Kampf gegen die Krise Die letzte Chance
In der Prignitz herrscht seit Jahren die große Depression
Das Industriegebiet Wittenberge Süd ist eine beleuchtete Wiese. An der Landspitze, die von zwei Elbarmen umschlossen wird, steht zwar eine kleine Biodieselraffinerie, und am anderen Ende des Geländes werden Spezialfette für die Lebensmittelindustrie herstellt. Aber dazwischen gibt es 18 Hektar voll erschlossenes Nichts. Dort, wo bis 1990 volkseigene Zellwolle produziert wurde, wächst das Gras mittlerweile kniehoch.
Das soll sich jetzt ändern, dem Konjunkturpaket der Bundesregierung sei Dank. Sofort kam Wittenberges parteilosem Bürgermeister Oliver Hermann Anfang des Jahres der Gedanke, »hier liegt für uns eine echte Chance«. Inzwischen steht fest, 4,3 Millionen Euro bekommt die brandenburgische Kleinstadt demnächst für den Bau eines neuen Hafens überwiesen. Dabei hatte in der Landeshauptstadt Potsdam bislang niemand einen neuen Logistikstandort in der strukturschwachen Prignitz auf dem Plan.
Durch die Krise haben sich die Prioritäten verändert. Das Geld muss schnell raus, am besten noch in diesem Jahr, und plötzlich ist Wittenberge ganz vorn mit dabei.
Es hat etwas gedauert, bis in Brandenburg die Millionen verteilt waren. Denn natürlich folgte dem unerwarteten Geldsegen ein erbitterter Streit in der Landesregierung. Die kleine CDU befürchtete, die SPD könne damit vor allem Prestigeprojekte fördern wollen, die dem größeren Koalitionspartner im Landtagswahlkampf nutzen. Die Kommunen forderten die ganzen 457 Millionen Euro für sich. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) hingegen wollte Schwerpunkte setzen. Jetzt wird geteilt. 241 Millionen Euro bekommen die Kreise, Städte und Gemeinden für die Sanierung von Schulen und Kindergärten sowie für kommunale Investitionen. Mit 70 Millionen Euro unterstützt das Land seine Hochschulen. Die restlichen 146 Millionen Euro fließen in ausgewählte Infrastrukturprojekte.
Wittenberge kommt dabei zugute, dass im Industriegebiet Süd schon manche hochtrabende Pläne und viele Versprechen gescheitert sind. Ein gigantischer Holzpark sollte hier einst entstehen und auch eine große Zellstofffabrik. Deshalb gibt es für den Hafen einen gültigen Bebauungsplan. Ohne die Wirtschaftskrise wäre von diesen Ideen vermutlich nie wieder die Rede gewesen. Nun aber haben sie einen ganz praktischen Vorzug: Es kann sofort losgehen, jedenfalls fast sofort. Bis Mai dauert die konkrete Planung, dann wird ausgeschrieben. Voraussichtlich von August oder September an können Gleise verlegt und Pfosten in den Fluss gerammt werden. Von »purem Zeitgewinn« spricht der Geschäftsführer der Hafenentwicklungsgesellschaft, Eckhardt Stübner.
Hafen ist allerdings ein großes Wort für zwei Anleger, die den maroden Stadthafen ersetzen sollen. Zunächst werden vor allem Baustoffe und Biodiesel verschifft. Einmal in der Woche soll dazu ein Schiff aus Hamburg Container bringen, die auf die Schiene umgeladen werden.
Die Zeiten haben sich geändert. Vor zehn Jahren hätte man in Wittenberge wohl geklotzt, für 30 oder 40 Millionen Euro eine komplett neue Kaianlage errichtet und dann gehofft. Inzwischen ist die Stadt bescheidener. Von einer »Keimzelle« spricht Hafenentwickler Stübner. Sie soll einmal den Güterengpass Hamburg entlasten, wenn in ein paar Jahren die neue Autobahn A14 von Magdeburg nach Schwerin an der Stadt vorbeiführt und hier nicht nur die Elbe, sondern auch die ICE-Trasse kreuzt. Einen »Impuls« will Bürgermeister Hermann setzen, nicht nur ökonomisch, sondern »auch psychologisch«.
