HSH Nordbank Übrig bleibt nur die Hälfte
Die HSH Nordbank will von ihren Eigentümern drei Milliarden Euro – und das Ja für einen radikalen Umbau
Die HSH Nordbank zerfällt, und es ist, als könne man ihr dabei zusehen. Freitag, kurz nach 12 Uhr: Mit Trillerpfeifen, Gejohle und Plakaten – »Hier arbeiten auch Menschen, nicht nur Geld« – demonstrieren mehrere Hundert Mitarbeiter vor dem Haupteingang der Hamburger Zentrale für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Es schneit, es ist frostig, »aber das passt ja zum Umgang mit uns«, sagt Betriebsratschef Olaf Behm. »Wir wissen nicht, was da heute beraten wird«, klagt Berthold Bose, der für die Gewerkschaft ver.di im Aufsichtsrat sitzt. Gegen 15 Uhr rauschen schwarze Limousinen über eine Nebenstraße in den Hof. Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen treffen den Vorstand. Wie auch am Sonntag. Dann, am Montag, kurz nach 18 Uhr im ersten Stock, informiert Vorstandschef Dirk Jens Nonnenmacher die Arbeitnehmervertreter. Tags darauf konferieren die Regierungskabinette, der Aufsichtsrat sowie Parlamentsausschüsse. Eine Entscheidung »wird für die kommende Woche erwartet«, heißt es danach.
Die Zeit drängt. 2008 hat die HSH Nordbank einen Verlust von rund 2,8 Milliarden Euro eingefahren – ihr Kapital schrumpft gefährlich. Hauptgrund dafür: 1,6 Milliarden Euro Abschreibungen auf spekulative Wertpapiere sowie 900 Millionen Euro Abschreibungen infolge der Pleite von Lehman Brothers und Problemen in Island. Für 2009 und 2010 erwartet die Bank weiter große Probleme.
Der zweite Grund für die Eile: Schon am 21. November musste sich die Landesbank mit Sitz in Hamburg und Kiel 30 Milliarden Euro Bundesgarantien sichern, um am Kapitalmarkt weiter Geld leihen zu können. Zugleich versprach sie, bis zum 21. Februar darzulegen, wie ihre Strategie künftig aussieht und wie sie an genug Kapital kommen will. Anfang der Woche wurde die Frist vom Bund um drei Tage verlängert, nächsten Dienstag aber müssen fertige Beschlüsse vorliegen. Sicher ist schon jetzt: Die HSH Nordbank in ihrer alten Form ist Geschichte.
Drei Milliarden Euro zusätzliches Kapital fordert die Bank. Aufbringen sollen sie die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein, denen zusammen 60 Prozent gehören. Zugleich soll rund die Hälfte des Geschäfts – riskante Wertpapiere von derzeit noch 21 Milliarden Euro, aber auch ganze Sparten wie Übernahmekredite oder das Immobiliengeschäft in Westeuropa – bis 2012 abgebaut werden. Bis dahin, so ist zu hören, bleiben diese Geschäfte in der Bank und ihrer Bilanz, jedoch unter einer Art Rettungsschirm und angesetzt zu einem Risiko von null. So müsste zumindest das Kreditinstitut kein Kapital mehr zwecks Absicherung vorhalten. Ermöglichen soll dies eine Gesellschaft der Länder, die für Verluste aus diesen Geschäften bis zu einer Höhe von zehn Milliarden Euro garantieren würde – so sie denn anfallen. Die Zahl der Stellen soll um rund 1100 auf 3250 sinken, die Bilanzsumme von derzeit 200 Milliarden Euro auf 115 Milliarden Euro schrumpfen. Übrig bliebe eine Kernbank, die sich auf das Kreditgeschäft in Norddeutschland, die Finanzierung von Schiffen und Flugzeugen in aller Welt sowie von Investitionen in erneuerbare Energien in Europa beschränkt.
Entstanden war die HSH Nordbank, bei Landesbanken ein seltenes Ereignis, durch eine Fusion – den Zusammenschluss der Hamburgischen Landesbank mit der Landesbank Schleswig-Holstein 2003. Als Aktiengesellschaft firmierend, holte sie 2006 als erste Landesbank einen Privatinvestor an Bord, den US-Fonds J.C. Flowers. Im selben Jahr erzielte sie, die in der Schiffsfinanzierung als weltweit führend gilt, einen Gewinn von 830 Millionen Euro nach Steuern. 2008 sollte sie als erste Landesbank an die Börse.
