100 Jahre Heinz Erhardt Er konnte swingen

Die Free-Jazz-Pianistin Aki Takase, eine Japanerin in Berlin, verehrt Heinz Erhardt – auch wenn sie ihn nicht immer witzig findet

DIE ZEIT: Frau Takase, Sie waren gerade im fernen Osten auf Tournee, Heinz Erhardt hätte Sie jetzt gefragt: »Haben Sie auch schon mal im Süden gespielt? In Südlappland?« Hätten Sie da schon lachen müssen?

Aki Takase: Wohl kaum. Weil ich es nicht verstanden hätte.

ZEIT: Man kann das als Ausländer doch überhaupt nur komisch finden, wenn man weiß, was »Lappland« bedeutet und dass es im Norden Finnlands liegt. Was heißt »Lappland« auf Japanisch?

Takase: Hokkyokuken.

ZEIT: Seine eigentliche Pointe kommt erst noch: Lappland, »das ist’ne billige Gegend. Also, die Körperpflege kostet da gar nichts, braucht man nur’n Stück Seife, Lappen gibt’s da genug.« Jetzt sagen Sie nicht, dass Sie das komisch finden!

Takase: Wie gesagt, ich kann das nicht komisch finden.

ZEIT: Dieser für Erhardt typische Witz fällt ja durch zweierlei auf: Er spielt mit der Zeit und mit dem Raum. Die Erzählzeit ist verzögert, der Raum verdreht. Ist das eine Ähnlichkeit zum Jazz?

Takase: Wir spielen auch mit der Zeit und mit dem Raum. Aber die Erzählzeit ist nicht verzögert und der Raum auch nicht verdreht. Insofern keine Ähnlichkeit zum Jazz.

ZEIT: Sie haben Heinz Erhardt als Ihren Lieblingskünstler, Lieblingsschauspieler und Lieblingsmusiker bezeichnet. Das erstaunt uns nun doch!

Takase: Er ist nicht unbedingt mein Lieblingsmusiker. Als Schauspieler mag ich ihn, weil er nach dem Krieg Zuversicht vermittelt hat.

ZEIT: Wie kamen Sie auf ihn?

Takase: Ich habe ihn mal zufällig im Fernsehen gesehen. Drillinge an Bord, Witwer mit fünf Töchtern, Drei Mann in einem Boot und Vater, Mutter und neun Kinder sind meine Lieblingsfilme.

ZEIT: Hört man seine Musik, sind es biedere Polkas und Fünfziger-Jahre-Swing, ganz etwas anderes als die Stücke von Thelonious Monk oder Ornette Coleman, für die Sie sich sonst begeistern.

Takase: Ich kenne die deutsche Populärmusik der fünfziger Jahre nicht. Aber er konnte swingen und war eine sehr starke Persönlichkeit.

ZEIT: Sie sind eine virtuose Pianistin, ihm war das nicht so wichtig. Er hat gesungen: »Blas mal auf dem Kamm, denn wer das richtig kennt, der braucht kein Instrument.«

Takase: Das ist nicht allzu wörtlich und schon gar nicht ernst zu nehmen. Nein, er war wirklich ein sehr guter Sänger und Pianist.

ZEIT: Was kann eine Free-Jazz-Musikerin von ihm lernen?

Takase: Er zeigt, wie man das Leben ernst, aber so leicht wie möglich nehmen kann!

ZEIT: In einem Sketch hat er einst behauptet, ein Pianist brauche nicht nur »seiner Finger Schwielen zum Greifen und zum Spielen«, sondern auch das Haupt: »Mal fällt’s, als ob du schlafen musst, auf deine stark erregte Brust, mal fällt’s mit furchtbar irrem Blick, so weit es geht zurück, und kommst du gänzlich in Ekstase, hängt dir ein Tropfen an der Nase.« Fühlen Sie sich erkannt?

Takase: Nein!

ZEIT: Da müsste Ihnen doch auch Wilhelm Busch gefallen, Max und Moritz, diese beiden?

Takase: Ja, natürlich. Wilhelm Busch ist ein großartiger Künstler, ich mag auch seine Zeichnungen sehr. Er ist sowieso ein Genie.

ZEIT: Heinz Erhardt hat gefragt: »War Goethe ein größeres Wunder als eine kleine Fliege?«

Takase: Diese Frage kann man durchaus stellen.

ZEIT: Wenn sein Publikum zu unruhig war, rief er immer »Silizium!«, und die Leute konnten sich gar nicht mehr beruhigen.

Takase: Das war wohl der Zweck der Übung.

ZEIT: Gibt es einen japanischen Heinz Erhardt?

Takase: Ja, es gibt den Raguko, den »Sprecher, der allein spricht«, eine sehr traditionelle japanische Kunst. Schincho Kokontei und Shijaku Katsura sind schon tot, aber ich finde sie in ihrer Art nach wie vor am besten.

ZEIT: War Heinz Erhardt je in Tokyo?

Takase: Ich glaube nicht.

Die Fragen stellte Ulrich Stock

Von Aki Takase, 61, erschien zuletzt die Platte »Evergreen«, mit dem Klarinettisten Rudi Mahall und Kompositionen u.a. von Duke Ellington und Bud Powell (Intakt CD 152). Hier geht's zur Rezension des Albums »

 
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