Neue Hoffnung wird in Wittenberge dringend gebraucht, denn seit zwanzig Jahren steht die Stadt als Synonym für den Niedergang im Osten. Drei große Industriebetriebe mussten dort nach der Wende schließen, die Abwanderung ist dramatisch. Die Zahl der Einwohner sank seit 1990 von 30000 auf 20000. Die Arbeitslosenquote der Region beträgt 17,3 Prozent.
Der Aderlass ist nicht zu übersehen, überall in der Stadt stehen abrissreife Häuser und Industrieruinen, liegen Flächen brach. Und überall fehlt Geld. Das Elbufer am Rande der Altstadt soll für den Tourismus hergerichtet, ein alter Schienenstrang in einen Grünstreifen verwandelt werden. Auch die etwa 600000 Euro, die Wittenberge zusätzlich an direkten Zuweisungen aus dem Konjunkturpaket erwarten kann, sind da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Bürgermeister Hermann zählt weitere Sanierungsfälle auf. Die Grundschule IV muss dringend renoviert werden, eine Sporthalle und auch ein Stadion sind baufällig. Profitieren wird von dem Konjunkturprogramm wohl die Kindertagesstätte Haus der kleinen Strolche. »Pure DDR« sei der zweistöckige Plattenbau, sagt Hermann, und energietechnisch »eine Katastrophe«.
Doch mit dem Geldausgeben klappt es nicht von heute auf morgen. Die Konjunktur und die örtliche Wirtschaft profitieren frühestens im Herbst. »Schneller geht es nicht«, sagt Oliver Hermann, nicht in Wittenberge und auch nicht anderswo.
- Datum 04.05.2009 - 11:02 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
- Kommentare 6
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Müßte es in der Bildunterschrift nicht Fries heißen?
Ansonsten ist dem Drama und der Schande um den Osten Deutschlands keine weitere Aufmerksamkeit mehr zu widmen. Wer hätte gedacht, dass das Sterben und der Niedergang jetzt schon die Hälfte der Zeit in Anspruch nimmt, die die DDR existierte - wahrlich kein Ruhmesblatt.
(Anmerkung: Vielen Dank für Ihren Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion/jk)
Wer hätte gedacht, dass das Sterben und der Niedergang jetzt schon die Hälfte der Zeit in Anspruch nimmt, die die DDR existierte - wahrlich kein Ruhmesblatt.
So ist es leider - eine Besserung ist auch nicht in Sicht..........
Es war doch wohl eine der Vorgaben der anderen Europäer, dass ein vereinigtes Deutschland bloss nicht zu wirtschaftsstark und mächtig werde könnte - wie man es von den stärksten Wirtschaften der jeweiligen Seite hätte erwarten können nach der WV.
Werter Kollege,
leider sind Ihnen in Ihrem Beitrag über Wittenberges Hafenpläne sachliche Fehler unterlaufen. Die Idee eines Umschlagsplatzes an der Hafenspitze ist keinesfalls neu und schon gar nicht erst in diesem Jahr gereift.
Das Konzept ist seit etwa eineinhalb Jahren konkret in Arbeit, ein umfangreiches Gutachten liegt vor.
Ebenfalls verkehrt dargestellt ist in Ihrem Beitrag der Fakt, dass Potsdams Landesregierung erst im Zuge des Konjunkturpaktes II davon erfahren hätte. Die Landesregierung einschließlich Ministerpräsident Matthias Platzeck war von Beginn an über die Stadtpläne informiert, es gab im vergangenen Jahr mehrere Vor-Ort-Termine. Ebenfalls hat sich Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee bei seinem Besuch im vergangenen Frühjahr ein persönliches Bild von der Hafenspitze und vom notwendigen Neubau der Brücke gemacht. Letzteren sicherte er seine Unterstützung zu.