Dass nun die Finanzkrise solchen Schaden anrichten konnte, liegt an Entscheidungen, die lange Zeit zurückliegen. Noch in den neunziger Jahren übernahmen Landesbanken als Dachinstitute der lokalen Sparkassen übergreifende Aufgaben und finanzierten Projekte, die im Interesse des jeweiligen Bundeslandes lagen. Keiner erwartete von ihnen große Gewinne. Ihr Vorteil: Die Länder standen für sie gerade – das erlaubte ihnen, am Kapitalmarkt günstig Geld zu leihen. Eine Landesbank war eine sichere Bank.
Um die Jahrtausendwende änderte sich das. Eine erbitterte Debatte endete 2001 mit der Entscheidung der EU, die Landesbanken 2005 aus der Haftung der Länder zu nehmen. Damit mussten die Landesbanken zum einen profitabler arbeiten. Andernfalls würden die Rating-Agenturen sie herabstufen. Geld zu leihen würde damit deutlich teurer. Zum anderen pumpten sich die Landesbanken vorsorglich mit Geld voll, für das die Länder auch über 2005 hinaus noch haften – das aber wollte angelegt sein. »Und so viele Milliarden kriegen sie im normalen Kundengeschäft nicht unter«, sagt einer, des es wissen muss. Im Ergebnis führte beides dazu, dass viele Landesbanken, auch die HSH Nordbank, ausbauten, was im Bankerjargon Kreditersatzgeschäft heißt: Anlagen in Wertpapiere und komplexe Finanzprodukte, hinter denen zum Beispiel US-Immobilienkredite stehen.
Keiner dachte sich etwas dabei, auch nicht der Vorstand der HSH Nordbank, denn diese Papiere wurden von den Rating-Agenturen oft als genauso sicher eingestuft wie Anleihen der Bundesrepublik – zugleich warfen sie einen Tick mehr Rendite ab. Selbst die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat machten sich wenig Sorgen. Sie und der Aufsichtsrat gaben dem Management bis zu gewissen Grenzen freie Hand. Abzusegnen sind in solchen Fällen oft erst Geschäfte im dreistelligen Millionenbereich. »Einzelne Transaktionen sind in den Aufsichtsrat gegangen«, erinnert sich Olaf Behm, als Betriebsratschef auch stellvertretender Vorsitzender des Kontrollgremiums. »Natürlich gab es aber immer eine Empfehlung des Vorstandes.« Und diesem vertraute man. Zudem freuten sich die Politiker im Aufsichtsrat über die Gewinne, die die Bank erzielte. »Bei klassischen Kreditgeschäften wurde detaillierter nachgefragt als bei diesen Geschäften«, sagt Behm.
Am Ende hielt die Bank riskante Wertpapiere von 30 Milliarden Euro
Der Vorstand, seit 2003 geführt von dem Hamburger Alexander Stuhlmann, wähnte sich sicher. Die Kompetenz hatte die Kieler Landesbank mitgebracht, die Heimat des zuständigen Kapitalmarktvorstands Franz Waas, des für das Portfoliogeschäft verantwortlichen Martin Halblaub sowie des operativ entscheidenden Rainer Helms. Letzterer führte die HSH Nordbank Securities S. A., eine Tochter mit Sitz in der Rue Jean Monnet in Luxemburg, in der der Konzern 2005 rund 18 Milliarden Euro bündelte. In jenem Jahr erzielte die Gesellschaft mit ihren mehr als 100 Mitarbeitern einen Gewinn nach Steuern von 115 Millionen Euro, im Jahr darauf 147 Milliarden Euro. Stolz nannte man sie ein »innovatives Spezialinstitut« (2006) oder eine der »bedeutendsten Auslandsbanken des Finanzplatzes« (2007). Die Tochter eröffnete eine Repräsentanz dort, wo Halblaubs Büro war: in London – um »schneller auf neue Entwicklungen auf den internationalen Kapitalmärkten reagieren« zu können. »Ein effizientes Risikomanagement« sei »integraler Bestandteil unserer Geschäftssteuerung«, heißt es noch heute auf der Website der Gesellschaft.
