Literatur Kopulation

Über die Journalisten Heinz Strunk und Bodo Kirchhoff

Charlotte Roches Roman Feuchtgebiete hält sich tapfer auf Platz fünf der Spiegel- Bestsellerliste, sein männliches Pendant, Heinz Strunks Fleckenteufel, will hoch hinaus, zündet aber zumindest noch nicht ganz so fulminant (gut, immerhin 20000 Exemplare seien bereits verkauft, heißt es. Roche aber hat 1,4 Millionen Käufer gefunden. Da ist also noch etwas Luft dazwischen). Als Roches Buch über Hämorrhoiden und die weibliche Lust am ungewaschenen weiblichen Körper erschien und damit sozusagen auch ein Plädoyer gegen den Hygienewahn der Gegenwart, sagte ein befreundeter Kollege, es störe ihn eigentlich nur das Vorurteil darin, dass der Mensch sich heute zu ausführlich wasche und die Zeit also reif sei für einen Tabubruch. Seiner Erfahrung nach wasche sich der Mensch eher zu wenig als zu ergiebig. Es stinke allenthalben, gerade in der Tram (was den merkwürdigen Erfolg des Buchs sehr ungewohnt und gut erklärte).

Der Fleckenteufel ist schon äußerlich der Versuch, vom Erfolg der Feuchtgebiete zu zehren, sich sozusagen, wie treffend gesagt worden ist, in Löffelchenstellung an Roche heranzuschmiegen: Statt des Pflasters ist ein kleiner Waschlappen auf dem Cover abgebildet. Ein Buch voller Männergerüche und mit ordentlichen Ladungen Sperma, die der junge Protagonist während eines Ferienlagers – übrigens durchaus unterhaltsam – verschwendet. Zwischendurch, in dieser recht amüsanten Satire auf Roche, allerlei Scham- und Völlegefühle, derer sich mit Blähungen entledigt wird. Wir lernen: Auch Männer stinken, wenn auch, sofern der vorläufige Erfolgsvergleich der Bücher in dieser Hinsicht gestattet sei, wohl nicht ganz so sehr.

Pubertierende Jungs leiden heftig daran, kein Mädchen abzukriegen. Die Kopulation, die quälend verhindert ist, soll zumindest der Buchmarkt richten. Ihr schönen Bücher, befruchtet euch! Es gab Ein Mann – Ein Buch von einem Autorenkollektiv der Süddeutschen Zeitung, es gibt nun Eine Frau – Ein Buch. Und wenn es kein Buch gibt, dann ein Ereignis, mit dem heftig geflirtet wird: Bodo Kirchhoffs Erinnerungen an meinen Porsche, die Geschichte eines Bankers inmitten der Finanzkrise, ist der Zeit so unmittelbar abgerungen, wie es früher schlechterdings undenkbar war. Man stelle sich, nur versuchsweise, den Wenderoman drei Monate nach der Wende vor.

Die Beschleunigung aller Lebensbereiche durch Technik und Medienkonkurrenz hat die Romanproduktion erfasst und fegt damit eine schöne Illusion hinweg: Der Schriftsteller sei jemand, der ein wenig zeitenthoben, niemals übereilt und medienkonform, niemals anbiedernd und marktgerecht, aus einem inneren Schaffensdrang heraus seine Kunstwelt sich erfindet. Nun wissen wir endlich: Schriftsteller sind auch nur Journalisten. Sie lesen ein Buch als Debattenbeitrag, den es zu erwidern gilt. Weiblichen Körperöffnungen folgt sogleich ihr Gegenstück. Lesen sie von der Finanzkrise, schreiben sie vom leidenden Manager. Es geht offenbar nicht um reife Durchdringung der Zeitumstände oder einer Lebenserfahrung, sondern darum, als Erster ein Thema zu besetzen. Wir warten auf den nächsten Roman von Martin Mosebach. Es heißt, wenn auch nicht verbürgt, ein Pius-Bruder sei der Held.

 
Leser-Kommentare
    • Puka
    • 25.02.2009 um 16:59 Uhr

    Der Fehler in der Argumentation ist die Behauptung jeder Autor sein gleich ein Schriftsteller. Der großteil der Veröffentlichten Bücher hat herzlich wenig mit besserer Literatur zu tun, und nur den Verfassern dieser Qualitätsstufe möchte ich den Titel Schriftsteller zugestanden wissen. Auch dies übrigens ist ein Symptom unserer Zeit, dass wir Belletristik immer als hohe Kunst wahrnehmen, Filme - wenn sie nicht gerade auf Arte laufen - als weit niedriger einstufen, und Videospiele kollektiv verunglimpfen, wenn sie nicht völlig ignoriert werden. Man sollte zu einer reflektierteren Position gelangen, und einsehen, dass ein schlechtes Buch zu lesen unsinniger ist als ein gutes Videospiel zu spielen.

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