»Berlin hat beste Aussichten«
Nicolas Berggruen, Sohn des Kunstmäzens Heinz Berggruen, hat 140 Millionen Euro in der Heimatstadt seines Vaters angelegt
DIE ZEIT: Herr Berggruen, Sie haben in den vergangenen Jahren 140 Millionen Euro in Berlin ausgegeben und nicht nur Büros und Wohnungen, sondern auch prestigeträchtige Gebäude wie das Café Moskau und die Sarotti-Höfe gekauft. Lohnen sich Investitionen in der deutschen Hauptstadt noch, jetzt, mitten in der Krise?
NICOLAS BERGGRUEN: In Berlin und auch in Potsdam sind die Immobilienpreise in der letzten Zeit zwar gefallen – auch in den guten Lagen um 20 bis 30 Prozent –, langfristig aber glaube ich weiterhin an die Qualität der guten und innenstädtischen Lagen beider Städte. Verkäufe plane ich derzeit nicht, ich will mittelfristig mein Portfolio eher erweitern. Noch allerdings ist der richtige Zeitpunkt nicht gekommen, denn die Preise werden höchstwahrscheinlich weiter fallen.
ZEIT: Warum Berlin?
BERGGRUEN: Die Chance, dass sich das Mietniveau in zehn Jahren verdoppelt haben wird, ist deutlich größer als zum Beispiel in München. Berlin ist einfach eine sehr aufregende Stadt und hat, langfristig gesehen, die besten Aussichten.
ZEIT: Sie haben einmal gesagt, Kunst sei Kunst und Investitionen, zum Beispiel in Unternehmen, seien zum Geldverdienen da. Sammeln Sie Immobilien, wie Sie Kunst sammeln, oder wollen Sie damit Geld zu verdienen?
BERGGRUEN: Immobilien sind beides für mich. Obwohl ich mich für historische Gebäude sehr interessiere, kann ich sie nicht nur aus ästhetischen Gründen kaufen oder besitzen. Sie sollten langfristig immer auch Gewinn bringen. Mit ein bisschen Vorstellungskraft und Arbeit kann man beides kombinieren. Das Gleiche gilt für die Gebäude, die ich neu baue – sie müssen immer auch ästhetische Gesichtspunkte erfüllen. In Berlin werde ich deswegen mit interessanten Architekten zusammenarbeiten. So sind meine Investitionen auch für die Stadt ein Gewinn.
ZEIT: Mit welchen Architekten?
BERGGRUEN: Es gibt viele, die ich bewundere und die auch in Berlin gearbeitet haben, Norman Foster, Rezzo Piano oder David Shipperfield. Außerdem mag ich Rem Kolhaas. Die meisten von ihnen haben nicht ihre beste Arbeit in Berlin gemacht, auch wenn das Ergebnis natürlich nur selten schlecht war. Ich arbeite derzeit auch gern mit Leuten zusammen, die in Deutschland unbekannter sind, wie Shigeru Ban aus Japan oder der Brite David Adjaye. Ich möchte zusammen mit ihnen weniger traditionell, sondern viel kreativer sanieren und bauen.
ZEIT: Tut sich Berlin schwer mit Kreativität?
BERGGRUEN: Ja, manchmal schon. Die Stadt ist viel zu vorsichtig in ihrer Stadtplanung. Dabei hat Berlin immer noch so viele Möglichkeiten, so viele Gebiete, die entwickelt werden können und müssen. Andere Städte sind längst dicht zugebaut. Vor allem die Spree ist interessant, da gibt es bisher nur wenig. Neben dem Alexanderplatz und dem Flughafen Tempelhof sollte die Stadt sich auf die Bebauung ihrer Ufer konzentrieren. Sie sollte aktiv planen und die Dinge nicht sich selbst überlassen. Andere Städte wie London oder Paris haben ihren Fluss sehr gut genutzt. Berlin muss aufpassen, dass da nicht nur Kommerzielles und Mittelmäßiges entsteht. Der Stadt fehlt allerdings auch das Geld, und es leben immer noch viel zu wenig Menschen hier.
