Sage niemand, das Fernsehen sei nur etwas für die Unterschicht. Ein paar Monate ist es her, dass sich eine kleine bürgerliche Runde zu einem gemütlichen Abend in Mainz verabredete, wie so oft. Keine Intellektuellen kamen da zusammen, sondern lauter Menschen, die mitten im Leben stehen: Geschäftsleute, leitende Angestellte. Es wurde geredet und gegessen wie immer, aber dann geschah etwas Seltsames: Die Freunde setzten sich vor den Fernseher, obwohl gar kein Fußballspiel lief. Nein, die Runde wollte erleben, wie ein 88-jähriger Mann über die Qualität von Fernsehsendungen urteilte, Marcel Reich-Ranicki im Gespräch mit Thomas Gottschalk. Die Freunde sahen dem Alten auf dem Bildschirm zu, hörten ihn schimpfen und zetern, danach redeten sie nur noch über das eine: Um Himmels willen, ist unser Fernsehen wirklich so schlecht?

Die Frauen und Männer, deren Abend diesen ungewöhnlichen Verlauf nahm, haben alle etwas gemeinsam. Sie sind befreundet mit einem Mann, den die meisten Deutschen nur aus dem Fernsehen kennen. Stahlblaue Augen, scharf geschnittene Züge. Claus Kleber, Chef des heute-journals, war nicht dabei, als seine Freunde diskutierten, aber sie haben ihm davon erzählt. »Das sind keine Journalisten«, sagt Kleber in seinem ZDF-Büro in Mainz und betont es noch einmal: »Das sind ganz normale Menschen. Und die machen sich stundenlang Gedanken über die Qualität des Fernsehens. Das hat mich wirklich berührt. Es hat mich daran erinnert, dass Fernsehen ein deutsches Kulturgut ist. Wir Fernsehleute vergessen das gelegentlich.«

Zwei schöne Wörter in einem: Kultur und Gut. Wer sich auf die Suche nach dem deutschen Qualitätsfernsehen begibt, begegnet diesem Begriff fast nie. Man muss schon ins Grundgesetz der Sender schauen, um das Wort zu finden. Der Staatsvertrag für Rundfunk und Telemedien sagt: »Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben in ihren Angeboten der Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung zu dienen. Sie haben Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten.«

Der durchschnittliche Deutsche verbringt am Tag 36 Minuten mit dem Anziehen und der Körperpflege, 26 Minuten mit dem Einkaufen – und fast vier Stunden lang lässt er den Fernsehapparat laufen. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen müsste in jeder Rede eines jeden Politikers vorkommen, der die deutsche Bildungsrepublik ausruft. Aber niemand, der an Bildung denkt, kommt noch auf die ARD oder das ZDF. Es fragt kein Politiker mehr, was das Fernsehen soll, was es muss. Auf unerklärliche Weise ist der Sinn dieses Massenmediums in Vergessenheit geraten.

Als der Hamburger Dokumentarfilmer Hubert Seipel im Auftrag des NDR nach Afghanistan fliegt, weil er einen Beitrag über den Einsatz der Bundeswehr vorbereiten will, sucht er sich in Kabul als Erstes einen zuverlässigen Fahrer und schaut sich das Land an. Mai 2008. Seipel will die Lage sondieren. Er wird noch drei weitere Male nach Afghanistan reisen, immer für ein bis zwei Wochen.  Er wird Bilder von Terroranschlägen aufstöbern, die von der Bundeswehr unter Verschluss gehalten werden. Er wird, nachdem die Amerikaner eine afghanische Hochzeitsgesellschaft bombardiert haben, die Opfer besuchen und in der Frauenabteilung eines islamischen Krankenhauses drehen. Er wird bei 51 Grad im Schatten filmen, und es wird Monate dauern, bis der Film fertig sein wird. Aber als ihn die ARD im vergangenen Oktober ausstrahlt, sitzen im Publikum bloß die üblichen Übernächtigten: unerschütterliche Anhänger des Dokumentarfilms, Rentner, Menschen mit Schlafstörungen. ARD, 23.30 Uhr, das ist Seipels natürlicher Ort geworden. Er hat versucht, einen besseren Sendeplatz zu bekommen, aber die Redakteure geben ihm seit Jahren dieselbe Antwort: »Hubert, du weißt doch, wie es ist. Die Chefredakteure wollen das nicht früher.« Bleibt nur der Auftritt um Mitternacht. Sogar für die selbst produzierten Sendungen, die nach 23 Uhr laufen, wirbt die ARD in der Regel nicht mehr in ihren Trailern.