Der Hafenausbau gilt als zentrales Schlüsselprojekt des ausgewiesenen regionalen Wachstumskerns Perleberg-Wittenberge-Karstädt. Ebenfalls setzen sich Landesparteien für die zugegebenermaßen ehrgeizigen Pläne ein.
Mit freundlichen Grüßen
Hanno Taufenbach
Redaktionsleiter Prignitzer
Das ist eben so zutreffend, wie die Feststellungen, die vom Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage der Bundesrepublik oder das Kommunistische Manifest.
Ein Manifest ist es aber auch, dass Dank des organisatorischen Supertalents und der genialen Fähigkeit des Dr. Helmut Kohl, der die Eingliederung der Gebiete der sowjetisch besetzten Zone (früher auch DDR bzw. "DDR" genannt) durch den faktischen Diebstahl der finanziellen Rücklagen der Sozialversicherungsträger sowie der gesetzlichen Krankenversicherungen ermöglicht hat und die Transformation der neuen Länder in verlängerte Werkbänke der westlichen Großunternehmen mit der Hypersubventionierung ermöglicht hat, sollte alle mit Stolz erfüllen.
Dass massiv Grunderwerber aus den alten Bundesländern und tw. der EU (qua Strukturförderungszuschüssen etc) mit analogen Subventionen für die industrialisierten (also beschäftigungsarmen) Agrarkonzerne und -großbetriebe zu einer Entwicklung in der "Ostzone" beitrugen, die an die Schaffung eines Mezzogiorno in Deutschland erinnern, kann angesichts des immer dramatischeren Ausblutens dieser Regionen wohl niemand wirklich bestreiten. Natürlich mit Ausnahme jenes ostdeutschen Besitzbürgertums, dass die Gnade der Einbindung in den öffentlichen Beschäftigungssektor oder die Überführung in den Stand des Restituierten erfahren haben.
Mit der Verpulverung von Millionen für einen strategischen Transithafen in Wittenberg, der für ein futuristisches Szenario fernab aller Verkehrsströme errichtet werden wird, werden sicherlich einige lokale Bauunternehmungen für einen gewissen Zeitraum beschäftigt werden, manch einer der bisher arbeitsuchenden Beschäftigten des Baugewerbes wird Hoffnung schöpfen, die sich wohl aber nach einer kurzen Zeit wieder in Luft auflöst, so wie all die schönen Blütenträume, die der Landschaftsgärtner Kohl vor geraumer Zeit geweckt hatte und die sich faktisch alle in ein Meer von Disteln und anderem Magerbodenbewuchs verwandelt haben.
Die Differenz zwischen Theorie und Praxis, die mit Krug's Spur der Steine cineastisch-theoretisch dokumentiert wurde, hat der große Wiedervereiniger Dr. H. Kohl mit der Mezzogiornosierung der "Ostzone" in der Praxis umgesetzt.
Die Prignitz als künftige Ablagerungsreserve für die in Europa überall verfügbaren Restmüllmengen bietet natürlich auch für einen strategischen Hafenplatz wie Wittenberg einen tieferen Sinn und Wertgehalt.
Freuen wir uns also auf eine neue Zukunft, die unter dem schon seit mehr als 109 Jahren beliebten Motto unseres Besitzbürgertums "Deutschland soll leben, auch wenn wir sterben müssen" steht. Dafür bürgt dann nicht nur das Bombodrom, dafür macht der Wittenberger Hafen auch noch einen Weg frei.
Es sollten sich wirklich intelligentere Finanzierungsprojekte finden lassen, auch wenn die vielleicht den existierenden Interessen der lokalen Privilegiertenschichten nicht so in den Kram passen.
