Sprengkommando

In Hannover droht einer architektonischen Ikone der Nachkriegsmoderne der Abriss. Obwohl sie unter Denkmalschutz steht

Mit einem Sprengkommando die Innenstadt von Hannover hübscher zu machen, diese Vorstellung hat einen gewissen Reiz. Die Stadt ist berüchtigt für die architektonischen Untaten, die hier seit dem letzten Krieg begangen wurden: Fiese Kaufhaus-Trutzburgen und Bürosilos warten geradezu auf die Höchststrafe, den Abbruch.

Jetzt erreicht uns die Nachricht, dass die Baukommission des Niedersächsischen Landtages tatsächlich einen Abriss beschlossen hat. Allerdings rückt man nicht einem der Monster in der Innenstadt zuleibe, vielmehr hat der Landtagspräsident von der CDU den eigenen Plenarsaal im Visier – und das, obwohl dieser zu den gelungensten Beispielen der deutsche Nachkriegsmoderne zählt. 1962 hat der Architekt Dieter Oesterlen den Anbau an das Leineschloss entworfen, seit mehr als zwanzig Jahren steht er unter Denkmalschutz. Doch das scheint den Landtag nicht zu kümmern: An das von ihm selbst beschlossene Denkmalschutzgesetz will er sich nicht halten.

Ähnlich wird derzeit auch in anderen Städten mit dem architektonischen Erbe der bundesrepublikanischen Moderne umgesprungen: In Bonn soll die viel gelobte Beethoven-Halle abgerissen werden, in München absurderweise das elegante ehemalige Verwaltungsgebäude des Süddeutschen Verlages, das sogenannte Schwarze Haus.

In Hannover hatte der Architekt Oesterlen von 1957 an nicht nur die im Krieg zerstörte klassizistische Schlossanlage wiederaufgebaut, sondern ihr mit dem Plenarsaal einen modernen Flügel angefügt. Eigentlich nur eine Kiste aus hellem Stein, aber sie scheint zu schweben, auch weil ihre Kompaktheit auf der langen Ostseite durch breite, senkrechte Glasbänder aufgelockert wird. Der Plenarsaal im Inneren hat eine runde Grundfläche und besticht durch seine futuristisch anmutende Decke. Das Problem: Das Gebäude verbraucht zu viel Energie und ist an manchen Stellen marode. Außerdem wollen die Abgeordneten beim Debattieren gerne das Tageslicht sehen. Bisher ist der Saal fensterlos, der Architekt wollte, dass sich die Abgeordneten hier, wo sie sich durchschnittlich an drei Tagen im Monat treffen, auf ihre Arbeit konzentrieren.

Schon 2002 gab es aus all diesen Gründen einen Architekturwettbewerb, der eine behutsame Sanierung für 21 Millionen Euro vorsah, die sowohl dem Klimaschutz als auch der Aufhellung des Parlaments durch Lichtschächte dienen sollte. Doch der Bau wurde vertagt.

Nun will der 2008 neu gewählte Landtagspräsident – gegen den Protest der Grünen – nicht mehr an den alten Wettbewerb anknüpfen, er drängt auf den Abriss der Moderne und einen Neubau, der möglichst gläsern ausfallen soll. Denn erst das Glas, so die reichlich abgenudelte Symbolik, mache das Parlament für das Volk transparent, also quasi erst so richtig demokratisch. Dass ein Abriss nicht nur das Gegenteil von nachhaltig ist, sondern die reine Ressourcenverschwendung und zudem wohl doppelt so viel wie eine Sanierung kosten wird, scheint in den Zeiten der Milliardenhilfen keine Rolle mehr zu spielen. Das Schleifen eines Architekturdenkmals wird ganz einfach zum Konjunkturprogramm erklärt. Und die eigene Parlamentsgeschichte, als wäre nichts gewesen, vernichtet. Tobias Timm

 
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