Mafia-Literatur Die Kraft des Lebens

Obwohl Roberto Saviano unter Todesgefahr lebt, hat er ein zweites Buch geschrieben

Roberto Savianos Bestseller "Gomorrha" hat unser Bild von Italien verändert

Roberto Savianos Bestseller "Gomorrha" hat unser Bild von Italien verändert

»Gestern hätte ich umgebracht werden sollen. Aber ich bin immer noch am LEBEN. Danke an alle, die mir durch ihre Nähe geholfen haben.« Das ist die SMS–Nachricht eines Mannes, den die Camorra umbringen will und die für diesen Mord sogar ein Datum bekannt gegeben hat. An Weihnachten 2008 sollte der Schriftsteller Roberto Saviano getötet werden, weil er ein Buch geschrieben hat, das die Machenschaften der Verbrecherorganisation schonungslos darstellt. Gomorrha ist 2007 erschienen und hat sich in Italien 1,2 Millionen Mal verkauft – Millionen Menschen haben mit der Lektüre dieses Buches einen Blick in die kampanische Hölle getan, denn nichts weniger hat Saviano geschildert. Für dieses »Verbrechen« kennt die Camorra nur eines: die Todesstrafe.

Wer die SMS dieses Überlebenden bekommt, stellt sich augenblicklich vor, unter welchen Bedingungen und wo sie geschrieben worden ist. Hinter den Mauern einer Polizeikaserne, im Schutz von Leibwächtern oder in einem gepanzerten Wagen, ein eilig in das Telefon getippter trauriger Jubelschrei, noch einmal davongekommen zu sein. Saviano lebt seit der Morddrohung der Camorra im Verborgenen, geschützt von einem Staat, dem es nicht gelingt, die Camorra auszurotten. »Was habe ich getan?«, sagt Saviano. »Meine Worte haben mich der Freiheit beraubt.« Saviano ist zum Gefangenen geworden, ähnlich wie Salman Rushdie, der seit 20 Jahren unter der Todesdrohung islamistischer Extremisten lebt. Rushdie hat Saviano übrigens zur Emigration geraten – eine Zeit lang sollte er sich aus der Schusslinie bringen. Saviano trug sich mit diesem Gedanken: »Ich werde aus Italien weggehen. Ich bin 29 Jahre alt, möchte ein Leben, eine Wohnung, möchte mich verlieben, in der Öffentlichkeit ein Bier trinken.« Bisher ist er in seiner Heimat geblieben.

Es wäre falsch, Saviano als Enthüllungsjournalisten zu bezeichnen. Nichts von dem, was er in Gomorrha geschrieben hat, musste enthüllt werden. Alles lag offen zutage, das Geschäft mit dem Müll, mit den Drogen, mit den Waffen, das straflose massenhafte Morden. Seit Saviano vor 29 Jahren in Casal di Principe auf die Welt kam, hat die Camorra rund 4000 Menschen umgebracht. Das sind mehr Menschen, als die baskische Eta und die nordirische IRA auf dem Gewissen haben.

Nichts war verhüllt, es musste nur einer kommen, der es in einer unvergesslichen, eindringlichen Weise aufzuschreiben verstand und auch den Mut aufbrachte, es zu tun. Gomorrha stellt nicht nur das wunde Gesicht Italiens zur Schau, es hat dem Land auch einen Schriftsteller geschenkt, der sich mühelos und stilsicher zwischen Reportage, Essay und Erzählung einpendelt. Die Sprache Savianos ist schnörkellos und in höchstem Maße poetisch.

Savianos Bestseller hat unser Italienbild verändert. Das ist eine erstaunliche Leistung, denn kaum eine andere Liebe ist so sehr mit unverrückbaren Klischees behaftet wie unsere Liebe zu Italien. Wer Gomorrha gelesen hat, kann nicht mehr unbefangen von »bella Italia« schwärmen. Es gibt freilich auch das Negativklischee Italiens, das Bild eines von Korruption, Verbrechen und ewiger Misswirtschaft gezeichneten Landes, und es gehört zu den perfiden Strategien der Camorra, jeden, der sich kritisch äußert, als Nestbeschmutzer hinzustellen. Auch Saviano musste sich immer wieder anhören, dass er mit seinen Buch nur darauf aus gewesen sei, Geld zu scheffeln. Das hat ihn tief getroffen. Seiner Meinung nach ist es ohnehin ein Fehler, die Mafia nur als ein Phänomen des Südens zu sehen. Der Norden verdankt seinen Wohlstand auch den verwahrlosten Verhältnissen des Südens. Der Giftmüll aus den Metropolen Norditaliens, der in der fruchtbaren Erde Kampaniens verscharrt wird, ist nur ein Beispiel von vielen für diese unselige Verbindung.

Das Gegenteil von Tod heißt der schmale Band, den Saviano nun veröffentlicht hat. Zwei Erzählungen, 70 Seiten, mehr sind es nicht. Die Knappheit mag durchaus der Lage geschuldet sein, in die Saviano geraten ist. Denn er kann im Grunde nicht mehr seiner Arbeit nachgehen. Früher, vor der Veröffentlichung von Gomorrha, fuhr Saviano mit seiner Vespa in die Vorstädte, wo mit Drogen gehandelt wird, er stellte sich in irgendeine Bar und hörte den Gesprächen der jungen Camorristi zu, er heuerte als Hilfsarbeiter an und beobachtete die Schmuggler bei ihrer Arbeit. Früher, da war er frei. Trotzdem, Das Gegenteil von Tod ist eine mehr als lohnende Lektüre. Es ist in gewisser Weise die Fortschreibung von Gomorrha, dieselbe Düsternis, dieselbe Verwüstung, dieselbe Hoffnungslosigkeit, dieselbe blutige Rache – und doch ist in diesem Buch die Kraft des Lebens zu spüren, die auch unter den widrigsten Bedingungen nicht erlahmt.

