Ich schlaf oben!
Von Pubertätsnöten, Gerüchen und Ritualen beim Duschen – sechs Autoren erinnern sich an prägende Erlebnisse in der Jugendherberge
Waschraum
Ich habe Jugendherbergen gemocht, bis ich zum ersten Mal da war. »Jugendherberge« – dieses Wort klang nach friedfertigem Miteinander, nach Gleichheit in Sechsbettzimmern, nach gebautem guten Willen. (Natürlich habe ich all das damals, als Schulkind, nicht gedacht. Aber gefühlt, das schon.) Nach meiner ersten Klassenfahrt war ich schlauer. In der Jugendherberge war gar nicht die Harmonie zu Hause. Hier herrschte das Recht des Stärkeren: Der Lauteste bestimmte, wie leise es war, der Frechste, wie friedvoll, der Wachste, wann geschlafen wurde, der Längste… war Thema im Waschraum, dessen Laborkälte Körper und Seele frösteln ließ. »Jugendherberge« – das war also die Diktatur des Darwinismus, das Schlachtfeld der Pubertierenden. (Auch das habe ich damals, als Schulkind, nicht gedacht. Aber gefühlt, das schon.) Doch es wäre unfair, dies den Jugendherbergen anzulasten und nicht ihren Gästen. Heute bin ich mir sogar sicher: Die Kleineren, Stilleren, Schwächeren sind aus Furcht, all das in den Kasernen der Bundeswehr noch einmal zu durchleben, ein paar Jahre später Zivildienstleistende geworden. Insofern hat die Jugendherberge doch einen großen Friedensdienst geleistet.
Henning Sußebach
- Datum 19.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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