100. Geburtstag So harmlos war er nicht
In Heinz Erhardt kam Deutschland nach 1945 zu sich selbst – jeder Reim ein Abgrund

© Erbengemeinschaft Heinz Erhardt
Heinz Erhardt, der am 20. Februar hundert Jahre alt geworden wäre, tanzte im Gewand der Gemütlichkeit an der Grenze zwischen Dada und Abgrund
Den Namen kennt jeder. Jeder verbindet ihn mit den Nonsensversen, der ungeheuer beleibten, speckig glänzenden Käfergestalt, der dicken Brille, der überwältigend drolligen Mimik. Aber die ungeheure Popularität, die Heinz Erhardt noch heute, zu seinem 100. Geburtstag, genießt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sein Andenken durchaus gemischt ist. Den einen ist er der Spielmacher des neuen Biedermeiers, in das sich die Nachkriegsdeutschen flüchteten, den anderen ein letzter Nachfahr der dadaistischen Lyriker.
Und in der Tat: »Es schlafen schon die Bienchen, die Beinchen und die Steinchen / Schlaf ein, schlaf einchen« – das ist kein Kabarett. Literaturgeschichtlich stehen Erhardts Verse zwischen Morgenstern und Robert Gernhard. Es ist aber auch wahr, dass sich das Absurde, das darin noch enthalten ist, sehr klein macht; es lugt nur noch wie ein Mäuseschnäuzchen aus der Reimerei heraus. »Hinter eines Baumes Rinde / wohnt die Made mit dem Kinde. /Sie ist Witwe, denn der Gatte, / den sie hatte, / fiel vom Blatte.«
Von Heinz Erhardt wäre nur die Erinnerung an eine monströse Harmlosigkeit übrig – wenn er denn wirklich so harmlos gewesen wäre. Unter den Rezitationen, die das Fernsehen aufgezeichnet hat, findet sich eine, in der er unvermittelt in ein so satanisches Brüllen und Toben ausbricht, als wolle er noch einmal Goebbels aus dem Sportpalast ins Studio holen, um dann ebenso unvermittelt in einem süßlich zwitschernden Parlando zu enden. Abgründiger noch als die historische Reminiszenz, die er seinem Publikum aufzwingt, ist die Mimik, mit der er den Exzess stoppt: Er schlägt sich gleichsam selbst auf die Finger und den Mund, ruft sich zu Räson und demokratischer Sanftmut, als wolle er sagen: Schlimm, nicht wahr, wie man plötzlich zurückfallen kann, von einer Sekunde zur anderen, und dann noch tut, als sei nichts gewesen, gell?
Für diese Momente, in denen das Gutmütige ins Brutale und wieder zurückkippt, haben auch die Verse ein Instrument. Es ist der Kalauer, der bei Heinz Erhardt stets selbst laut »Aua« sagt. Das schön Gesagte kann jederzeit kippen. »Wir fuhren einst zusammen tagtäglich mit der ›Zehn‹, / jetzt fahren wir zusammen, wenn wir uns wiedersehn« – es fällt nicht schwer, darin das archetypische Muster schaudernder Wiederbegegnungen nach dem Krieg zu erkennen. »Mal trumpft man auf, mal hält man stille / mal muss man kalt sein wie ein Lurch / des Menschen Leben gleicht der Brille: / Man macht viel durch«.
Das ist fast diabolisch. Der prosaische Tonabfall des letzten Verses lenkt erst mit Verzögerung auf den Doppelsinn des Wortes Brille. Er ruft aber sofort alles auf, von dem die Redewendung nach dem Krieg gerne sagte, man habe es durchgemacht – nur dass es bei Erhardt nichts passiv Erlittenes, sondern etwas aktiv Hergestelltes ist.
Der Komiker, ohne Frage, wusste genau, was er tat, als er den Deutschen nach dem Krieg ein wiedergewonnen ziviles, tapsiges und kindisch verspieltes Selbst vorspielte. Die Stilbrüche, die Kalauer, die er gleichsam erschauernd vor der eigenen Peinlichkeit vortrug, waren die Zeichen des dünnen Eises, auf dem er sich demonstrativ bewegte. Alles kann jederzeit schiefgehen! Alles kann entgleisen. Ich bin mir selbst nicht geheuer – das waren die Botschaften.
