Kein Glück mit dem Klüver

Über das Elend deutscher Übersetzungen Edgar Allan Poes

Edgar Allan Poe hat kein Glück mit seinen deutschen Übersetzern. Zwar bleibt die 1966 bis 1973 von Kuno Schumann und Hans Dieter Müller herausgegebene Poe-Ausgabe eine Heldentat, die wahrscheinlich zum Untergang des Hauses Walter beigetragen hat. Der Verlag existiert nicht mehr – im Insel Verlag gibt es jetzt einen schönen vierbändigen Nachdruck. Auch ist die Übertragung des berühmten Gedichts The Raven (1845) durch Hans Wollschläger eine bewundernswerte Leistung, bei der Prosa jedoch neigt er zu gewissen Gespreiztheiten. Die Übersetzungen Arno Schmidts schließlich waren und sind eine Plage, weil er den Versuch unternahm, das Deutsch, das man zu Poes Zeiten vermutlich gesprochen hat, zu rekonstruieren, und auf diese Weise eine altertümlich-umständliche Sprache erfand, die zudem mit den Marotten und Manierismen Arno Schmidts durchsetzt war.

Deshalb musste man gespannt sein auf die neue Übersetzung des einzigen Romans, den Poe geschrieben hat, des Arthur Gordon Pym (1838). Die Geschichte beginnt vergleichsweise harmlos mit der betrunkenen nächtlichen Segelfahrt zweier junger Burschen, Pyms und seines Freundes Augustus, die mit Schiffbruch, nahezu sicherem Tod und einer wunderbaren Rettung endet. Keineswegs entmutigt, schmuggelt Augustus seinen Freund an Bord eines Handelsschiffs, und nun beginnt eine fantastische Fahrt, die von Kapitel zu Kapitel immer gewaltiger und unheimlicher wird. Meuterei, Schiffbruch, Hunger und Durst, schließlich Kannibalismus sind einige der Stationen, bis Pym, der einzige Überlebende, am Ende einem Meereskatarakt entgegentreibt, der nichts anderes zu sein scheint als die Hölle. Es könnte aber auch der Himmel sein, jedenfalls gehört der Arthur Gordon Pym zu jenen Texten von Poe, die das Irdisch-Banale mit einem verwegenen romantischen Sprung verlassen.

Die neue Übersetzung von Hans Schmid ist in der Tat ein Gewinn, sie liest sich flüssig und bleibt doch nahe am Text. Zum Vergleich eine Passage aus dem ersten Kapitel, wo Augustus dem Freund die nächtliche Segelpartie vorschlägt:

Edgar Allan Poe:

I can hardly tell what possessed me, but the words were no sooner out of his mouth than I felt a thrill of the greatest excitement and pleasure, and thought his mad idea one of the most delightful and most reasonable things in the world. It was blowing almost a gale, and the weather was very cold – it being late in October. I sprang out of bed, nevertheless, in a kind of ecstasy, and told him I was quite as brave as himself, and quite as tired as he was of lying in bed like a dog…

Die Übersetzung von Arno Schmidt:

Ich kann schwerlich klar formulieren, was mich jetzt überkam; aber kaum, daß diese Worte aus seinem Munde waren, verspürte ich einen Schauder aus kitzelndster Erregung & Lüsternheit; und seine Tollmannsidee dünkte mich eine der ergötzlichsten & logischsten Angelegenheiten von der Welt. Der Wind war nahezu böig zu nennen, und das Wetter empfindlich kalt – ging es doch schon gegen Ende Oktober. Nichtsdestoweniger sprang ich aus dem Bett; und informierte ihn, daß ich genauso tapfer sei wie er auch; und gänzlich so überdrüssig, wie er, mich wie ein Hund im Bette zusammenzurollen…

Die Übersetzung von Hans Schmid:

Ich kann kaum sagen, was da in mich gefahren ist, aber die Worte waren kaum über seine Lippen gekommen, da durchfuhr mich bereits ein Gefühl der größten Freude und Erregung, und ich hielt seine verrückte Idee für einen der wunderbarsten und vernünftigsten Vorschläge von der Welt. Draußen tobte schon fast ein Sturm, und das Wetter war sehr kalt – es war Ende Oktober. Trotzdem sprang ich in einer Art Ekstase aus dem Bett und sagte ihm, ich sei genauso mutig wie er, und genau wie er hätte ich genug davon, wie ein Hund im Bett zu liegen…

