Ein Garten aus Erinnerung und Erwartung

Die Kinderromane von Philippa Pearce kreisen vor allem um ein Thema: Das besondere Verhältnis von Kindheit und hohem Alter

Ann Philippa Pearce wurde in Cambridgeshire in England geboren. Ihr Vater betrieb eine Wassermühle, und Philippa wuchs im Mühlenhaus am Fluss Cam auf. Sie hatte drei Geschwister, und die Kinder erlebten eine jener idyllischen Kindheiten, die in englischsprachigen Kinderbüchern gern besungen werden.

Als junge Frau studierte sie Englisch und Geschichte in Cambridge, ging nach ihrem Abschluss – wie viele Absolventen der Elite-Universitäten – in den öffentlichen Dienst und wechselte nach dem Zweiten Weltkrieg zur BBC. Später arbeitete sie für die Oxford University Press und näherte sich 1960 immer mehr ihrem eigentlichen Interessengebiet, indem sie Cheflektorin in einem Kinderbuchverlag wurde. Tom’s Midnight Garden (Als die Uhr 13 schlug) war Pearce’ zweiter Roman für Kinder, er erschien 1958 und erhielt die prominenteste britische Auszeichnung für Kinderbücher, die Carnegie Medal. Das Buch wurde im englischen Sprachraum ein gewaltiger Erfolg. In Deutschland hingegen setzte es sich, wie so viele ausländische Kinderbuchklassiker, nicht durch. Sehr zu Unrecht, wie wir meinen, denn der Roman ist keineswegs nur als Ausdruck eines beschränkten Zeitgeistes zu lesen: Es geht darin um ewige Fragen des Aufwachsens und des Respekts, den nicht nur Kinder den Erwachsenen, sondern auch Erwachsene den Kindern schulden.

In den sechziger und siebziger Jahren schrieb Pearce Texte für Bilderbücher, Kurz- und Geistergeschichten. Ihre ersten drei Romane kreisen um das Verhältnis zwischen Kindheit und hohem Alter. In Als die Uhr 13 schlug kommt es zum Ausdruck in der besonderen Verbindung zwischen dem Jungen Tom und der uralten Dame Mrs Bartholomew, die gemeinsam einen Zaubergarten herbeiträumen.

Pearce ist fasziniert von Fantasiewelten und den ausgedachten Freunden, die ein einsames Kind sich schafft, um zu überleben – auch dies ist ein häufiges Motiv in der angelsächsischen Kinderliteratur. Aber es kommt ebenso vor bei Astrid Lindgren, die zumindest den erwachsenen Leser nie ganz aus dem Zweifel entlässt, ob der König im Land der Ferne oder Nils Karlsson Däumling reale Wesen sind oder Trostfiguren für unglückliche Kinder. In Pearce’ Als die Uhr 13 schlug treffen sich die Einsamkeit des Kindes, das ungeduldig auf irgendeine Zukunft wartet, und die Isolation der alten Frau, deren Leben fast nur noch in der Erinnerung stattfindet. Es ist, bei allem Kummer, eine hoffnungsfrohe Botschaft, die aus Erwartung und Erinnerung einen Garten wachsen lässt.

 
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