, darf auf seine Nachsicht hoffen. Erwachsene dürfen das nicht. »Die müssen sehen, wo sie bleiben«, sagt Jansen, »irgendwo hört die Fürsorge auf.«

Am nächsten Tag fehlt Ralle. Nach einer Auseinandersetzung mit der Küchenchefin ist er beleidigt davongestürmt. »Der Junge«, sagt Herbergsvater Jansen, »kann weder lesen noch schreiben. Bei einem Streit fehlt es ihm an Argumenten – und dann bockt er.« Die Spülküche habe Ralle zwar einwandfrei im Griff. »Aber im Grunde hält er Spülen für Frauenkram.« Jansen winkt ab. »Der beruhigt sich schon wieder.«

Auf mich wartet unterdessen mein erster Putzeinsatz. Susanne Jelen, 50, eine kleine, lebenslustige Person, demonstriert die Handhabung ihres wichtigsten Arbeitsgeräts: »Der Mopp ist wie ein Tanzpartner, und immer gehört ein bisschen Hüftschwung zum Wischen.« Die gebürtige Kattowitzerin tänzelt eindrucksvoll über den Flur. Ich ahne, warum Rainer Jansen gesagt hat: »Diese Frau putzt aus Leidenschaft.« Zimmer A.0.4 ist mein Revier. Aber kaum schwinge ich hier den Mopp, korrigiert Jelen schon meinen Griff. »Sie müssen mit der Stange zusammenarbeiten! Beschwingter! Gleiten lassen! Und immer nah am Körper, sonst kriegen Sie Rückenprobleme.« Eine kleine Rüge gibt es außerdem für das Übersehen eines Ensembles bodenfarbener Flusen.

Die Vier- und Fünfbettzimmer mit putzfreundlichen blauen PVC-Böden wirken wohnlicher als erwartet, mit bunten Vorhängen und Stockbetten aus massivem Kiefernholz, klassisch angeordnet im Vertikaldoppel mit Treppchen. Zwei einsame Haken ragen aus den abwaschbaren weißen Wänden. Ach, da war mal ein Bild? »Ja, geklaut oder kaputt«, sagt Jelen knapp, »so sind sie, die jungen Leute.«

Der Putzeinsatz beschert bemerkenswerte Einblicke, wie Menschen hausen – vor allem dann, wenn sie damit rechnen, dass niemand außer ihnen es sieht. In A.0.5 stoßen wir auf ein Arrangement aus Altsocken, Brotresten, verstreuten Pantoffeln und Papierabfall. Jelen nimmt ihre Gäste in Schutz. Viele wüssten einfach nicht, dass in größeren Herbergen der tägliche Putzdienst längst zum Standard gehöre.

Betten selbst beziehen? Ja, das ist so geblieben. Aber sauber machen müssen die Gäste in Aachen nicht mehr, ebenso wenig wie Klo schrubben oder spülen. Den Bock zum Gärtner machen, das hielte nur auf. Gleichwohl, berichtet Steffi Boffin, fragten Lehrer schon mal, ob man nicht etwas als Strafe anzubieten habe: Hof fegen, Laub aufsammeln? »Wenn die unbedingt wollen, können sie gern ein paar Besen bekommen.«

Bei unserem Putzrundgang versuche ich mir vorzustellen, was für Menschen in diesen Zimmern leben. Wer reist mit 50 Einwegrasierern im Gepäck an? Wer duscht so lange bei geschlossenem Fenster, dass die Luft noch Stunden später saunafeucht im Raum steht? Susanne Jelen hat schon so manches gesehen, auch mal ein Paar beim Sex. Schüler im Hormonrausch? Von wegen. »Lehrer und Lehrerin im Leiterzimmer, die waren so beschäftigt, die haben mein Klopfen nicht gehört.« Und dann kam ihr mal ein Mann in Strapsen entgegen. »Da hab ich schon gestaunt.«

Ausschweifungen allenthalben an einem Ort, der noch immer als sittenstreng gilt. Sogar Bier gibt es inzwischen, im herbergseigenen Bistro Europa, wo ich am vorletzten Praktikumstag hinter dem Tresen stehe. Hier sieht es noch ein wenig so aus wie in den Jugendherbergen von früher. Graue Steinböden und schmucklose Wände, weiße Resopaltische mit bunten Plastikdeckchen, wacklige Alustühle. Dieses Europa ist kein Hort deutscher Gemütlichkeit.

