Soll ER sich ein letztes Mal offenbaren?
Giovanni di Lorenzo: »Der fehlbare Papst«; Thomas Assheuer und Patrik Schwarz: »Weltvergessen im Vatikan« ZEIT Nr. 7
Eine himmlische Botschaft geht um: Protestanten sind sowieso Abtrünnige, der Papst hat sich verrannt, Juden zeigen sich als gewalttätige Kriegsherrn, muslimischer Fanatismus bedarf keines Kommentars – in diesen Zeiten überlegt Gott, ob er sich ein letztes Mal dem Menschen offenbart: vielleicht im Rahmen einer gewaltfreien, der Rechthaberei und ideologischer Anfälligkeiten abholden, lebensfreundlichen Zenreligion.
Volker Federle, Königsfeld
Als getaufter katholischer Christ haben mir die bisherigen intellektuellen Fehleinschätzungen des Papstes in seiner Regensburger Rede und bei seinem Besuch in Lateinamerika (im Grußwort an die indigene Bevölkerung: »Sie haben von jeher auf die Botschaft Jesu Christi gewartet…«) sehr weh getan. Aber die jetzige römisch-kuriale Reaktion unter Benedikt XVI. zum Verhalten des Bischofs Williamson übertrifft jegliche Befürchtung. Mit diesem Debakel ist erneut die Notwendigkeit eines seit Jahrzehnten geforderten, international besetzten Bischofsrates an der Seite des Papstes, der Kurie übergeordnet, deutlich geworden.
Da die katholische Kirche trotz allem für viele Menschen immer noch Glaubens-, Lebens- und Orientierungshilfe anbieten und Werke vermitteln kann, sollte ein lebendiger, weltweiter Mitarbeiterstab als wesentlicher Bestandteil des Papstamtes, unabhängig von jeglicher kurialer Behörde, wenigstens den fortschreitenden »Substanz«-Verlust der katholischen Kirche verhindern und im besten Fall im Austausch mit den anderen kirchlichen Gemeinschaften und im Gespräch mit den großen Weltreligionen für unabdingbare menschliche (und wenn man so will: göttliche) Werte wie Gerechtigkeit und Frieden weiterhin eintreten.
Bernd Minssen, Schrobenhausen
Wer Exkommunikation aus einer Kirchengemeinschaft fordert, muss bedenken, welches Kriterium »Gemeinschaft« definiert. Nach dem Selbstverständnis christlicher Kirchen ist es das Glaubensbekenntnis der jeweiligen Kirche. Es ist allein Sache der römisch-katholischen Kirche, zu klären, ob Fragen der Spiritualität wie Mundkommunion und lateinische Messe Bekenntnisfragen oder Fragen der zulässigen unterschiedlichen Ausgestaltung der Frömmigkeitspraxis auf der breiten Grundlage desselben Bekenntnisses sind. Und die katholische Kirche wird eine solche Klärung in der ihr bekenntnisgemäßen Art betreiben, nämlich hierarchisch. Dass der Papst sich um Einheit bemüht, muss nicht verwundern; das ist sein Job.
Anders verhält es sich mit der Holocaust-Leugnung. Sie ist keine Frage eines christlichen Bekenntnisses. Sie ist eine Frage der Bildung. Der Papst kann hier disziplinarrechtlich vorgehen.
Dass sich Holocaust-Leugnung ideologisch speist aus einem selbstgewissen Antijudaismus, das muss wiederum nicht wundern. 1900 Jahre lang war die gesamte Christenheit der irrigen Substitutionstheologie ausgesetzt, die besagt: Juden sind »Gottesmörder, sofern sie nicht zum Christentum konvertieren«. Manche brauchen möglicherweise 50 Jahre mehr zum Umlernen. Hierin allerdings ist Umlernen tatsächlich eine Bekenntnisfrage, denn die Heilige Schrift als Bekenntnisgrundlage aller christlichen Kirchen hat Substitutionstheologie noch nie zugelassen.
Stellt sich die Frage: Kann man die Geschichte der eigenen Kirche exkommunizieren? Ja, durch Buße! Das lässt hoffen.
Martin Pflaumer Pommelsbrunn/Nürnberg
Kennzeichnend sind auch die Karikaturen in einer Zeitung: »2005: Wir sind Papst« und »2009: Wir sind den Papst leid!« Der Oberhirte aus Rom hat bisher keine Gelegenheit ausgelassen, überall ins »Fettnäpfchen« zu treten. Es müsste aber eigentlich jedem von Anfang an klar gewesen sein, dass er sein Faible für »alte« Hüte wie den hermelinbesetzten Camauro auch »programmatisch« zur Schau trägt.