Nicht nur der Kalauer. In einer Kabarettszene wirft er der Klavier spielenden Trude Herr in verliebter Bewunderung Blumen aus einer Vase zu, eine und noch eine, und dann, weil er nicht bemerkt, dass es keine Blumen mehr gibt, die ganze Vase, unter der die Pianistin zu Boden geht. Auch diese Filme, in denen er den neuen Wohlstandsbürger mit seiner ganzen Bonhomie spielte, lassen stets einen gewalttätigen Urgrund erkennen. In einer anderen Szene, in der Trude Herr seine Fahrlehrerin gibt, setzt er beim Anfahren den Wagen vor die Wand; er betrachtet den Schaden, aber seine Bemerkung »Für den Anfang nicht schlecht« lässt recht deutlich erkennen, dass er beim nächsten Mal gerne eine größere Beule verursachen würde.
Heinz Erhardt war nicht gemütlich. Sein Humor ist das Balancieren am Abgrund, in den er jedes Mal, ob durch einen Kalauer im Vers oder eine Demolage im Film, zuverlässig fällt. Das Gemütliche besteht nur darin, dass er den Abgrund zur Metapher verkleinert. Man weiß aber doch, wofür er steht. Oder noch einmal anders gesagt: Heinz Erhardt war nicht harmlos. Er wird verharmlost.
- Datum 20.02.2009 - 10:04 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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So, wie bei Werner Finck die Pausen wichtig waren, ist bei Heinz Erhardt der zweite Blick auf die Nonsensereien wichtig. Man freut sich anfangs über einen Kalauer. Zweizeilig oder vierzeilig ist dieser auch merkbar und damit überall rezitierbar. Alles lächelt oder lacht. Der Rezitator ist zufrieden. Aber vor dem letzten Punkt des Gedichtes haben sich neben den Buchstaben auch Abgründe gezeigt. Das aber bemerkt vielleicht nicht jeder. Erhardt führt uns verbal auch gar nicht in diese Abgründe, wie es zum Beispiel der wunderbare Zeichner Topor immer wieder probierte. Nein, Heinz Erhardt baute sehr oft am Ende seiner Verse eine Brücke, über die wir aus der Beklemmung doch wieder in das Schmunzelparadies gelangen konnten.
Das Gewitter
Der Mond verbirgt sein bleiches Licht,
die Sterne am Himmel, sie (p)funkeln nicht.
Die Luft ist schewül.
Dem Herzen wird bang.
Der Uhu krächzt einen Totengesang . . .
Daaaa bricht´s aus schwarzer Nacht hervor,
als wäre geöffnet der Hölle Tor,
als ständen die Säulen des Erdballs in Flammen,
als stürze das ganze Weltall zusammen,
und aus der Wolken feuchtem Schoß,
der Regen in Strömen sich ergoß,
als wollten des Wassers wilde Gewalten
das Land zum unendlichen Meere gestalten.
Und wie es so stürmet und brandet und kracht,
da - nein daaa - ne, ha´m wir heute gar nicht hier -
eine Jungfrau tritt hinaus in die Nacht
und ruft in die tosenden Winde hinaus:
"Na, das is´n Dreckswetter, da bleib ich zu Haus."
(Heinz Erhardt: "Das Gewitter")
aber leider immer wieder erwähnungsbedürftig.
Eine gute Analyse, warum viele Komiker schlicht verschwinden, sobald ihre Comedy-Show abgedreht ist, während andere immer wieder interessant sind - auch in der x-ten Wiederholung.
Da gibt es ja zum Glück auch einige andere, und nur durch die zeitliche Nähe zum Ende des WK2 ist Ehrhard eben nicht erklärbar.
Andere (Loriot ff) haben sehr wohl Qualität auch ohne diesen Bezug.
Bleibt als einzigartige Qualität des Heinz Ehrhard nur, das er Masse produzierte, ohne seine Qualität zu verlieren?
Wohl auch nicht - etliche Peinlichkeiten sind auch bei ihm untergekommen,
insofern unterscheidet er sich denn doch nicht von einigen heutigen Comedymachern.
Bleibt nur: Er war eben der Erste von Vielen.
Entschuldigen Sie, aber ich halte Ihren Artikel für ausgemachten Nonsens!
Ihre krampfhafte Suche nach der Besessenheit hinter dem Harmlosen grenzt nicht nur an Geschmacklosigkeit, sie überschreitet diese.
Der Weißbierphilosof
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