Ich schlaf oben!

Von Pubertätsnöten, Gerüchen und Ritualen beim Duschen – sechs Autoren erinnern sich an prägende Erlebnisse in der Jugendherberge

Bohnerwachs

Klöster, psychiatrische Kliniken, Gefängnisse, Kasernen und Schulen sind »totale Institutionen«. Der amerikanische Soziologe Erving Goffman definierte den Begriff als »Wohn- und Arbeitsstätte einer Vielzahl ähnlich gestellter Individuen, die für längere Zeit von der übrigen Gesellschaft abgeschnitten sind und miteinander ein abgeschlossenes, formal reglementiertes Leben führen«. Gemeinsam ist solchen Einrichtungen ihr Geruch nach Bohnerwachs. Auch der Umkehrschluss gilt – wo es nach Bohnerwachs riecht, atmet der Geist der totalen Institution. Beispiel Jugendherberge: Im olfaktorischen Gedächtnis vieler Menschen sind ihre Jugendherbergserfahrungen nicht nur als Erinnerung an Cervelatwurst und Fußschweiß archiviert, sondern auch an Bohnerwachs. Dabei ist der Begriff »Bohnerwachs« unspezifisch und kaum exakt zu beschreiben. Er kann das Desinfektionsmittel Sagrotan ebenso meinen wie das Pflegemittel Glänzer oder eines der vielen Linolputzmittel. Echtes Bohnerwachs führen heute nur noch alteingesessene Drogerien. Es riecht nach Terpentin, Zitrone und Schuhwichse, versetzt mit dem Achselduft schrubbender Reinigungskräfte. Sensible bemerken eine leichte Note von Unteroffiziersspeichel.

Burkhard Strassmann

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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