Er sollte seinen Camauro nehmen und sich in den Ruhestand verabschieden. Eigentlich müsste jeder wahrhafte Christ aus der Kirche austreten.
Volkmar Marschall, Frankfurt/Main
Im »geistigen Zentrum« der katholischen Kirche finden anscheinend verstörende Umwälzungen statt. Die kürzliche päpstliche Ernennung von Dr. Gerhard Maria Wagner zum Weihbischof hat mich genauso schockiert wie viele andere Katholiken in Oberösterreich. Ich bin der Meinung, dass sich ein so hochrangiger Vertreter unseres Glaubens mittelalterliche Aussagen zum Thema Naturkatastrophen, Literatur und Sexologie nicht leisten darf, und wir dürfen uns dies auch nicht gefallen lassen.
Wir müssen uns dagegen wehren, jedoch ist ein Kirchenaustritt das denkbar schlechteste Mittel. Es schwächte jene, welche bemüht sind, die katholische Kirche auf fortschrittlichen Stand zu bringen. Auch sie muss die Gesetze der Demokratie akzeptieren. Ein Davonlaufen von Schafen hat noch keine Herde stärker gemacht.
Ernst Pokorny, Traun/Österreich
Der Vatikan ist also »entsetzt« über die Kritik der deutschen Kanzlerin. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Da ist die Führung der katholischen Kirche entsetzt darüber, dass eine Regierungschefin sich erlaubt, deren Chef, den Papst, zu kritisieren, weil der einen Holocaust-Leugner wieder in die katholische Kirche aufnimmt; und zwar nicht irgendeine Regierungschefin, sondern die Kanzlerin ebendes Landes, das den Holocaust begangen hat und dafür von der ganzen Welt – zu Recht – gescholten und geächtet wurde. Das ist im Wortsinn »verrückt«.
Soll sich dieses Land – in den Augen der katholischen Kirche – wohl gar noch dafür entschuldigen, dass es die Holocaust-Leugnung oder deren Duldung nicht ertragen und nicht dulden will und kann? Auch dann nicht, wenn sie unter dem Patronat des Papstes, eines deutschen Papstes erfolgt?
Die katholische Kirchenführung leidet offensichtlich unter Größenwahn und Realitätsverlust. Man kann ihr nur raten: »Gehet in euch und tut Buße!!!«
Dieter Pantaenius, Bordesholm
Welche Werte hat diese Kirche im Sinn, wenn sie sich bei der nächsten »Wertediskussion« wieder lautstark zu Wort melden wird? Was lernen wir für unser Land, wenn wir den Umgang dieses Papstes mit Kritik beobachten? Bleibt an Werten mehr übrig als die berühmte Nächstenliebe? Die aber ist eine Worthülse, wenn Andersgläubigen, Atheisten, Minderheiten (wie zum Beispiel Homosexuellen) oder Frauen eine vollständige Anerkennung verwehrt wird. Als ernst zu nehmender Partner bei der Suche nach gültigen Werten für unseren demokratischen Staat hat Benedikt seine Kirche gerade gründlich disqualifiziert.
Andrea Ashauer, Hollfeld
Der verstorbene Papst Johannes Paul II. hat sich für die Schandtaten und Verirrungen im Namen der katholischen Kirche entschuldigt. Ähnliches für die Gräueltaten während ihrer jeweiligen Kolonialherrschaft und danach steht bei den meisten Staaten noch aus. Die Größe, die der Papst im Jahre 2000 vor Gott und der Welt aufgebracht hat, war für mich der entscheidende Grund, wieder in die Kirche einzutreten. Und nun eröffnet die halbe Welt ein Kesseltreiben gegen den jetzigen Papst, der mehrfach klar seine Abscheu gegen die industrielle Massenvernichtung von jüdischen und nichtjüdischen Menschen während der NS-Zeit deutlich ausgedrückt hat. Ihm zu unterstellen, er habe womöglich von den abstrusen Äußerungen Williamsons gewusst oder sie gar stillschweigend gebilligt, ist verleumderisch. In seiner Umgebung ist ein schlimmer Fehler gemacht worden, das räumen auch die deutschen Bischöfe ein. Doch wäre der Papst nichtdeutscher Herkunft, würde manches Diffamierende nicht dermaßen ausgeweitet. Er steht nun unter Generalverdacht. Man muss ihn langsam vor den Deutschen schützen.
Dietmar Kinder, Elsdorf-Heppendorf
- Datum 19.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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