FINANZEN Risse im Beton
Spanische Banken trotzten der Krise an den Finanzmärkten. Der Krise der Wirtschaft werden sie aber Tribut zollen müssen
Spanien sendet verwirrende Signale aus. Einerseits meldet der Bankenprimus Banco Santander für 2008 einen Jahresgewinn von 8,9 Milliarden Euro nach Steuern, der Konkurrent BBVA ein Plus von rund fünf Milliarden Euro. Andererseits gilt Spanien als wackelige Wirtschaft, ja als Risiko für die Eurozone, seitdem die Rating-Agentur Standard & Poor’s (S&P) kürzlich die Bonität iberischer Staatsanleihen herabstufte.
Stabile Finanzinstitute – in einem instabilen Land. Das eine ist ein Blick in die Vergangenheit, das andere ein Blick in die Zukunft. Die guten Zahlen der Banken sind auf die Voraussicht der heimischen Zentralbank sowie auf einen langen Wirtschaftsboom zurückzuführen. Dass die Aussichten für das Land dennoch sorgenvoll stimmen, liegt daran, dass der Boom zu Ende ist. Am Immobilienmarkt – lange die stärkste Säule des spanischen Wirtschaftswachstums – ist die Blase geplatzt. Jetzt befindet sich das Land in einem Strudel aus Firmenpleiten, galoppierender Arbeitslosigkeit und sinkendem Privatkonsum. In den letzten drei Monaten des Jahres 2008 schrumpfte Spaniens Wirtschaft im Vergleich zum dritten Quartal um ein Prozent. Es herrscht Rezession – und das bedeutet für die Banken des Landes, dass Kredite ausfallen und Abschreibungen bevorstehen. Blieben die Institute in der ersten Phase der Finanzkrise weitgehend verschont, weil sie sich mehr aufs Kreditgeschäft zu Hause als auf riskante Geschäfte am globalen Finanzmarkt konzentriert hatten, so wird für sie jetzt genau das zum Problem.
Anfang der achtziger Jahre erlebte Spanien im Gefolge einer Wirtschaftskrise den Kollaps von 51 der insgesamt 110 Banken sowie das Ende von 14 Sparkassen und 20 genossenschaftlichen Instituten. Ein Vermögen von umgerechnet 9,5 Milliarden Euro und mehr als 35000 Arbeitsplätze wurden damals vernichtet. Dieses Horrorszenario hatte auch Luis Angel Rojo vor Augen, der 1992 zum Gouverneur der spanischen Zentralbank avancierte. Er wollte eine Wiederholung um jeden Preis vermeiden und verschärfte im Jahr 2000 – der Immobilienboom war voll im Gang – die Vorschriften für die Banken. Rojo verdonnerte sie, jeden Kredit unabhängig von der Einschätzung seines Ausfallrisikos mit hohen Rückstellungen abzusichern und zugleich antizyklisch ein Polster für Risiken aufzubauen, die binnen zehn Jahren auftreten könnten. Strukturierten Finanzprodukten, mit denen sich Bilanzen auf aufpolieren ließen, schob er den Riegel vor.
Rojo ist derzeit in Spanien ein gefragter Mann. Kaum eine Woche vergeht, in der der 74-Jährige nicht zu einer Konferenz gebeten wird, um über Wege aus der aktuellen Krise zu referieren. Die strengen Auflagen gingen seinerzeit weit über das internationale Maß hinaus: Die damals außerhalb Spaniens geltenden Eigenkapitalregelungen sahen vor, Kredite mit acht Prozent Eigenmitteln zu unterlegen, im Land selbst waren es 2007 knapp 15 Prozent. »Über viele Jahre verzeichneten Spaniens Banken deshalb geringere Gewinne als ihre Konkurrenten im Ausland. Wenn wir uns heute die Schwierigkeiten der anderen ansehen, können wir diese Entscheidung aber nur als sehr vernünftig bezeichnen«, sagt José Luis Escrivá. Der Chefvolkswirt der zweitgrößten spanischen Bank BBVA war Mitte der neunziger Jahre, damals noch in der Zentralbank, an der Ausarbeitung der neuen Vorschriften beteiligt.
Luis Angel Rojo kann sich im Nachhinein ein wenig Spott nicht verkneifen. »Wir haben einfach die Maßnahmen ergriffen, die uns vernünftig erschienen«, sagt er. »Ich habe sie der Europäischen Zentralbank dargelegt, und die hat sie in den Wind geschlagen. Sie meinte, sie seien übertrieben, alles sei halb so wild, so strenger Maßnahmen bedürfe es nicht. Jetzt sehen wir das Ergebnis.«
Auch Santander-Chef Emilio Botín betonte jüngst: »Wenn etwas deutlich geworden ist, dann ist es die Notwendigkeit, Risiken ernst zu nehmen.« Es gelten klare Regeln: »Wenn Sie ein Finanzinstrument nicht verstehen, dann kaufen Sie es nicht. Wenn Sie das Produkt nicht selbst kaufen würden, versuchen Sie nicht, es jemandem zu verkaufen. Und wenn Sie Ihren Kunden nicht gut kennen, dann leihen Sie ihm kein Geld.« Kurz darauf musste Botín einräumen, dass Kunden seiner Bank 2,3 Milliarden Euro an den Betrüger Bernard Madoff verloren haben. Die Bank selbst trug jedoch keinen größeren Schaden davon.
Verwundbar sind die Kreditinstitute dennoch. Im Boom gab es vier Millionen Einwanderer, die Unterkünfte brauchten, und Iberer oder europäische Langzeiturlauber, die sich plötzlich Zweit- oder gar Drittwohnungen an der Küste leisten konnten. Immobilienpreise stiegen zweistellig, noch 2007 wurden in Spanien rund 800000 Wohnungen errichtet, mehr als in Deutschland, Frankreich und Italien zusammen. Jetzt aber fallen die Preise, sodass Immobilien sich, wenn überhaupt, nur mit hohen Verlusten verkaufen lassen. Vor allem der Niedergang der Bauwirtschaft hat die Zahl der Arbeitslosen 2008 um fast eine Million auf mehr als drei Millionen schnellen lassen. Für Ende des Jahres wird mit vier Millionen gerechnet – eine Quote von 18 Prozent. Angst macht sich breit, der Konsum stockt. Selbst Sonderangebote locken die Spanier derzeit nicht in die Kaufhäuser.
Angesichts der Lage verlieren die Aktien der Banken seit einiger Zeit an Wert. Das sei erst der Anfang, fürchten die Analysten von S&P, die von der Regierung aufgelegten Konjunkturprogramme in Höhe von 38 Milliarden Euro bis 2010 reichten nicht. Zwar droht Spanien wohl kein mit den USA vergleichbarer Zahlungsausfall bei privaten Immobiliendarlehen. Aber schon jetzt liegt die Quote notleidender Kredite bei 2,6 Prozent. Santander rechnet im eigenen Geschäft mit einem Anstieg auf 4,5 Prozent, branchenweit könnten es gar acht Prozent werden. Daher erhöht die Bank – wie die BBVA und die drittgrößte Banco Popular – ihre Risikovorsorge. Zudem gründet sie eine Spezialeinheit, die drohende Ausfälle früh registrieren soll. Ungewiss bleibt, ob die Zukäufe der Bank in Großbritannien sich als Erfolg erweisen. Der Härtetest steht erst noch bevor.
- Datum 19.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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