Die Toten sind voller Sterne
Schön ist die schwarze Erde des Grabes: In ihren neuen Gedichten wagt sich die französische Dichterin Odile Caradec furchtlos an die letzten Dinge
Wahrscheinlich gibt es, so heißt es in einer alten indischen Schrift, nur zwei Arten von Büchern: Bücher über den Tod und Bücher über die Liebe. Manchmal auch Bücher über die Liebe, die Bücher über den Tod sind, und Bücher über den Tod, die Bücher über die Liebe sind. Wahrscheinlich lohnt es gar nicht, über andere Dinge ernsthaft nachzudenken oder zu schreiben. Das heißt, natürlich lässt sich auch über tausend andere Dinge tausenderlei schreiben, über das Leben, Gott, das Meer und die Sterne, aber am Ende läuft es eben immer nur auf diese zwei, auf dieses Eine hinaus: den Tod und die Liebe. Und da kann man dann eigentlich auch gleich zur Sache kommen.
Die französische Dichterin Odile Caradec, geboren 1925 in der bretonischen Hafenstadt Brest und heute im altertümlichem Poitiers zu Hause, ist so eine Dichterin zur Sache, halb genialische Sängerin, entfesselte Bardin, halb heitere Töpferin und Gärtnerin des Glücks. Sehr konkret sind schon die Titel ihrer Lyrikbände. Mitte der neunziger Jahre erschien hierzulande Kühe, Autos, Celli. 2005 endlich ein zweites Album: Katzen, Damen, Funken. Zu unserer Freude hat uns Rüdiger Fischers kleiner Verlag im Wald auf den dritten Band, den neuen, diesmal nicht so lange warten lassen. En belle terre noire heißt er, In schöner schwarzer Erde.
Über den Tod also, über die schöne schwarze Erde des Grabes. Erdig, irdisch, konkret und einfach. Nein: einfach nicht. Da wollen wir gleich warnen, denn Tod wie Liebe, das klingt so schlagerplatt – ist aber, versteht sich, die komplizierteste Sache der Welt. Die allervertrackteste, verschlungenste, widersprüchlichste, ausuferndste Sache der Welt, was immer diese alte indische Schrift dazu auch sagen mag.
Siebzig Gedichte über den Tod. Wie schnell wird so etwas kitschig und ranzig. Nicht hier. Caradec spürt den Tod im Leben auf, als lästigen Begleiter, beschreibt das Altern, wie es uns verändert. Die Füße, die nicht mehr warm werden unter dem dicken roten Federbett, das »Knistern der Haut«, die Osteoporose, und: »Wie klein der Kopf wird … / Man sieht an den Schläfen das Blau der Adern / der Hals neigt sich tiefer und tiefer / er trägt einen schwächlichen Kopf /.../ die Hände sind aneinandergereihte Knochen, ... von schwarzen Margeriten / übersät /.../ Wir haben Angst, und unsre Ohren trügen uns /.../ und doch ist tief in uns drin / mehr Engel als Tier.«
Lasst mich, ich zerfalle zu Staub, geht zur Seite, ich stehe in Flammen
Caradecs wundervoll wuchernde, unförmige, ungeschlachte, sprunghafte und lodernde und leise singenden Gedichte feiern den Tod, fluchen ihn und schmeicheln ihm. Sie verhöhnen ihn und verstecken sich in flimmernden Bildern vor ihm, locken ihn, den schönen Tod, der im Französischen immer eine Frau ist: La mort.
Aber was heißt das schon? Er wechselt das Geschlecht von Sprache zu Sprache, das Alter, die Gestalt, ist mal ein Kind und mal ein Greis. Ist mal ein Blitz (»Schau den vom Blitz getroffenen Baum / die schönste Skulptur der Welt«) und mal ein Tier, wie im Grabspruch für eine pikardische Schäferhündin, wie im Grabspruch für eine Nachtigall im Großraum Paris: »Hier ruht meine kleine Schwester, die Nachtigall / sie weckte mich um Mitternacht / das Mondlicht rundete die Erde …«
Animistische Ahnung durchzieht diese Verse, ohne dass sie sich in naturmystischer Schwärmerei verlieren; Odile Caradec ist keine romantische Frau. Stattdessen leuchtet franziskanische Demut auf, wenn es in ihrem Fall auch Demut vor dem Sterben heißt, und wo dem frommen Franz der Abglanz Gottes erscheint in allen Formen der Natur, erscheint ihr hier nur die unerbittliche Herrschaft der Zeit.
So fröhlich wie ihre beiden anderen Bände geriet Caradec In schöner schwarzer Erde nicht, keine kleinen und großen seligen Feiern des Lebens, und doch noch viel fröhlicher, noch viel ausgelassener. Der Trauermarsch geht über in einen flotten Totentanz, der feierliche Abgesang fordert verstohlen zum Mitschunkeln auf, das weihrauchwimmernde Requiem wird zur Operette. »Das Haus umschließt die Toten, die Lebenden / Es ist ein Prachtsarg voller Wonne.«
Nein, einfach nicht, ganz gewiss nicht. Vielfach, vieldeutig ist alles in diesem Buch, verrückt und alles verrückend, alle Gewissheit und alle Konventionen des Sprechens über den Tod. Man möge sie in ihrem Cello begraben, bittet die Dichterin, eine leidenschaftliche Musikantin. Auch will sie lesen im Grab – man soll »mir eine Ecke einrichten / zum Lesen, einen Winkel mit einem Lämpchen«. Und wie schön wäre es, wenn die Toten fernsehen könnten. Denn »wenn die Toten Fernsehen haben / gehn die Lebenden sie viel lieber besuchen // Mit dem Handtuch um den Hals / setzen sie sich auf die besten Gräber // Phosphoreszierende Lichter fangen zu tanzen an / die leichtfüßigen Kinder holen die Gießkannen // Die Toten, die Toten werden viel geistreicher sein«.
Spöttisch ist sie, und man weiß in solchen Momenten nie, ob ihr Spott den Toten oder den Lebenden gilt. Sie feuert die Toten an: »Auf, ihr Toten!« und singt den Himmel in den ewigen Schlaf, in Worten, die von fern an die traumbrüchige Sprache Edith Södergrans erinnern: »Der Mond ist wieder da / Die Sanftmut der Tiere, der Sterne // Das Glück ist voll / nichts ist endgültig // Man lässt den Frühling zu, man mag die Wolken / alle komplizierten Himmel«. Heiter leuchtet ihre Bitterkeit, irreal farbenfroh der Schmerz.
Sie kennt, benennt das Elend des Sterbens – aber: »Ich glaube, selbst Sterben kann anmutig sein / Die Toten sind voller Sterne«. Eindringlich, ohne jedes Zeichen kalmierenden Hoffnungsglaubens umkreist sie den Tod als Anfang, als Befreiungsfest in der Vernichtung: »Lasst mich, ich zerfalle zu Staub / geht zur Seite, ich stehe in Flammen / mein Bett ist eine Funkengarbe / von allen Banden werd ich frei sein / … / in alle Richtungen streck ich die Zunge raus // Lebt wohl, ihr kennt mich ja gar nicht / keinen Grabstein, keine Spur / weder Träne noch Hut«.
Hut? Was für ein Hut?
Odile Caradec ist ein herrlich irrlichterndes, ein radikal furchtloses Buch gelungen. Ein ungefüges, monströses Buch der vollkommenen poetischen Freiheit und Reinheit. Allein – sie weiß, an wem sie sich zu messen hat. Denn am Ende gibt es nur einen Dichter, den »einzigen wahren Dichter«: den Tod.
- Datum 19.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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