Kaleidokop VOM STAPEL Mann und Weichei

Ursula März über Moritz Netenjakob und die Lust der Männer, sich als schwach und bedürftig zu zeigen

Warmduscher, Schattenparker, Weichei – an putzigen Metaphern fehlt’s ja nicht. Eher an einer Erklärung, weshalb Sprache und Fantasie derart aufblühen, wenn es darum geht, einen Männertypus darzustellen, bei dessen Hauptmerkmal es sich ums Schwächeln und Verblühen dreht. Es ist übrigens nicht das weibliche Geschlecht, dem das Privileg zukommt, sich seit Jahr und Tag über gewisse Rollenkonflikte des anderen Geschlechts lustig zu machen. Es sind merkwürdigerweise die Männer selbst. Die Comedy-Kultur lebt von Typen, die sich vor Spinnen, Frauen und großen Autos fürchten, einen Schlagbohrer nicht von einer Wasserpistole und eine Krawatte nicht von einem Galgenstrick unterscheiden können. Niemand ist in die Fuchteleien mit den Windmühlen der Männlichkeit so vernarrt wie die Männer selbst.

Auf knapp 300 Seiten eines Comedy-Romans mit dem Titel Macho-Man, verfasst von dem Kabarettisten und Comedy-Autor Moritz Netenjakob (Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009; 13,95 €), geht es um ein Spitzenmodell der Marke Weichei. Unser Mann ist Anfang dreißig, heißt Daniel, stammt aus Köln, ist in der Werbebranche unterwegs, arbeitet an einem Projekt für koffeinfreien Kaffee. Daniel wird rot, wenn Frauen ihn anschauen. Wenn sie ihn nicht anschauen, fällt er in die Löwengrube der Selbstzweifel und Selbstanklagen. Wenn er verschüchtert, verlegen, peinlich berührt ist – alles permanent der Fall –, rettet er sich in die Imitation der Sprechweise von Udo Lindenberg. Oder in die Imitation eines anderen deutschen Vorzeigemannes: Rainer Calmund. Selbstredend neigt Daniel zu kleinen körperlichen Malaisen. Mundtrockenheit und ähnlich verheerende Störungen.

Zu Beginn des Romans reist Daniel in die Türkei. Sein Freund arbeitet dort als Animateur in einem Ferienclub. Daniel ist kaum angekommen, als er die Frau seiner Träume erblickt. Eine türkische Schönheit namens Aylin. Das Wunder geschieht: Aylin lässt alle türkischen Machos links liegen und macht dem deutschen Milchgesicht den Hof. Im entscheidenden Moment der körperlichen Annäherung wird unser Mann aus Köln von einem akuten Allergieanfall blamiert. Aylin sieht darin kein Problem. Eher ein Zeichen männlicher Empfindsamkeit. Der Rest des Romans erzählt von Daniels Konfrontation mit der türkischen Großfamilie seiner künftigen Gattin. Stoff für Gags auf Schritt und Tritt. Zur Hälfte sind sie ganz vergnüglich, zur anderen Hälfte reichlich lau durch angestrengte Dauerlustigkeit. Das ist nun mal so bei Unterhaltungsprosa, die auf dem Prinzip einer Comedy-Show in Erzählform beruht.

Exemplarisch indes ist an dem Weichei-Roman und seinem Weichei-Helden etwas anderes, der merkwürdig selbstgefällige Unterton. Der gute Daniel studiert und kultiviert seine Männerschwächen nicht ohne narzisstisches Behagen. In die Türkei reist er ja wohl, weil sein deutsches Antimachotum dort erst richtig zur Geltung kommt. Potenz kann jeder Blödel. Aber Allergieanfall?

Nächste Woche erscheint an dieser Stelle »Kriminalroman« von Tobias Gohlis

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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    • Schlagworte Udo Lindenberg | Literatur | Medien | Türkei | Kriminalroman | Köln | Spinne
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