Man sieht, wie Arno Schmidt sich von seiner Formulierungslust hinreißen lässt und den Text sprachlich aufplustert. Der gute Übersetzer weiß, dass er eine dienende Aufgabe hat und der Versuchung widerstehen muss, schöner zu schreiben als der Autor und sich selber in ein bedeutendes Licht zu setzen. Dieser Versuchung ist Hans Schmid nicht erlegen, dafür aber einer nicht weniger üblen, der einer besserwisserischen Überheblichkeit. Die Herausgeber Hans Schmid und Michael Farin haben es sich nicht nehmen lassen, den Text mit zahllosen Anmerkungen zu durchlöchern wie ein Sieb. Ohne Unterlass prunken sie mit ihren Kenntnissen. Immer wieder findet man Fußnoten wie: »Hier irrt Pym« oder »Diese Episode ist nicht sehr glaubwürdig« oder »Das Bild ist ebenso dramatisch wie unrealistisch« oder »Poe hat hier falsch abgeschrieben.«

Letzteres bezieht sich auf die Tatsache, dass Poe mehrere Bücher über Schiffbruch und exotische Expeditionen ausgebeutet hat – für seine Zwecke natürlich, die alles andere als Wirklichkeitstreue oder Wahrscheinlichkeit im Sinn hatten. Die Anmerkungen nun führen pingelig vor, was Poe vom wem abgeschrieben, was er verändert und hinzugefügt hat. Das mag für wissenschaftliche Zwecke hilfreich sein und würde nicht stören, wenn die Anmerkungen im hinteren Teil versammelt wären. So aber ragen die Ziffern ständig aus dem Romantext heraus, und das Auge fällt auf die oft seitenlangen Fußnoten, deren schulmeisterlicher Ton immer unangenehmer wirkt. Die Herausgeber tun so, als hätte Poe ein fehlerhaftes Sachbuch geschrieben. Es ist aber ein Roman, der mit stärksten, mit kühnsten Effekten arbeitet. Ständig wird der Leser gezwungen, den Illusionsraum der Geschichte zu verlassen und sich in die staubige Welt neunmalkluger Philologen zu begeben.

Was bringt es, dass die Herausgeber jede Maß- und Zeitangabe Poes genauestens überprüfen? Wenn es heißt: »Ich blieb drei Tage und Nächte (so genau ich das zu schätzen vermochte) in meinem Versteck«, folgt die Anmerkung: »Die Schätzung könnte Pym sich sparen, weil Augustus ihm ein paar Zeilen weiter unten sagen wird, dass er drei Tage in der Kiste verbrachte habe.« Als sich die Mannschaft in meuternde und kapitänstreue Männer aufspaltet, rechnen die Herausgeber unablässig nach, ob die Abgänge durch Tod oder Überlaufen zum Gegner mit der ursprünglich angegebenen Gesamtzahl übereinstimmen, und siehe da, Poe hat nicht aufgepasst. Auch hat er die Größe der Mannschaft zu hoch angesetzt: »Auf einem Walfangschiff dieser Größe wäre eine etwa 25-köpfige Besatzung zu erwarten. Auf der Crampus sind es 43 Mann.«

Überhaupt hat sich Poe mit dem Segeln bei Weitem nicht so gut ausgekannt wie die Herausgeber. Die Schiffbrüchigen werden von einem Walfangschiff gerettet. Es heißt: »Das Schiff war dabei, über Stag zu gehen, als der Maat schon die Jolle hinunterließ.« Dazu die Anmerkung: »Eine Jolle wird von Handelsschiffen mitgeführt, jedoch nicht von Walfängern.« Derselbe Missgriff Poes wird einige Seiten später noch einmal korrigiert. Dann: Im Sturm bricht der Mast, Pym fährt mit dem Klüver weiter. Anmerkung: »Eine Schaluppe wie die Ariel hat nur einen Mast. Da dieser über Bord gegangen ist, gibt es nun nichts mehr, wo der Klüver befestigt sein könnte.« Mehrere Kapitel später monieren die Herausgeber erneut einen Klüver-Fehler und fügen spöttisch hinzu: »Poe hat kein Glück mit seinen Klüvern.« Nein: Poe hat kein Glück mit seinen Übersetzern.

Das ist schade, weil dieser Pym schön gestaltet ist und Abbildungen älterer Ausgaben enthält, darunter die einer französischen von 1926. Der Zeichner Pierre Falké wirft sich begeistert in die Finsternisse der Poeschen Albträume und lässt sie in geradezu kinohaften Bildern neu entstehen. Der Band übrigens stammt aus der Sammlung La joie des nos enfants (»Die Freude unserer Kinder«). Hat es damals keinen Kinderschutzbund gegeben?

 
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