Wenn die Uhr 13 schlägt
Wer in der überzähligen Extrastunde nach Mitternacht die Haustür öffnet, tritt hinaus in eine geheimnisvolle Welt. Dort ist alles möglich
Tom ist alles andere als begeistert darüber, die Sommerferien bei Onkel und Tante zu verbringen: Sie sind ausnehmend vernünftige, gar nicht humorvolle Erwachsene. Sie verstehen nichts von Kindern. Und sie wohnen in einer langweiligen Wohnung ohne Garten. Aber Tom bleibt trotzdem nichts anderes übrig, denn sein Bruder Peter hat die Masern, und 1958, zur Entstehungszeit von Tom’s Midnight Garden (Als die Uhr 13 schlug), bedeuten Masern viele Wochen Quarantäne.
Mit diesen ersten kleinen Traurigkeiten – durchkreuzten Baumhaus-Bauplänen, Abschiedsschmerz, drohendem Heimweh und absehbarer Langeweile – beginnt eine der ungewöhnlichsten Geschichten, die die englischsprachige Kinder- und Jugendliteratur hervorgebracht hat. Nicht nur bei Tom, auch bei den kinderlosen Verwandten spürt der Leser von Anfang an einen Schmerz, eine Eingeschränktheit, die Andeutung eines nur halb und nach rigiden, aber sinnlosen Regeln gelebten Lebens. Jeden Anflug von Fantasie, den Tom in den mühsamen Gesprächen mit seinem Onkel erkennen lässt, bremst dieser mit einer Konsequenz, als könnte die Fantasie schreckliche Erkenntnisse darüber an den Tag fördern, was in seiner Ehe alles nicht in Ordnung ist.
Tom ist ein Kind, und er ist einsam – die klassische Situation für einen erdachten Freund, für eine Welt, die nur in der Vorstellung existiert. Von Charles Dickens’ David Copperfield bis zu Roald Dahls Matilda haben sich die Helden englischsprachiger Romane oft mit den Anderwelten der Bücher getröstet; doch außer ein paar belanglosen Mädchen-Schulgeschichten findet sich im Haus von Onkel und Tante keine Lektüre. Tom muss einen anderen Ausweg finden, und er findet ihn, als die alte Standuhr in der Eingangshalle 13 schlägt (daher der deutsche Titel des Buches). Wenn man in dieser 13., illegalen, überzähligen Stunde der Nacht die Hintertür öffnet, gelangt man nicht wie üblich auf den tristen Garagenhof mit den Mülltonnen, sondern in einen großen, gepflegten und wunderschönen Garten. Das Haus ist dasselbe wie in der Jetztzeit, aber es befindet sich offenbar in einem früheren, besseren Zustand: Noch ist es nicht in beengende Wohnungen unterteilt, sondern heil und herrschaftlich.
Zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der Erzählung bekommt der Leser einen Hinweis darauf, dass hier nicht nur Toms Fantasie am Werk ist, dass er den Garten nicht allein geschaffen und herbeigesehnt hat: Die alte, von allen gefürchtete Vermieterin, Mrs. Bartholomew, erfahren wir, liegt im Bett und träumt – und schnell stellt sich die Ahnung ein, dass ihre Träume mit Toms Abenteuern im Garten zu tun haben könnten. Der freilich merkt davon nichts. Er ist zunächst einmal viel zu sehr damit beschäftigt, jeden Winkel des Gartens zu erforschen und die Bewohner des Hauses zu beobachten, als dass er sich Gedanken über den Ursprung des Zaubers machen würde. Jede Nacht, wenn Onkel und Tante schlafen, stiehlt er sich aus der Wohnung – und während er Stunden im Garten verbringt, vergehen in der Jetztzeit nur wenige Sekunden. Tom nimmt im Garten Anteil an einem Schicksal, das viel trauriger ist als sein eigenes: Das kleine Mädchen Hatty hat beide Eltern verloren und lebt nun bei seiner verwitweten Tante und seinen drei Cousins – einer ganzen Familie, die Hatty nicht haben wollte und sie ihren bloß geduldeten Status täglich spüren lässt.
Nur Hatty kann Tom sehen; und Hatty freundet sich mit dem Jungen an. Nun müssten wir uns entscheiden, können es aber kaum: Ist Tom Hattys Fantasiefreund, der ihr über ihre Verlorenheit hinweghelfen soll? Oder sind Hatty und der Garten Produkte von Toms Einbildungskraft? Wer bestimmt den Gang der Handlung? Substanzieller, ein richtiges, echtes Kind scheint in der Welt des Gartens eher Hatty zu sein, sie kann Äpfel aufheben, Türen öffnen und sich gehörig beim Sturz aus dem Baumhaus verletzen; Toms Erscheinung hingegen ist dort flüchtig, manchmal fast transparent, und er kann durch Wände gehen. Also muss er ein Geist sein, vollkommen klar! Das behauptet jedenfalls Hatty. Tom erbittert das, weiß er doch, dass er in der Welt von Onkel und Tante höchst stofflich und gar nicht durchscheinend ist.
Der Streit um die Frage, wer nun der Geist sei, bleibt aber der einzige ernsthafte Zwist der Kinder; davon abgesehen erleben sie traumhafte Sommerwochen im Garten. So wohl fühlt sich Tom, dass er sogar um eine Verlängerung seines Aufenthalts bei den Verwandten bittet. Das wiederum rührt diese beiden miteinander einsamen Menschen, die darin natürlich ein Zeichen der Zuneigung sehen, nicht die wilde Liebe zu einer Zauberwelt.
Zu viel Traurigkeit ist von Beginn an in dieser Geschichte, als dass die unbeschwerten Gartenbesuche immer weitergehen könnten. Für Hatty verstreicht die gemeinsam verbrachte Zeit anders als für Tom – sie vergeht , und Hatty wird erwachsen. Ihr kommt Tom jetzt immer schemenhafter vor, und sie sieht ihn seltener, weil sie ihn weniger braucht. Tom hingegen, der ja bleibt, wie er ist, bricht die bevorstehende Trennung fast das Herz. Zum letzten Mal sieht er seine Freundin, als die gerade ihren künftigen Ehemann kennengelernt hat und beginnt, sich aus ihrer unglücklichen Kindheit zu lösen.
Mit gebrochenem Herzen will aber Philippa Pearce ihren Helden doch nicht zurück nach Hause fahren lassen. Und so enthüllt sie ganz zum Schluss die kunstvolle Konstruktion ihrer Zeitverschränkung, und als Tom sich bei der alten Mrs. Bartholomew für eine nächtliche Ruhestörung entschuldigen muss, erfährt er auch, was aus seiner Hatty geworden ist.
- Datum 19.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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