Fotografie Zeuge des Moments

Als Junge träumte er vom Lockruf der Wildnis, später zog er mit der Kamera durch die Welt. Zum 80. Geburtstag von Robert Lebeck ein Gespräch über Robinson Crusoe, die Sowjetunion und das Wasser der Südsee

Die Zeit: Herr Lebeck, im Auftrag des sterns waren Sie mehr als 30 Jahre in der Welt unterwegs. Was war zuerst da: Ihre Reiselust oder der Bilderhunger?

Robert Lebeck: Die Reiselust, ganz klar. Ich bin bei meinem Vater in Berlin aufgewachsen. Der war an multipler Sklerose erkrankt, konnte keine Zeitung in der Hand halten, kein Radio anmachen. Meine Mutter hatte sich von ihm getrennt. Von seinen 160 Mark Gnadenrente gingen 90 Mark für Miete ab und 20 Mark für Schulgeld. Da war kein Geld für neue Kleidung drin, geschweige denn für einen Urlaub. So ging das Fernweh mit mir durch.

Zeit: Wohin führten Ihre Träume?

Lebeck: Dorthin, wo die Briefmarken, die ich sammelte, herkamen. Frau Rosenberg, eine Bekannte, hatte mich in ihr Herz geschlossen. Ihr erzählte ich, wie sehr ich mir einen Globus wünschte. Und schwups, schenkte sie mir einen. Da konnte ich Robinson Crusoe bis in den Pazifik folgen. Defoes Roman war mein Lieblingsbuch. Verschlungen habe ich auch das Rätsel der Urwaldhölle, einen Expeditionsbericht über Amazonien.

Zeit: Und die erste echte Reise? Hielt sie den Erwartungen stand?

Lebeck: Das war im Krieg. Mit der Kinderlandverschickung kam ich nach Österreich, nach Heiligenblut am Großglockner. Auf ganz archaischen Brettern bin ich in Halbschuhen Ski gefahren, habe Schachspielen, Skat und Bergsteigen gelernt. Aber das Tollste war eine Jause in einer Almhütte. Auf 2000 Meter Höhe gab es frisch gebackenes Brot; die Butter wurde in Scheiben geschnitten. In schöne dicke Scheiben. Daran musste ich gestern wieder denken, als ich Zahnprobleme hatte und mir einen Mozzarella ähnlich zubereitete.

Zeit: Empfanden Sie damals schon das Bedürfnis, Ihre Erlebnisse in Bildern festzuhalten?

Lebeck: Ja, ich habe dort ein paar Fotos gemacht. Frau Rosenberg hatte mir eine Box geschenkt – so eine Agfa-Box, wie Günter Grass sie beschreibt. Ich wollte Porträts von meinen Mitschülern aufnehmen und von den Hühnern auf dem Friedhof, bin also ganz nah rangegangen. Woher sollte ich wissen, dass man mit der Box Abstand halten muss? Die Bilder waren völlig unscharf. Ein bisschen unscharf wäre ja nicht so schlimm gewesen. Das war eine lang andauernde Enttäuschung.

Zeit: Glückte zumindest der nächste Versuch?

Lebeck: Auch der scheiterte. Ich war Soldat an der Ostfront, flüchtete zu Fuß vor den Russen und kam erst 1946, genau an meinem 17. Geburtstag, nach Berlin zurück, schwarz auf dem Interzonenzug. Mein Vater war drei Jahre zuvor gestorben. Ich löste unseren Haushalt auf und kaufte mir von dem Geld eine Kamera, einen 6x9-Apparat. Auch mit dem kam ich nicht klar.

Zeit: Dann vergaßen Sie die Fotografie vorerst wieder und studierten Völkerkunde. Als Ethnologe hätten Sie auch um die Welt reisen können.

Lebeck: Ach, ich fand es einfach zu öde, aus Büchern etwas über den Inzest bei Eskimos zu lernen. Wenn ich geahnt hätte, dass meine Erlebnisse bei Kriegsende mich eigentlich bereits für ein Leben als Fotoreporter abgehärtet hatten, wäre ich vielleicht schon früher zu meinem Beruf gekommen. Aber ich wusste nichts von Robert Doisneau, der gesagt hat: »Fotografieren heißt die Regeln verletzen.« Nirgendwo werden mehr Regeln verletzt als im Krieg. Bei mir ist der Knoten erst am 21. März 1952 geplatzt. Das war mein 23. Geburtstag und eine Art zweite Geburt. Ruth, meine erste Frau, schenkte mir eine Retina 1 a – und zwar mit gut verständlicher Gebrauchsanleitung. Ich arbeitete als Fotoreporter für Heidelberger Lokalzeitungen, da bat mich ein Reiseveranstalter, für seinen Katalog Fotos in Ägypten zu machen. Das hätte ich mir aus eigener Tasche nie leisten können. So entstand in Assuan mein erstes gutes Bild…

Zeit: …von einer verschleierten Frau, die mit der Hand Ihre Kamera abwehrt. Ganz im Sinne Doisneaus empfanden Sie wohl keine Skrupel bei dem Regelverstoß.