Ein bierbeschwingtes Dutzend holländischer Turnerinnen hat sich an diesem Abend eingefunden, am Tisch neben ihnen schweigt sich ein junges Paar bei Cola und Limo an. Markus, Grafiker aus dem Sauerland, nimmt ein Weißbier im Stehen. Der 43-Jährige, mal wieder auf einer Fortbildung in Aachen, ist Herbergsfan: »Man trifft immer skurrile Leute, je nachdem, wen einem der Zufall aufs Zimmer gelost hat.« Er erzählt von abgelebten Altrockern und einem Beamten der Arbeitsagentur, der den Schlafraum mit Berichten über seine vielen Liebschaften unterhielt. In Hotels, sagt Markus, rede man nie miteinander, in der Jugendherberge immer. Diesmal hätte er allerdings wenigstens nachts gern seine Ruhe. Er hofft darauf, dass niemand sein Zimmer teilt.

Abweisen muss ich später ein Quartett milchgesichtiger Jungmänner aus dem Westerwald. Jugendschutz, Alkohol erst ab 18. Nein: Jahre, nicht Uhr. Ob wenigstens das Abendessen geschmeckt hat? Liebevoll hatte ich in der Küche die Pizza belegt, mit Zwiebelringen, frischen Tomaten und feiner Truthahnsalami. Celina findet: »Die Zwiebelstücke waren zu dick.« Florian sagt: »Ich hab mich übergeben, ziemlich heftig.« Undankbares Volk. Einen Abend später findet die Gruppe einen Weg, sich unbeaufsichtigt zulaufen zu lassen.

Hat sich die Jugend verändert, Herr Jansen? »Nein«, sagt der Herbergsvater, »die Gesellschaft hat sich verändert. Es fehlen Kompetenz und Engagement, um Jugendlichen den Weg zu zeigen.« Früher, sagt er, »haben wir auch reichlich Unfug gemacht. Wir wollten aber nicht erwischt werden. Heute bedeutet Erwischtwerden oft nichts.«

Bei meinem letzten Rezeptionsdienst tritt eine merkwürdige Gruppe auf den Plan. Die 80 Gäste kommen mit Autos aus halb Deutschland. Aufgebrezelte junge Frauen, aber auch sehr hemdsärmelige Typen. Alle reden russisch. Und wollen vegetarisches Essen. Wir spekulieren an der Rezeption: eine Sekte? Politische Hintergründe?

Ein sehr berühmter Mann aus Russland komme heute, erklärt uns eine blond gelockte junge Frau: Dr. Oleg Torsunov, der Ayurveda-Fachmann und »Erforscher der vedischen Schriften«. Mit leiser Stimme fügt sie hinzu: »Das ist ein besonderes Ereignis für uns alle.« Sein überfülltes Einführungsseminar trägt den Titel: »Den richtigen Weg im Leben zu finden ist ein Geschenk – das weiß nur nicht jeder«. Weil es einmal Rührei gibt, wollen unsere ayurvedischen Russen später den Preis herunterhandeln. Ei sei nun mal nicht vegetarisch. Hilfe!, denke ich.

Aus Testputzzimmer A.0.4 wurden bis zum Ende meiner sozialen Woche keine Klagen bekannt. Die Geschichte vom Strapsmann machte schnell die Runde: »Das hast du uns ja nie erzählt, Susi!« Markus wurde doch noch ein Mitschläfer zugeteilt, ein Lehrer aus Leipzig. Die vegetarischen Russen bekamen keinen Nachlass wegen der Panne mit dem Ei. Man konnte nachweisen, dass zwei Torsunov-Anhänger im Bistro spät abends noch zwei Pizza Salami geordert hatten. Nur Ralle ist nicht wieder aufgetaucht. In der Spülküche türmte sich an meinem letzten Tag der Abwasch.

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