Ende 2007 hatte sich der Bestand der riskanten Papiere auf fast 30 Milliarden Euro aufgetürmt. Mit der Finanzkrise fiel ihr Wert dramatisch, teils von einem Tag auf den anderen. Hans Berger, der Nachfolger des zwischenzeitlich ausgeschiedenen Vorstandschefs Stuhlmann, meldete für 2007 Abschreibungen von 1,3 Milliarden Euro, unterm Strich aber zumindest einen kleinen Gewinn. Noch im Juni stellte er für 2008 einen Überschuss von 400 Millionen Euro in Aussicht – unter der Voraussetzung, dass sich die Märkte nicht verschlechtern würden. Doch diesen Nachsatz »finden Sie nirgends wieder«, klagte Berger am 6. November in Kiel. Da war seine Prognose längst auf ihn zurückgefallen, die Tumulte an den Märkten ließen sie naiv aussehen. Wenige Tage später trat der als stockkonservatives Sparkassengewächs geltende Berger zurück. Waas, Halblaub und Helms hatten zu diesem Zeitpunkt längst die Bank verlassen.
Nachfolger Dirk Jens Nonnenmacher, Professor der Mathematik mit auffällig nach hinten gegelten Haaren, muss nun retten, was zu retten ist. Überzeugen muss er mit seinen Plänen vor allem die Länder, denn die beteiligten Sparkassen wollen sich nach einer 2008 bereits erfolgten Kapitalerhöhung nicht erneut engagieren. Auch dass Flowers Geld nachschießt, ist »ausgeschlossen«, heißt es in dessen Umfeld.
Vielleicht wendet Nonnenmacher sich in seiner Not ja an die Kollegen der NordLB. Die hat statt vom Bund von ihren Eigentümerländern Niedersachsen und Sachsen-Anhalt bereits Unterstützung erhalten – Garantien, die ihr bei der für alle Banken derzeit schwierigen Refinanzierung am Kapitalmarkt helfen. Verantwortlich für die Abwicklung: eine am 8. Januar neu eingetragene Tochtergesellschaft in Luxemburg. Der Kopf hinter der Umsetzung: der Kapitalmarktvorstand. Sein Name: Martin Halblaub.
- Datum 04.05.2009 - 11:02 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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1. Geld arbeitet NICHT!
2. JEDEM Bankangestellten oberhalb eines einfachen Kassierers mußte klar sein, daß die Größe des Finanzsektors schon seit 10 bis 15 Jahren in keinem Verhältnis zur realen Wirtschaft stand.
Die Banken haben die EINE Todsünde begangen, die Parasiten begehen können - sie haben ihr Wirtstier umgebracht. Oder zumindest fast. Das wird sich erst noch entscheiden.
Auf jeden Fall hat der Hund im Augenblick einfach nicht mehr genug Blut für alle Flöhe und Zecken, die sich seit 20 Jahren vollgesogen haben - also Zeit, ein paar Ampullen FrontLine anzusetzen. Hätte man schon lange tun müssen.
So sollte man über Bundestagsabeordnete nicht reden!
So nicht!
Ich fordere für die verantwortlichen Manager und Aufsichtsräte strafrechtliche Konsequenzen wegen grob fahrlässigem Verhalten.
Also, ich finde auch, eine Landesbank sollte dem Land Geld bringen und nicht kosten. Ansonsten ist es vorteilhaft, sie zu schliessen.
aj (Landbewohner)
(1) Wer die ihm durch Gesetz, behördlichen Auftrag oder Rechtsgeschäft eingeräumte Befugnis, über fremdes Vermögen zu verfügen oder einen anderen zu verpflichten, mißbraucht oder die ihm kraft Gesetzes, behördlichen Auftrags, Rechtsgeschäfts oder eines Treueverhältnisses obliegende Pflicht, fremde Vermögensinteressen wahrzunehmen, verletzt und dadurch dem, dessen Vermögensinteressen er zu betreuen hat, Nachteil zufügt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
... und das betrifft auch beaufsichtigende Politiker - Herrn von Beust etc... Wenn man's nicht versteht, lässt man die Finger davon - ich mache auch keine Herztransplantationen. Keine Ahnung, ob die Staatsanwaltschaften Hamburgs und Schleswig-Holsteins schon ihre Ermittlungen aufgenommen haben, aber im Zweifelsfalle sind sie natürlich weisungsgebunden an Anordnungen ihres Senators / Ministers - und der wird sich hüten, gegen seinen Chef / seine Kollegen ermitteln zu lassen - tja
... und mit Marktwirtschaft hat das alles garnichts zu tun.
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