Ich schlaf oben!
Von Pubertätsnöten, Gerüchen und Ritualen beim Duschen – sechs Autoren erinnern sich an prägende Erlebnisse in der Jugendherberge
Wellwurst
Normalerweise spuckt der Volksmund über Jahrhunderte eingedickte Weisheiten in einfachen Sätzen wieder aus, Widerspruch zwecklos. Doch mitunter irrt das Kollektivgehirn. Wer immer an der Prägung der Weisheit »Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei« mitgewirkt hat – er kann nie zu Gast in einer deutschen Jugendherberge gewesen sein. Denn dort hat die Wurst kein Ende, sondern immer nur einen Rand. Darauf scheint sie besonders stolz zu sein, denn wo immer ich auch Quartier machte – stets versuchte der Rand sich über die Ebene der restlichen Wurst zu erheben, brachte es jedoch nie zum Goldrand, sondern nur zu einer dackelbraunen Einfassung von der Konsistenz mittelalterlicher Folianteneinbände. Welche chemischen Prozesse dafür sorgen, dass die Wurst vom Rand her austrocknet und die Form eines umgedrehten Pileolus annimmt (für Nichtkatholiken und Veganer: das Käppi des Papstes), will ich gar nicht wissen. Denn wie man es hinbekam, dass allüberall die immer gleiche Lyoner immer gleich sich wellte, ist nicht das geringste Verdienst des Jubilars. Schließlich traf man mit der Wellwurst in jedem noch so entlegenen Speisesaal einen alten Bekannten und brauchte nicht zu fremdeln.
Christof Siemes
- Datum 19.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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