Lebeck: Na ja, es hat der Frau doch eher genützt, dass ich den Apparat nicht runtergenommen habe: Ein gutes Fotos macht unsterblich. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich keine Skrupel hatte. Als ich zum Beispiel bei dem kolumbianischen Maler Fernando Botero zu Gast war und durch einen Türspalt ins Schlafzimmer guckte, wo das Gemälde von einem prallen Frauenhintern über dem Bett hing, empfand ich meinen Blick als sehr indiskret.

Zeit: Fotografiert haben Sie trotzdem.

Lebeck: Botero hätte den Raum ja verschließen können.

Zeit: Ihr Chefredakteur Henri Nannen nannte Sie Smiling Bob . Hat auch Ihr Lächeln Ihnen manche Tür zwischen Hamburg und Shanghai geöffnet?

Lebeck: Ich habe meine Arbeit mit viel Charme erledigt. Ich war kein Lederjackenreporter, der sich nach vorn drängelt. Auch auf abschreckendes Blitzlicht habe ich verzichtet. Sonst wäre es mir kaum gelungen, Ibn Saud, den König Saudi-Arabiens, mit seinem Vorkoster auf den Film zu kriegen. Absichtlich habe ich nie jemanden negativ fotografiert. Nur weil Gadhafi ein Gauner ist, musste ich ihn 1980 bei meinem Besuch in Libyen nicht auch so darstellen.

Zeit: Wie gingen Sie vor, um den Illustrierte-Lesern fremde Länder und Gesichter nahezubringen?

Lebeck: Es lag mir daran, unseren Blick auf die Personen der Zeitgeschichte zu mildern. Nach dem Motto: Das sind auch nur Menschen. Bleibt Willy Brandt der große Willy Brandt, wenn er auf einem Esel über den Strand von Fuerteventura reitet? Wie spiegelt sich die Trauer über den Tod von Robert Kennedy in den Mienen der Schwestern Jackie Kennedy und Lee Radziwill? Das Glück, das man braucht, um den richtigen Moment abzupassen, blieb mir treu. So wie 1979 in Teheran, als Ajatollah Chomeini zurückkehrte und fanatische Anhänger ihm den Turban abrissen. Eine Sekunde genügte, und es gelang mir, den zukünftigen Machthaber mit entblößtem Kopf darzustellen. Ein Wunder, dass ich aus diesem brodelnden Menschenkessel überhaupt heil rausgekommen bin.

Zeit: Schlug da die Abenteuerlust in Angst um?

Lebeck: Der Flug mit dem Ajatollah vom französischen Exil nach Iran hätte ein Flug in den Tod werden können. Wir mussten mit den Abfangjägern der iranischen Luftwaffe rechnen. Vor der Abreise hatte ich meiner Frau einen Abschiedsbrief geschrieben. Im Allgemeinen war ich jedoch ziemlich unbeschwert unterwegs. Als Kindersoldat hatte ich überlebt. Und auch später habe ich brenzlige Situationen immer relativ unbeschadet überstanden.

Zeit: Kam in mehr als 40 stressigen Berufsjahren auch mal der Wunsch durch, einen ganz entspannten Urlaub zu verbringen?

Lebeck: Die Kombination von Fotografieren und Reisen hat mir eigentlich gefallen. So larifari durch die Welt bummeln – das war nicht meine Sache. Damit ich nicht die Lust verlor, reiste ich mit kleinem Gepäck: einem Weitwinkel- und einem Teleobjektiv, einem Apparat mit Farbfilm und einem mit Schwarz-Weiß. Das Fotografieren war mein Leben, es sollte seine guten Seiten bewahren. Den Urlaub verbrachte ich am liebsten zu Hause bei meiner Familie. Ich hatte doch allen Komfort im Dienst. Das ließ sich privat gar nicht toppen. Wenn ich eine Luftaufnahme brauchte, nahm ich den Hubschrauber, wenn ich ins Hotel wollte, nahm ich das beste.

Zeit: An welches Hotel erinnern Sie sich besonders gern?

Lebeck: An eines auf Moorea. Das war 1966, als mein Jugendtraum vom Lockruf der Wildnis wahr wurde. Georg Stefan Troller verfilmte das Leben von Jack London und brauchte einen Fotografen, der Pressefotos machte. Sechs Wochen Nordamerika, sechs Wochen Südsee! Auf Moorea quartierten wir uns in Hotelhütten ein, die auf Pfählen im Wasser standen. Nach dem Aufwachen sprang ich direkt vom Bett ins glasklare Meer. Später flitterten dort Gunter Sachs und Brigitte Bardot, das Gebiet wurde touristisch erschlossen. Aber wir erlebten das Atoll noch als Offenbarung.

