Gesellschaftskritik Die Feuchtfrisur

Was seine nach hinten gegelten Haare über den neuen Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg aussagen

Trägt die klassische Feuchtfrisur: Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg

Trägt die klassische Feuchtfrisur: Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg

Da ist sie wieder, die Gelfrisur mit den straff nach hinten gekämmten Haaren. In den letzten Jahren schien es fast, als sei sie aus der Öffentlichkeit verschwunden und nur noch in ihrem Ursprungsmilieu der Boulevardjournalisten, Türsteher und nahöstlichen Bonvivants anzutreffen.

Mit dem neuen Bundeswirtschaftsminister ist sie ins Scheinwerferlicht zurückgekehrt. Appetitlich schimmert und glänzt es Tag und Nacht auf dem Haupt des Freiherrn Karl-Theodor von und zu Guttenberg. Nur eines stört: Für eine klassische Feuchtfrisur ist das Haar im Nacken etwas zu lang. Und noch etwas irritiert. Es handelt sich um keine der üblicherweise in Adelskreisen bevorzugten Haartrachten. Junge Männer neigen dort eher zu einer nur schwach gebändigten Schüttelfrisur, ausrasiert im Nacken, aber mit langem Deckhaar und Scheitelsträhnen, die immer wieder aus der Stirn vertrieben werden müssen. Vielleicht legt Guttenberg Wert auf das Signal, sich von seiner konservativen Herkunft getrennt und ganz auf die Seite der jungen Fortschrittsfreunde aus dynamischen Aufsteigerkreisen geschlagen zu haben.

Zu einer solchen Botschaft passen im Übrigen auch seine hellen Anzüge und Krawatten, die deutlich der FDP näher stehen als dem oberfränkischen Traditionsmilieu der ländlichen CSU, wo noch die bockige Lodenjacke und dunkle Paisley-Schlipse zu Hause sind. Tatsächlich wird der Politiker Guttenberg nicht müde, ein FDP-nahes Bekenntnis zum Marktliberalismus abzulegen, und es ist ja auch wahr, dass die Gelfrisur, wenn sie nicht im Rotlichtmilieu auftrat, seinerzeit eine Haartracht der New Economy, der Börsenspekulanten und smarten Geschäftemacher war. Aber ist es tatsächlich eine gute, eine politisch erfolgversprechende Idee, im modischen Erscheinungsbild noch einmal an jene Zeit der längst gründlich desavouierten Schlawiner zu erinnern?

Vielleicht ist es aber auch etwas ganz anderes, nämlich spezifisch Münchnerisches. In München, das schon immer die heimliche Hauptstadt der Schlawiner war und bleiben wird, hat sich die Feuchtfrisur junger Männer über alle Krisen hinweg erhalten. Soll man von einer barocken oder einer Casino-Mentalität sprechen? Der Einsatz von Wetgel, der die morgendliche Selbstbeschäftigung fördert, ersetzt womöglich nur die gepuderte Perücke, die im 18. Jahrhundert die Liebe zum männlichen Ego dokumentierte.

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 21.02.2009 um 19:31 Uhr
    1. o_O

    Ich gebe zu, ich habe den Artikel nur überflogen, aber da ging es tatsächlich eben um die Frisur des neuen Bundeswirtschafts-Ministers? Was ist denn nu los? Sind wir im,... im,... Frühlings-Loch?

    Salus Publica Suprema Lex

  1. 2. jo

    Sie haben richtig gelesen
    und im Nacken sind die Haare angeblich etwas zu lang ?:-/

    • self22
    • 21.02.2009 um 21:28 Uhr

    sind nicht die Haare dieses Herrn, sondern wie und warum er in diese Position gelangt ist. Er hat von Wirtschaft die gleiche naive, eindimensionale Vorstellung, welche die Herren Neo-Dingsda uns in den letzten Jahrzehnten als Stein des Weisen verkaufen wollten und letztlich auch durchgesetzt haben.
    Dafür, dass wir dies zuließen haben wir ja jetzt die saftige Quittung bekommen.

    Jetzt in dieser Kriese hätte ich mir also einen wirklich weisen Wirtschaftsminister gewünscht, welcher schon einmal in einer schwierigen Situation beweisen konnte, dass er Wirtschaft kreativ und hemdsärmelig - dabei aber mit langfristigem Horizont - vordenken und gestalten kann. Dafür braucht man aber einen entsprechenden Hintergrund. Diesen hat dieser gegelte Wirtschaft-Milchreisbubi aber nicht. Die Sätze, die er von sich gibt, sind Bachelor-Anfängersätze nach dem Lesen der ersten zwei amerikanische Makro-Klassiker.
    Warum wurde der Herr von und zu also Wirtschaftsminister?

    Vielleicht sind ja doch die Haare am wichtigsten...

  2. Er kann ja meinetwegen genauso viel Pomade ins Haar schmieren wie Paolo Pinkel, aber auf seinem Job ist wirtschaftliche Kompetenz gefragt, von der er angeblich in der Vermögensverwaltung seiner Familie etwas mitbringt. Er ist ein Zählkandidat und nichts weiter. Er kommt aus Franken. Das ist seine Qualifikation.

  3. [Beitrag entfernt, bitte missbrauchen Sie nicht Ihr Gastrecht im Forum der ZEIT und verwenden Sie diese Plattform nicht als reine Linkstation für Ihren eigenen Blog/ Redaktion; svb]

  4. ...formuliert - ich habe mich amüsiert. Die Aussage dahinter habe ich (vermutlich) auch verstanden. Also, man sollte sich und diesen Artikel nicht zu ernst nehmen, meine ich.

  5. Der Artikel steht allen Ernstes unter der Rubrik "Gesellschaftskritik". Das meinen Sie jetzt aber nicht ernst, oder?

  6. @ svb Tut mir leid, dass Sie den Verweis auf meinen Blogbeitrag als "reine Linkstation" betrachten. Wollte hier bloß nicht länglich werden.

    Jessens Text ist keine Gesellschaftskritik und keine originelle Glosse, sondern an den Haaren herbeigezogene Vorurteilspflege. Im Grunde belanglos, aber der Text regt mich trotzdem auf. Weil er so selbstgefällig intolerant ist und von jemandem geschrieben, der an anderer, völlig falscher Stelle Intoleranz so vehement gegeißelt hat. Der Wirtschaftsminister gelt seine Haare - na und? Der Autor outet sich damit als einer der "fürchterlichen Spießer", vor denen ihm so graut.

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