Es sind nicht die Arbeitslosen und die noch arbeitende Bevölkerung, die an dieser Misere Schuld auf sich geladen haben.
Die Schuldigen sitzen und saßen in den jeweiligen Gemeinde-, Stadt-, Land- und Bundesräten. Einige von diesen Herrschaften bekamen sogar noch das BVK, obwohl in ihren Zuständigkeitsbereichen Millionen an ostdeutschem Volksvermögen versenkt oder anderweitig beiseite geschafft wurden.
Eine verdienstvolle Leiterin einer Anstalt, die sich zur Aufgabe machte, das Volksvermögen der DDR zu verwalten bekam sogar die einmalige Chance, Millionen an Steuergeldern in der Gegend um Hannover zu versenken. Die EXPO 2000 war ein richtiger Knaller für unseren Staatshaushalt und ein Segen für all jene, die sich gerne verlustreich in Szene setzen wollen.
Oder ich denke an das Space-Center in Bremen, das seit über vier Jahren dicht ist.
Solange politische Propaganda, wirtschaftliche Inkompetenz und die Verflechtung von politischen mit privat-ökonomischen Interessen in unseren Amtsstuben ihr Unwesen treiben, solange wird dieses Land nicht zur Ruhe kommen, auch Bayern nicht.
Saludos, Amigos!
Es sind nicht die Arbeitslosen und die noch arbeitende Bevölkerung, die an dieser Misere Schuld auf sich geladen haben.
Die Schuldigen sitzen und saßen in den jeweiligen Gemeinde-, Stadt-, Land- und Bundesräten. Einige von diesen Herrschaften bekamen sogar noch das BVK, obwohl in ihren Zuständigkeitsbereichen Millionen an ostdeutschem Volksvermögen versenkt oder anderweitig beiseite geschafft wurden.
Eine verdienstvolle Leiterin einer Anstalt, die sich zur Aufgabe machte, das Volksvermögen der DDR zu verwalten bekam sogar die einmalige Chance, Millionen an Steuergeldern in der Gegend um Hannover zu versenken. Die EXPO 2000 war ein richtiger Knaller für unseren Staatshaushalt und ein Segen für all jene, die sich gerne verlustreich in Szene setzen wollen.
Oder ich denke an das Space-Center in Bremen, das seit über vier Jahren dicht ist.
Solange politische Propaganda, wirtschaftliche Inkompetenz und die Verflechtung von politischen mit privat-ökonomischen Interessen in unseren Amtsstuben ihr Unwesen treiben, solange wird dieses Land nicht zur Ruhe kommen, auch Bayern nicht.
Saludos, Amigos!
Es sind nicht die Arbeitslosen und die noch arbeitende Bevölkerung, die an dieser Misere Schuld auf sich geladen haben.
Die Schuldigen sitzen und saßen in den jeweiligen Gemeinde-, Stadt-, Land- und Bundesräten. Einige von diesen Herrschaften bekamen sogar noch das BVK, obwohl in ihren Zuständigkeitsbereichen Millionen an ostdeutschem Volksvermögen versenkt oder anderweitig beiseite geschafft wurden.
Eine verdienstvolle Leiterin einer Anstalt, die sich zur Aufgabe machte, das Volksvermögen der DDR zu verwalten bekam sogar die einmalige Chance, Millionen an Steuergeldern in der Gegend um Hannover zu versenken. Die EXPO 2000 war ein richtiger Knaller für unseren Staatshaushalt und ein Segen für all jene, die sich gerne verlustreich in Szene setzen wollen.
Oder ich denke an das Space-Center in Bremen, das seit über vier Jahren dicht ist.
Solange politische Propaganda, wirtschaftliche Inkompetenz und die Verflechtung von politischen mit privat-ökonomischen Interessen in unseren Amtsstuben ihr Unwesen treiben, solange wird dieses Land nicht zur Ruhe kommen, auch Bayern nicht.
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