Ich schlaf oben!
Von Pubertätsnöten, Gerüchen und Ritualen beim Duschen – sechs Autoren erinnern sich an prägende Erlebnisse in der Jugendherberge
Herbergsvater
Einmal, leipzigeinundleipzig, irgendwo in Süddeutschland war es, übernachtete ich in einer Jugendherberge. Es war brechend voll, allein in unserem Schlafsaal zählten wir 20 Jungmänner. Wir waren wohlauf, denn einer von uns hatte allesamt mit feinstem Dope versorgt. Gegicker und Gegluckse überall. Mit einem Mal trat der Herbergsvater ins Zimmer, brüllte, gestikulierte wild – umgehend herrschte Totenstille. Er war kaum weg, da gnickste der Erste, japste der Nächste, und alsbald tobte der Saal vor Lachen. Bis der Herbergsvater erneut im Türrahmen stand. Totenstille. Kurz darauf wieder das lustigste Inferno. Wie oft der Herbergsvater kam, habe ich vergessen. Plötzlich hatte einer einen Schlüssel für die Tür. Der Alte wummerte vergebens dagegen. Irgendwann gab er auf. Ich habe in meinem ganzen Leben nicht mehr so gelacht. So stelle ich mir das Paradies vor. Jahre später schickte mir das Bundesamt für Zivildienst einen Bescheid, in dem stand, ich müsse mich in einer Jugendherberge bei Bremerhaven melden. Die Herberge lag mitten im Wald, der Herbergsvater klang schon am Telefon wie ein Stinkstiefel, und man deutete mir an, dass ich ihn regelmäßig vertreten sollte. Ich erblasste. Bremerhaven! Im Wald! Und ich, gegen eine Tür wummernd, hinter der ein Rudel Jungmänner Spaß hat! Umgehend informierte ich meine Freundin, rannte zum Standesamt und bestellte das Aufgebot – eine damals beliebte Maßnahme, den Einberufungstermin zu verschieben. Einen Monat später zog ich das Aufgebot »wegen Zerrüttung« zurück. Hilfsherbergsvater war ein anderer geworden.
Burkhard Straßmann
- Datum 19.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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