Wo sich die Probleme türmen
Christina Gerth: »Ruhe auf Rezept« Zeit Nr. 7
Leider fehlt der berechtigten Kritik an der Behandlung dementer Seniorenheimbewohner mit Psychopharmaka etwas, das gute Kritik ausmachen sollte: dass sie konstruktiv ist. Dem ärztlich Tätigen, der allzu oft in dem nicht lösbaren Dilemma steckt, sich gleichzeitig medizinisch, juristisch und ethisch einwandfrei verhalten zu müssen und dies in dem von außen vorgegebenen zeitlichen und finanziellen Rahmen –, hilft das Erwähnen von Missständen alleine nämlich noch nicht weiter – und dem Patienten auch nicht.
In Zukunft wird vor allem eines wachsen: die Anzahl dementer, verhaltensauffälliger Altenheimbewohner, aber mit Sicherheit nicht die (fach)ärztliche und (fach)pflegerische Zeit, die ihnen zur Verfügung stehen wird. Aber selbst wenn man alle Zeit und alles Geld der Welt hätte, gäbe es in der Behandlung Demenzkranker weiterhin etliche Unwägbarkeiten und Unklarheiten – und dies nicht nur beim Einsatz der Neuroleptika/Antipsychotika.
Auch der Einsatz von Schmerzmitteln bedarf nämlich der Aufklärung des Patienten; das heißt falls ein Demenzkranker noch keinen rechtlichen Betreuer hat, müsste zunächst eine Betreuung bei Gericht angeregt, diese geprüft und nach fachärztlicher Begutachtung eingerichtet, der Betreuer dann ausführlich aufgeklärt und erst nach seinem Einverständnis das Medikament verordnet und das Rezept eingelöst werden, bevor der Patient das Medikament erhält: eine Prozedur, die gut und gerne Monate dauern kann und die der Patient dann mit Schmerzen verbrächte.
Angesichts dieser vielfältigen Probleme den behandelnden Ärzten aber lediglich an die Tatsache zu erinnern, dass ihr Tun schwerwiegende rechtliche Konsequenzen haben kann, wird vor allem eines zur Folge haben: dass den ohnehin unterversorgten Altenheimbewohnern immer weniger Behandlung zukommen wird – und in wessen Interesse wäre dies?
Michael Wölcken Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Ingolstadt
Als einstiger examinierter Altenpfleger, jetzt als fast 80-jähriger Rentner, bedrückt mich beim rückwärtsgewandten Blick immer wieder die unmäßige, kompromisslose Psychopharmaka-Verschreibungspraxis zur Ruhigstellung selbst mäßig unruhiger Patienten im fortgeschrittenen Alter. Dabei spielt die vorgegebene hohe Dosis von Behandlungsbeginn an, anstelle des sorgfältigen Einschleichens von Neuroleptika (und vor dem Absetzen das Ausschleichen), eine verhängnisvolle Rolle.
Dem Dilemma in der Therapie von Demenzkranken ist in erster Linie durch individuelle Zuwendung, ergo durch menschenwürdige Pflege zu begegnen.
Heinz Martin, Heltersberg/Pfalz
Ihr Artikel geht an der Realität vorbei. Es ist nicht so, dass wir Hausärzte hauptverantwortlich die Heimversorgung übernehmen wollen. Niemand sonst macht diesen Job. Realitätsfern ist die Aussage, wir würden zu selten Fachärzte (Psychiater) hinzuziehen. In akuten Krisensituationen – häufig (nachts, Wochenende) – hat kein Psychiater Dienst. Aber auch unter normalen Umständen einen Termin beim Psychiater für einen dementen Patienten zu bekommen wird extrem schwierig sein (vermutlich nicht vor vier Wochen).
Dr. med. Rainer Brünner, Schweinfurt
Können wir uns vorstellen, dass alte demente Menschen mit »herausforderndem Verhalten« noch Hoffnungen, Träume, Wünsche und Lust auf Abenteuer haben?
Manchmal brauchen diese Menschen ein Neuroleptikum, manchmal ein Schmerzmittel, aber viel häufiger brauchen sie achtsame Menschen, die sie ernst nehmen in ihrer Desorientierung, Angst und Einsamkeit.
Der französische Philosoph Gabriel Marcel schreibt: »Unruhig sein heißt seinen Mittelpunkt suchen«. Das gilt auch für demente Menschen. Wie finden wir und die uns anvertrauten Menschen diesen Mittelpunkt?
Eine Frau, die sich verbal nur noch bedingt mitteilen kann, bekommt ein Kaninchen auf den Schoß gesetzt, weil sie in ihrer Kindheit gern mit Kaninchen spielte. Die Freude, die sie ausstrahlt, überträgt sich auch auf ihre Pflegerin.
Eine demente Frau, von der angenommen wird, dass sie nicht mehr sprechen kann, bekommt eine Puppe in den Arm gelegt, sie gibt dieser einen Namen. Wer ist glücklicher, die Bewohnerin oder ihre Betreuerin?
Ein Mann mit »herausforderndem Verhalten« spielte in seiner Jugend gern Mundharmonika. Der Schüler in der Altenhilfeausbildung macht sich Gedanken über seine Biografie, gibt ihm eine Mundharmonika in die Hand und bringt aus Freude sein eigenes Saxophon mit. Vielleicht wird es für die eine oder den anderen an diesem Morgen etwas laut, doch garantiert tritt keine Langeweile auf, sondern es gibt »ein Konzert mit Resonanz«.
Die Schülerinnen und Schüler in der Aus- und Weiterbildung der Altenhilfe bringen ein enormes Potenzial an Kreativität mit. Sie brauchen gut ausgebildete, unkonventionelle, mutige Lehrer und Lehrerinnen, denn Respekt, Würde und Hingabefähigkeit lassen sich nicht beschließen.
Danke der ZEIT, dass sie diesem Thema mehr als eine Seite gewidmet hat.
Sabine Fischer-Ward Diplom Pädagogin und Lehrerin für Pflege, Hannover
- Datum 19.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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