Das Letzte

Liebe Menschen in Ost und West, die ihr unglücklich seid, traurig und allein. Es ist kalt geworden in Deutschland. Einsam schlägt das suchende Herz, und Bitternis befällt unser stilles Gemüt. Das muss nicht sein! Lasst uns die Rosenkriege beenden und Frieden schließen nach Jahren von Zerwürfnis und Zwietracht, das Zeug haben wir dazu. Deutschland, sagt eine neue BBC-Studie, ist das beliebteste Land der Welt: Es ist voll der Liebe, bei uns wohnt der Geist der Versöhnung. Versöhnen, nicht spalten! Der deutsche Papst reicht den Piusbrüdern die heilige Hand, und der unfehlbare Franz Müntefering schließt seine entlaufenen Gewerkschaftsbrüder so barmherzig in sein Herz wie der biblische Vater einstmals den verlorenen Sohn. Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat Guido Westerwelle (FDP) wieder ganz lieb, und die CSU kriecht vor der Partei Die Grünen (ja, die gibt es auch noch!) zu Kreuze wie Frau Ypsilanti einst vor der Linken. Jetzt, wo die Weltseele am ganzen Leibe zittert, sind sogar BMW und Mercedes wie Mutter und Schraube. Es rührt uns das Herz, wie überall in Deutschland Freund und Feind, Haken und Ösen zu neuer Gemeinschaft friedvoll zusammenfinden. Die gespaltene Nation überwindet die Meridiane der Feindschaft und die Gräben der Missgunst. Diesem Anfang wohnt ein Zauber inne. Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer sucht der Westen endlich den Osten, und jeder gibt dem anderen, was er von seinem Traum noch übrig hat. Der Westen schenkt sein Monopolkapital, und der Osten überlässt ihm das ideelle Erbe seiner Väter und Großväter, die Verstaatlichung der Schlüsselindustrien und seine Überführung in kollektiv kontrolliertes öffentliches Eigentum. Wir sehen Angela Merkel, wie sie unter dem Jubel ihrer Parteifreunde eine bankrotte kapitalistische Fabrik an die Mutter des verschuldeten Staates schraubt. Hallo, liebe Linke, aufwachen: Solange die Sonne am Firmament steht und die Planeten um sie herumkreisen, ward das nicht gesehen! Es ist ein herrlicher Sonnenaufgang, der tödlich erschöpfte Kapitalismus kuschelt mit dem jung gebliebenen Sozialismus im Lotterbett ihrer glorreichen Zukunft, und alle nennen es »Wiedervereinigung«. Heraus kommt unser liebstes Baby, ein staatseigener Opel Trabant aus Rüsselsheim bei Zwickau mit unsichtbaren Gleichbauteilen befreundeter Fremdfirmen unter original sächsischer Presspappe. Sieht billig aus, ist aber teuer. Tausend Dank, liebe Angela Merkel, dreh schon mal die Kurbel für den Anlasser! FINIS

 
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