Zeit: Sie spielten den Vorkoster, bevor die Deutschen Reiseweltmeister wurden.

Lebeck: 1958 habe ich die erste Reportage über die Adria gemacht, da fing der Tourismus gerade an. Trotzdem erschien mir die Welt plötzlich ziemlich klein, als mir am Strand meine ehemalige Tanzschulpartnerin Isolde über den Weg lief. Ich habe für sie in Venedig eine Gondel gemietet und sie darin fotografiert. Das Bild wurde später als Werbeplakat vor deutschen Kiosken aufgestellt: die erste Adria-Touristin – meine Isolde.

Zeit: Anders als den meisten Westeuropäern blieb Ihnen auch die Sowjetunion nicht verschlossen.

Lebeck: Zwischen 1962 und 89 war ich dort 17-mal. Doch immer, wenn ich russischen Boden betrat, fühlte ich mich bedrückt. Der reglementierte Alltag, diese Strenge, dieses Misstrauen. Dabei wusste ich, dass jedes Foto garantiert ein begehrtes Bild werden würde. Es gab ja praktisch keine Aufnahmen aus der Gegend. Und ich hatte die Chance, wider Erwarten Zeuge sehr malerischer, bewegender Momente zu werden. Einmal traf ich auf einer Dorfstraße auf einen Leichenzug. Der Sargdeckel wurde vorweggetragen, dahinter der offene Sarg. Zum Abschied konnte jeder dem Toten noch einmal ins Gesicht sehen. Eine wunderbare Sitte. Aber die Russen hatten Minderwertigkeitskomplexe und fürchteten, wir wollten nur das unterentwickelte Land zeigen. Deshalb wurde ich in Samarkand verhaftet. Ich hatte eine Fladenbrotbäckerin fotografiert. Auch all meine Filme von den Märkten in Usbekistan wurden beschlagnahmt.

Zeit: Die Fotos vom Leichenzug aber bekamen die hiesigen Illustrierte-Leser zu sehen. Wenn Sie rückblickend Ihr Werk betrachten, welche Fotos gehören zu den Bildern Ihres Lebens?

Lebeck: Ich habe eine Menge von dem, was man heute Ikonen nennt. Wenn ich Sammler von Lebeck wäre, würde ich mit dem Degendieb anfangen. Vielleicht war das mein größter Coup. 1960 stattete König Baudouin seiner Kolonie Belgisch-Kongo den Abschiedsbesuch ab. Als er im offenen Cabrio durch Léopoldville fuhr und sein Degen auf dem Rücksitz in der Sonne blitzte, stand ich parat. Genau im richtigen Moment fokussierte ich einen jungen Schwarzen, der den Herrscher sinnbildlich entwaffnete, indem er den Degen aus dem Wagen klaute. So wurde der Abgesang auf das Kolonialzeitalter im Kongo zum Auftakt meines Erfolgs.

Zeit: Ihren Abschied von der Karriere nahmen Sie vor 15 Jahren. Wie findet sich ein Zugvogel Ihrer Natur mit dem Ruhestand ab?

Lebeck: Meine Frau Cordula, die beiden kleinen Kinder und ich zogen damals in ein Bauernhaus an der französischen Atlantikküste. Ich bin ein notorischer Sammler. Auf meinen Reisen durch die großen Städte habe ich selten ein Antiquariat ausgelassen und rund 10000 Zeitschriften mit Fotoreportagen erstanden. Die konnte ich endlich auswerten und ordnen. Seit sechs Jahren wohnen wir nun in Berlin – gerade mal zwei Kilometer von meinem ersten Zuhause entfernt. So wie meine erste Frau vor mehr als 50 Jahren schenkte mir Cordula eine Kamera zum Geburtstag. Eine digitale Leica. Mit der bin ich durch Berlin getingelt, habe durch das offene Fenster der Doppeldeckerbusse die neue Architektur in der Abenddämmerung fotografiert. Dann ist das Licht am schönsten.

Zeit: Flackert auch noch mal ein bisschen Fernweh auf?

Lebeck: Manchmal denke ich an Kaschmir. An den Dal-See mit seinen Hausbooten und den Lotusblüten. Der ist wunderbar geeignet für Liebespaare. Aber eigentlich bin ich nicht mehr scharf aufs Reisen. Meine Familie will demnächst nach Tokyo. Ich bleibe lieber hier, streife in aller Ruhe über die Flohmärkte und freue mich auf die Fotos, die nun mein jüngster Sohn Oscar macht.

 
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