Saviano erzählt die Geschichte der 17-jährigen Maria, die ihren Bräutigam in Afghanistan verloren hat. Er erinnert daran, dass die meisten Soldaten für Auslandsmissionen aus Süditalien stammen. »Die Gegend hier ist voller Kriegsheimkehrer. Soldaten, die in Bosnien waren und vorher noch in Mosambik, im Kosovo, in Somalia, im Irak, solche, die schon im Libanon waren oder auf ihren Einsatz dort warten.« Ganz beiläufig wird klar, wie sehr Europa längst schon wieder in Kriege verwickelt ist, natürlich, es sind allesamt Friedenmissionen, doch kommen Soldaten, wie Saviano schreibt, »verbrannt, verstümmelt, zerstückelt« nach Hause. Für viele Männer aus dem Süden ist das Heer der einzige Ausweg aus einer drückenden Lage, und oft endet er im Tod, so wie Gaetano in Afghanistan, Marias Bräutigam. Maria hält fest an ihrem Geliebten, mit der Unschuld und Unerschütterlichkeit einer 17Jährigen. Sie lehrt Saviano, was Liebe ist, nämlich das Gegenteil von Tod. »Das Wort Liebe auszusprechen ist peinlich. Die Zunge versagt den Dienst, als wäre sie es leid, das altbekannte, ewig gleiche Wort aufzusagen. Doch gibt es einen Moment, an dem ein von zu vielen Mündern heruntergeleiertes und von zu vielen achtlosen Händen abgegriffenes Wort wieder zu seiner ursprünglichen Reinheit zurückfindet. Man weiß nicht genau, warum, und man könnte den Weg nicht zurückverfolgen, um den Vorgang zu wiederholen. Es geschieht einfach.« Mit Saviano hat Italien, haben wir einen Schriftsteller von Rang gewonnen – es ist bitter, dass man ihm vor allem wünschen muss, weiter am Leben bleiben zu können.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Wieso

    landen diese Mafiosi nicht auf Guantanamo? Anscheinend operieren sie genau in den selben Strukturen, wie der Geheimdienst selbst - Gift und Gegengift neutralisiert sich ja bekanntlich selbst.

    • self22
    • 24.02.2009 um 9:06 Uhr

    er wußte, was auf ihn zukommt. Trotzdem hat er es menschlich dargestellt und damit angeprangert. Meine uneingeschränkte Hochachtung!!

    Schade, dass es so Einen nicht bei uns gibt. Ach ja, bei uns gibt ja keine mafiösen Strukturen...

    ??

    • Vh
    • 30.05.2009 um 16:42 Uhr

    Ich denke nicht, dass Saviano wirklich wußte was auf ihn zukommt.
    Es gab schon etliche "Enthüllungsbücher" über die Mafia, die Camorra ect. vorher.
    Und keiner dieser Autoren oder auch andere Öffentliche Personen, die sich gegen die Mafia aussprechen, wurden je ernstzunehmend bedroht.
    Der Unterschied zu denen ist eben, dass Saviano einer von "Ihnen" ist, darum hört man Ihm auch zu.
    Er ist selbst im Brennpunkt geboren und aufgewachsen, als er am Hafen angeheuert hatte, war es auch die Camorra für die er arbeitete.
    Das hängt einerseits mit seinen Recherchen zusammen, andererseits aber auch damit, dass es so gut wie keine "Jobs" in der Gegend um Neapel gibt, die nicht mit der Camorra zusammenhängen.
    Da liegt das Problem des kompletten Süden Italiens und darauf will Saviano endlich aufmerksam machen. Der Camorrista ist kein Kleinkrimineller mehr mit Klappmesser in der Tasche, er ist zum angesehenem Geschäftsmann mutiert.
    Er verkauft nicht mehr nur Drogen sondern besitzt außerdem Baufirmen.
    Mein Vater kommt aus dieser Gegend, ich habe Familie und Freunde dort, und kenne die Problematik nur zu gut.
    Saviano ist das Sprachrohr einer verweifelten, zukunftslosen Jugend, die es leid ist Ihre Augen verschließen zu müssen. Die sich nicht mehr damit abfinden möchte, dass es "hier Unten" eben so ist wie es ist, weil es immer so war.
    Eine Jugend, die nicht versteht warum die Regierung Ihres geliebten Landes vor dem medialen Interesse aus aller Welt kein Müllproblem sieht, die kein Arbeitslosenproblem sieht, eine Regierung, die Forderungen für Personenschutz eines wichtigen Mafia-Kronzeugen ignoriert, und damit zulässt, dass dieser 3 Tage vor seiner Aussage auf offener Straße erschossen wird.

    Italien wartet seit 60 Jahren auf die Demokratie, Saviano hat angefangen, Sie endlich einzufordern!

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