Furchtbar komisch

Bei der alemannischen Fastnacht in Schwaben bekommen es die bösen Geister noch wirklich mit der Angst zu tun

In H. G. Wells’ fantastischem Roman Der Unsichtbare wird ein genialer Wissenschaftler im Verlauf eines Experiments unsichtbar. Schamlos treibt er üble Dinge und wird zum Mörder. Nackt flieht er übers Land, denn solange er nackt ist, bleibt er unsichtbar, keiner kann ihm folgen; allerdings ist er immerzu in Gefahr, überrollt und niedergewalzt zu werden. Damit er am Alltag teilnehmen kann, beschafft er sich dunkle Kleider. Wo sein Gesicht war, klafft eine Lücke; der Blick des Betrachters geht zwischen Hemdkragen und Mütze ins Leere. Also konstruiert sich der Unsichtbare eine Maske. Er bandagiert sein Gesicht und setzt sich eine Brille auf. Der Unsichtbare offenbart zwei Wahrheiten: Man bringt sich, indem man sich maskiert, erst recht zum Vorschein. Und man ist, wenn man eine Maske trägt, immer auf einer Flucht. Das verrät die Pointe, mit der H. G. Wells’ Geschichte endet: Der Unsichtbare wird erst dann sichtbar, als er stirbt.

Wieso sind Geschichten, die von Masken handeln, derartig unheimlich? Denken wir nur an die einschlägigen Erzählungen von Edgar Allan Poe. In Die Maske des Roten Todes mischt sich der Tod, blutrot kostümiert, unter eine Festgesellschaft; in Der Froschhüpfer steckt ein Hofnarr seinen verhassten König mitsamt seinen Ministern in Affenkostüme – und zündet sie an. Unter der Maske, so lehrt uns die Gruselliteratur, wohnt immer auch das Grauen.

Wenn nun wieder die Narren der alemannischen Fastnacht durch den katholischen Südwesten ziehen, so ist in dem Treiben die unheimliche Wurzel kaum noch zu erkennen. Das Narrenwesen boomt. Allein in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind rund 1000 Narrenzünfte in Deutschland neu gegründet worden, es gibt offenbar eine starke Sehnsucht nach »Re-enactment«, nach kollektiver, rollenspielartiger Traditionspflege. Jedoch, in ihrem Kern haben die »närrischen Tage« nicht so sehr mit unbeschwerter Lebensfreude zu tun. Sie sind vielmehr Feste des Aufbegehrens vor dunklem Hintergrund. Die Fastnacht galt der katholischen Kirche lange als unselige Gegenwelt, in der die Lust regierte und der Teufel umging. Und der Narr, das war jener Kerl, der schon in der Bibel, Psalm 53, verkündet: »Es gibt keinen Gott.«

Der Fotograf Axel Hoedt erforscht mit seinen Bildern diese dunkle Wurzel der Fastnacht. Er stammt aus Staufen im Breisgau und lebt seit zehn Jahren in London, wo er als Mode- und Glamourfotograf arbeitet. Im vergangenen Winter ist er durch den Südwesten Deutschlands gezogen, von Endingen nach Sachsenheim, von Überlingen nach Villingen, von Singen nach Kisslegg, und hat die Kostüme der Fastnacht fotografiert. Leicht war das nicht, denn die Tradition ist streng und von geheimbündlerischer Unergründlichkeit, und mancherorts dürfen die Kostüme nur an wenigen Tagen im Jahr gezeigt werden.

Und während Hoedt durchs Land fuhr wie ein Dorffotograf und vor allem die einfachen Kostüme der bäuerlichen Fastnacht dokumentierte, den tapsigen Reisbären und seinen Treiber etwa, wurde ihm klar, wie viel Sorgfalt noch im einfachsten Strohkostüm steckt. »Ich staunte«, sagt er, »über die geheime Nähe zwischen Haute Couture und Fastnacht. Und ich staunte über die Liebe der Menschen zu ihren Masken.«

Für den Betrachter sind die meisten Masken unheimlich. Für den Träger sind sie magische Harnische. Sie schützen uns und holen unsere tiefere Persönlichkeit herauf. Immer spürt man, wenn man die Maske aufsetzt, eine plötzliche Erleichterung: das Glück, unsichtbar zu sein. Das Kind hat es gespürt, und der Erwachsene wird unter der Maske wieder zum Kind. Ich behaupte, dass der Erwachsene selbst dann, wenn er sich in ein neues Auto setzt, noch etwas von diesem Urzauber spürt, ja, dass das Auto ihn wie eine Großmaske umschließt und herausfordert. Zu guter Letzt: Ohne die Maske gibt es kein Spiel. Die Schauspielerin Nina Hoss hat einmal verraten, wie es ist, wenn sie am frühen Abend in der Theatergarderobe sitzt und sich für die Rolle der Kindsmörderin Medea schminken lässt. Sie blickt dann in den Garderobenspiegel und wartet. Und irgendwann denkt sie: Ah, da ist sie ja wieder. Im Spiegel erscheint das Gesicht einer Fremden, einer wilden, unmöglichen Schwester.

Auch das ist wohl einer der Gründe, warum wir uns maskieren; wir wollen das Gesicht von früher wieder sehen. Wir wollen die Maske aufsetzen und es spüren: Da ist er ja wieder. Der andere, der ich auch bin. Der andere, der auch ich ist. Peter Kümmel

 
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