Ich schlaf oben!

Von Pubertätsnöten, Gerüchen und Ritualen beim Duschen – sechs Autoren erinnern sich an prägende Erlebnisse in der Jugendherberge

Roter Tee

Manche meinten: Hagebutte. Aber das Zeug schmeckte nicht nach Hagebutte. Es schmeckte überhaupt nicht nach irgendwas, das einmal Natur gewesen war. Eher schon nach Gummibärchen, aufgelöst im Spülwasser vom Vortag. Das Geheimnis des roten Tees haben wir nie gelüftet. Er kam aus dem uns verschlossenen Teil der Gemeinschaftsküche in schweren Eisenkannen, klong, klong, klong, auf jeden Tisch. Und wir, wir mussten trinken. Denn ebenso wie es den roten Tee nur in Jugendherbergen gab, gab es in Jugendherbergen nur roten Tee. Mittags und abends jedenfalls blieb denen, die ihn nicht mochten, nur eine Wahl: durstig zu bleiben. Vor solche Scheinalternativen stellte man uns andauernd auf den Klassenfahrten und Jugendfreizeiten. Wollt ihr Gottesdienst oder Spüldienst? Zur Klampfe des Betreuers die Mundorgel absingen oder lieber gleich ins Bett? Und wundersamerweise taten wir dann freiwillig alle das Gleiche – Dinge, auf die keiner Lust hatte, von denen aber jeder glaubte, den anderen machten sie Spaß. So wurde uns mit dem Herbergstee der Gemeinschaftsgeist eingeträufelt. Und ja, er macht die Wangen rot, von außen wie von innen. Aber im Mund geblieben ist uns doch dieser künstliche Geschmack.

Michael Allmaier

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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