Seipel weiß inzwischen, dass die 23.30-Uhr-Sperrfrist nicht zu kippen ist, ohne dass mindestens fünf Chefredakteure eine Beschlussvorlage schreiben. Aber warum sollten sie? Was, wenn die ARD schon um 21 Uhr die Lage der Bundeswehr erklären und gegenüber Günther Jauch auf RTL erschreckend schlecht dastehen würde?

Die Redakteure, mit denen Hubert Seipel über Themen spricht, wagen es nicht einmal mehr, die besten Beiträge zur besten Sendezeit überhaupt noch anzubieten – für die Montagabende um 21 Uhr. In der sogenannten Montags-AG, in der die Chefredakteure und Kulturchefs der ARD-Anstalten über ihren besonderen Platz für Dokumentationen beraten, haben alte Kriminalfälle und Porträts verstorbener Stars die größten Chancen, durchzukommen. Nebenbei bemerkt: Die Quote dümpelt dahin.

Einen Film über die Volkswagen-Affäre hat Hubert Seipel gedreht, über die Auswirkungen der Globalisierung, über das russische Imperium Gasprom. Aktuelle Geschichten erzählt er auf anschauliche Weise, aber es wird ihm nie gelingen, jene Leute zu erreichen, die den Fernsehmachern wichtig sein müssten: all die Menschen, die einer Arbeit nachgehen und abends um elf müde ins Bett fallen.

Ach, dieser schwere Stoff. Die Abneigung der ARD gegen das vermeintlich Schwere geht so weit, dass sogar der erschütternde Film über das Schweigen der BMW-Eigentümerfamilie Quandt zum Thema NS-Zeit erst um 23.30 Uhr gesendet wurde, obwohl alle Beteiligten in der ARD ahnten, dass dieser Beitrag Gesprächsstoff für Wochen und Monate liefern würde. Vier Jahre hatte es gedauert, um juristisch belastbares Material für den Film zusammenzubekommen. Auch dass die Einschaltquote trotz der Nachtzeit noch bei 14 Prozent lag, ermutigte den Sender zu keinem Umdenken, im Gegenteil. Erzielen späte Filme Überraschungserfolge, ist das kein Argument für den Film, sondern für die Uhrzeit. Ein hermetisches, in sich logisches Denksystem hat die Anstalten unempfindlich werden lassen gegen jegliche Form der Erschütterung.

»Schwerer Stoff«, hatte der Programmdirektor über Das Schweigen der Quandts gesagt. Er meinte gar nicht das Schwerverständliche, sondern die »emotionale Schwere«. Programmplaner haben inzwischen so viele Ausdrücke für Schwere wie Eskimos für Schnee.

Auch ein Krieg muss seine Bedrohlichkeit verlieren, dann passt er in die Primetime. Wenn es gelingt, einen anrührenden Plot zu finden, eine erfundene Geschichte, dann findet der Krieg sogar um 20.15 Uhr statt: Anfang Februar strahlte die ARD den bewegenden Film Willkommen zu Haus e aus. Ein Soldat kehrt aus Afghanistan heim, seelisch verwundet, ein Psychodrama.

In dem Film, den Seipel gedreht hatte, kamen auch traumatisierte Heimkehrer der Bundeswehr zu Wort, als echte Veteranen. Sie hatten sich um den Wohnzimmertisch eines Majors versammelt und bemühten sich, Haltung zu wahren. Niemand schlug, wie im Fernsehspiel, einen Kameraden krankenhausreif. Erträgt das Öffentlich-Rechtliche die leise Wirklichkeit nicht mehr?

Hubert Seipel kann sich damit trösten, dass er in guter Gesellschaft ist. Als er vor drei Wochen zu einem kleinen Fest nach Marl fuhr, wo bald die Grimme-Preise verliehen werden, die höchsten Auszeichnungen im deutschen Fernsehen, da stieß er auf all die anderen Nachtfalter, die mit ihm für den Preis nominiert wurden. 23.30 Uhr trifft 0.15 Uhr, der Gipfel der Abgeschobenen.