ZEIT: Aber gerade das macht den Charme der Stadt aus, das Unfertige, das Provisorische…
BERGGRUEN: …man kann nicht auf der einen Seite eine dynamische Stadt, eine Stadt der Zukunft sein wollen und auf der anderen Seite beschließen, nicht zu wachsen. Die interessanten Städte sind Städte, die sich verändert und vergrößert haben, zum Beispiel New York in den vergangenen 50 Jahren, ebenso London. Oder viele Metropolen in China und Indien. Auch in der Vergangenheit haben die Städte, in denen wirtschaftlich am meisten passiert ist, die größten Künstler hervorgebracht. Venedig, Florenz oder Antwerpen zum Beispiel waren immer lebendige Städte, wirtschaftlich, kulturell, politisch und wissenschaftlich. Berlin kann das alles bieten.
ZEIT: Welche Fehler verzeihen Sie Berlin nicht?
BERGGRUEN: Die Berliner haben versucht und versuchen immer noch, einen Teil der Geschichte auszulöschen, wie man am Palast der Republik sehen kann. Das ist falsch, denn vieles, was im Osten gebaut wurde, ist gut und wichtig, sowohl aus sentimentalen als auch aus ästhetischen Gründen. Es sollte nicht abgerissen werden, nur weil es für den Osten steht. Es ist wie mit allen Immobilien, einige sind gut, andere nicht. Die guten sollte man restaurieren und erhalten. Die anderen, die nicht so interessant sind – sowohl im Osten als auch im Westen –, kann man abreißen, und dann sind sie einfach weg. Dazu gehören sicherlich viele Plattenbauten, die im Osten entstanden sind. Interessant dagegen ist der Alexanderplatz, in dessen Nähe auch das Café Moskau steht, das wir gekauft haben. Das wollen wir nach dem alten Original wieder herrichten. Wir haben auch zwei der fünf Pavillons gekauft, die in den sechziger Jahren rund um das Café Moskau entstanden sind. Die werden wir auch originalgetreu restaurieren.
ZEIT: Sie sind in Paris aufgewachsen, Ihr Vater ist vor über 70 Jahren aus Berlin vertrieben worden. Obwohl Sie nie hier gelebt haben, lässt Ihr Investment auf ein besonderes Interesse an der Stadt schließen.
BERGGRUEN: Ich habe auf jeden Fall eine Beziehung zu Berlin, sonst wäre ich nicht hier. Ich könnte auch nur ein- oder zweimal im Jahr das Museum besuchen, in dem die von meinem Vater gesammelten Kunstwerke ausgestellt sind, komme aber viel öfter her. Diese Stadt ist für mich etwas Besonderes. Meine Wurzeln liegen hier. Mein Investment in Berlin macht aber weniger als zehn Prozent des Gesamtvolumens der Holding aus, viel eingekauft haben wir in den USA, in Europa und jetzt auch in Indien, Japan und Singapur.
ZEIT: Wie Ihr Vater wollen auch Sie Ihre eigene Kunstsammlung in Berlin ausstellen.
BERGGRUEN: Ja, das überlege ich. Aber das ist eine ganz andere Idee als die meines Vaters. Er hatte seine Sammlung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz für einen symbolischen Preis überlassen. Den Rest der Sammlung haben wir der Stiftung im vergangenen Jahr als Dauerleihgaben zur Verfügung gestellt. Ich selbst sammele zeitgenössische Kunst und möchte Berlin die Chance geben, diese Sammlung erstmals auszustellen. Dafür würde ich gern ein neues Museum errichten – auch wieder mit interessanten Architekten, sodass es nicht nur neue Kunst für Berlin gibt, sondern auch ein neues Gebäude. Das würde hierher passen. Und außerdem gibt es schon etwas von meiner Familie hier: das Museum meines Vaters.
ZEIT: Ist es anstrengend, Sohn des Vaters Heinz Berggruen zu sein?
BERGGRUEN: Das ist nur in Deutschland so, vor allem in Berlin. Mich macht das aber eher glücklich, denn ich habe meinen Vater sehr bewundert. Ihn und sein Erbe bekannt zu machen ist der Grund, warum ich überhaupt mit Ihnen spreche. Außerhalb Deutschlands habe ich mit den Medien lieber nichts zu tun.
- Datum 19.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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